Nichts Neues im Alten?

Replik auf Robert Kurz Praxisflucht ist kein Argument

Wer wie Robert Kurz die menschenvernichtende Logik des Kapitalismus erfasst, müht sich auch, eine neue Gesellschaft zu denken. Das möchte man meinen, soll die Hoffnung nicht blanke Glaubenssache bleiben. In der heutigen Welt wäre also nach Momenten zu suchen, die auf eine mögliche neue verweisen. Angebote von Franz Schandl, Stefan Meretz und mir straft Kurz jedoch mit Hohn. Vor wenigen Jahren, in seiner 1997 erschienenen Schrift Antipolitik und Antiökonomie, meinte er selbst noch, dass sich Menschen auf den vom Kapitalismus produzierten Brachen assoziieren und eine nichtkapitalistische Existenz schaffen könnten. Politik und Ökonomie waren ihm damals nicht die möglichen Kampffelder eines Ringens um eine neue Gesellschaft. Selbst Arbeit sah er so mit der kapitalistischen Form infiziert, dass sie keine Zukunftskategorie mehr sein würde. Der jetzige Kurz verweigert frühere Erkenntnisse, hofft wieder auf gewerkschaftliche Bewegungen. Mir wirft er Unmittelbarismus vor.

Ja, ich frage, wie sich assoziierende Individuen ihre Bedürfnisse unmittelbar befriedigen können. Mit "unmittelbar" ist hier die soziale Form gesellschaftlicher Beziehungen gemeint, die eben nicht über fremde Zwecke und äußere Notwendigkeiten vermittelt sind. Leben muss nicht durch das Nadelöhr der Verwertung hindurch und/oder durch den Staat gesichert werden. Die höhnische Unterstellung von Robert Kurz, ich dächte menschliche Gesellschaft als erweiterte Familie, wie sie Edmund Stoiber propagiere, weicht der Frage aus, wie denn die viel zitierte Aufhebung des Kapitalismus praktisch vollzogen werden kann. Ost-Erfahrungen mit "sozialistischer" Warenproduktion und "sozialistischem" Staat sowie heutige hilflose "Reformen" machen diese Frage unausweichlich.

Ich weiß, Kapitalisierung, wie wir sie heute erleben, ist dabei, auch in die letzten Tiefen unmittelbar menschlicher Funktionen einzudringen, damit Bedürfnisse letztlich nur noch als zu bezahlende Dienstleistung "befriedigt" werden können. Ich weiß aber auch, dass die Logik unmittelbaren menschlichen Lebens nicht identisch ist mit jener der Verwertung, dass eine vollständig durchgeführte Kapitalisierung die Gesellschaft auseinander treibt und menschliches Leben überhaupt zerstört. Auch Konservative und etwa der Klerus im tiefsten Bayern registrieren das mit Erschrecken. Falsch wird diese Erkenntnis dadurch nicht. Hinzu kommt: Die kapitalistische Kolonialisierung in die Tiefe vollzieht sich parallel zur Unfähigkeit, Menschen dauerhaft zahlungsfähig zu halten und so ihre Existenz zu sichern, sei es als Lohnarbeiter oder mit Hilfe staatlicher Alimentierung.

Unter diesen Bedingungen kann das Bestehen auf unmittelbarer Menschlichkeit dauerhaft nur erfolgreich sein, wenn sich Formen gesamtgesellschaftlicher Reproduktion entfalten, die nicht über das Ich-muss-mich-Rechnen und den ohnehin immer hohleren Sozialstaat vermittelt sind. Leben oder Kapitalismus! In diese Alternative treibt die jetzige Gesellschaft.

Was in der innerkapitalistischen Arbeiterbewegung und in den "sozialistischen" Staaten undenkbar war - heute erst tauchen massenhaft die Antagonismen auf, die ihre Aufhebung in einer neuen Vergesellschaftung finden können. Auch "alte" Formen menschlicher Reproduktion, die nicht mehr vom Verwertungsprozess getragen, sondern von diesem zerstört werden, müssen, wenn sie sich behaupten oder neu konstituieren wollen, Momente einer umfassenderen neuen Vergesellschaftung werden. Die alte Frage nach dem Schicksal der vorkapitalistischen russischen Dorfgemeinde wird heute eine allgemeine. Marx sah die Potenzen dieser Form und die mit dem Kapitalismus erst entstehenden Möglichkeiten, dass diese im sozialistischen Sinne geschichtsmächtig werden können. Für Traditionsmarxisten eine Zumutung. Doch für Robert Kurz?


00:00 03.09.2004

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