Nie wieder angestellt

Die einzige Alternative Immer mehr ostdeutsche Frauen machen sich selbstständig

Als Sabine Mielke 1990 arbeitslos wurde, konnte die Schiffsbauingenieurin trotz ihres etwas exotischen Berufs auf eine für DDR-Frauen durchaus nicht ungewöhnliche Erwerbsbiographie zurückblicken. Mit nur 38 Jahren war sie bereits 15 Jahre berufstätig gewesen, eine Bilanz, von der westdeutschen Akademikerinnen häufig nur träumen können.

Doch die Wende und der damit verbundene Niedergang der Rostocker Werften zerstörten auch die Sicherheiten von Sabine Mielke. "Die Arbeitslosigkeit war ein Schock für mich, ich war es einfach nicht gewohnt, ohne Arbeit zu sein", erinnert sie sich. Von ihrer Abfindung kaufte sie einen Computer. "Der hat mir den Psychologen ersetzt", sagt sie rückblickend. Sie erkämpfte sich die Teilnahme an mehreren Weiterbildungen. 1996 eröffnete sie ihr eigenes Konstruktionsbüro.

Sabine Mielke, eine Frau, auf die Wolfgang Clement und Peter Hartz genauso stolz sein können wie einst Erich Honecker? Angesichts der schwindelnden Höhe, die die Arbeitslosenzahlen mittlerweile erreicht haben, scheinen die Existenzgründer und neuen Selbstständigen die letzten Hoffnungsträger der Nation geworden zu sein. Wer keinen Arbeitsplatz hat, möge sich doch bitte einen schaffen, heißt die Devise.

Tatsächlich sind in den neuen Bundesländern offenbar gerade auch Frauen bereit, sich auf dieses Experiment einzulassen. Zwar gründen Männer in absoluten Zahlen immer noch deutlich mehr Unternehmen als Frauen, doch betrachtet man nur die Zuwachsraten der Unternehmensgründungen, so liegen diese bei den Frauen doppelt so hoch wie bei den Männern. Auch im Vergleich zu den Westfrauen erweisen sich die Ostfrauen als etwas gründungsfreudiger. In den neuen Bundesländern sind 30 Prozent der Selbstständigen Frauen, in den alten nur 27. Auch die Zuwachsrate liegt bei den Ostfrauen mit 16,8 Prozent über der Westrate von 15 Prozent.

Der geringe Vorteil der Ostfrauen gegenüber den Westfrauen könnte darauf hindeuten, dass gerade die etwas älteren Frauen im Osten bessere Voraussetzungen für die Selbstständigkeit mitbringen als ihre westdeutschen Geschlechtsgenossinnen, da sie häufiger in technischen Berufen ausgebildet wurden. Unternehmen im technisch-industriellen Bereich sind in der Regel größer, schaffen mehr Arbeitsplätze, haben eine höhere Wachstumsdynamik und werfen mehr Gewinn ab als die typischen Ein-Frau-Unternehmen im Dienstleistungsbereich. Die meisten Förderprogramme und Banken bevorzugen kapitalintensive Gründungen. Nach den bisherigen Untersuchungen haben solche Unternehmen zudem bessere Überlebenschancen. Tatsächlich liegt der Anteil der Ein-Frau-Betriebe mit 53 Prozent im Osten deutlich niedriger als im Westen (61 Prozent).

Die ostdeutschen Frauen scheinen sich auf dem Markt also etwas besser zu behaupten als ihre westdeutschen Kolleginnen. Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade im Osten für viele Frauen die Selbstständigkeit eine Notlösung ist, keine freiwillig gewählte Arbeitsform. "Im Westen ist es jede fünfte Frau, die aus der Arbeitslosigkeit kommt, im Osten jede dritte", sagt Christiane Bannuscher vom Rostocker Ressourcen Zentrum, die Frauen auf dem Weg in die Selbstständigkeit berät.

Petra Neumann aus Görlitz ist ein Beispiel dafür, welche ungesicherten Lebensweisen sich hinter dem hochtrabenden Begriff der "Unternehmerin" verbergen können. 1993 gründete Neumann, die fließend tschechisch spricht, in ihrer Heimatstadt ein Übersetzungsbüro. Eine Chance, eine Anstellung zu finden habe sie nicht gehabt, sagt sie. Um ihre Einnahmen zu verbessern, hat sie sich vor allem für die Sommermonate gleich noch eine zweite "Unternehmertätigkeit" zugelegt - sie verkauft historisches Glas. Zwar gehe es ihr und ihren zwei Kindern heute besser als am Anfang, sagt sie. Aber wenn mal größere Ausgaben anstünden, das Auto kaputt gehe oder ähnliches, dann sei das schon ein Problem.

Der überwiegenden Mehrheit der selbstständigen Frauen dürfte es ähnlich gehen: Fast 60 Prozent der Unternehmerinnen in den neuen Bundesländern verdienten 2002 weniger als 1.300 Euro netto im Monat, bei den ostdeutschen männlichen Selbstständigen waren es 47 Prozent. Von den selbstständigen Frauen im Westen fielen nur 50 Prozent in diese Kategorie und von den westdeutschen Unternehmern gar nur 20 Prozent. (Angaben: Statistisches Jahrbuch 2002).

Dennoch kommt der Sozialwissenschaftler Michael Thomas in der Studie Neue Selbständige in Ostdeutschland zu dem Ergebnis, dass die Selbstständigen in den neuen Bundesländern länger durchhalten. Dies habe nicht zuletzt mit der geringen Zahl von Alternativen zu tun, die ihnen bei einer Pleite zur Verfügung stünden. Eine Einschätzung, die auch Christiane Bannuscher teilt. Nicht reich werden, überleben sei das Gebot der Stunde, sagt die Gründungsberaterin.

Wer sich im Osten selbstständig macht - und dies gilt natürlich auch für Männer - ist ein Pionier in doppelter Hinsicht. Nicht nur, dass er sich selbst ein neues Arbeitsfeld erschließt, er tut dies vielmehr häufig in strukturschwachen Regionen, in denen einige wenige Großkonzerne den Ton angeben. Frauen als Unternehmerinnen sind durch ihre Konzentration auf kleine Gründungen im Bereich Handel und Dienstleistungen von diesem strukturellen Problem vielleicht noch stärker betroffen als Männer, da sie in besonderem Maß auf den lokalen Markt angewiesen sind. So wie Kathrin Seifert, die Diplomsoziologin, die sich als Trainerin für "Beratung, Persönlichkeit, Betrieb und Image" selbstständig gemacht hat. Seit zahlreiche Bildungsinstitute in Brandenburg schließen mussten, hat sie einen großen Stamm potentieller Kunden verloren.

Auch Claudia Schaffhausen, die in Gremmelin ein Seminarhotel, eine Werbeagentur und eine E-Learning-Firma mit insgesamt immerhin neun Mitarbeitern betreibt, sagt: "Es gibt in der Region (Mecklenburg-Vorpommern) wenige potenzielle Kunden, und wenn, dann sind es oft sehr große Firmen, die nicht mit unbekannten Miniunternehmen zusammenarbeiten wollen." Da klingt es fast wie Galgenhumor, wenn sie hinzusetzt, immerhin gebe es auch nicht viele Konkurrenten.

Fehlende Rücklagen sind ein weiteres Hindernis, mit dem sich besonders ostdeutsche Frauen bei einer Unternehmensgründung auseinander zu setzen haben. Unter den zahlreichen existierenden Förderprogrammen sind solche, die den speziellen Bedürfnissen der meisten Frauenunternehmen gerecht werden (kleine Kredite, Unterstützung von Teilzeit- und Nebenerwerbsgründungen, Förderung von Weiterbildungen) die Ausnahme. Ein Problem für sich stellen die Banken dar. Ursula Meyer vom "Bundesverband der Frau in freien Berufen und Management" ist überzeugt davon, dass es hier nach wie vor starke Vorbehalte gegenüber Frauen als Unternehmerinnen gibt. Auch Hannelore Grohmann, die in Thüringen eine Weile eine Maschinenbau-Firma betrieb, hält es für "einen Fakt", dass Frauen von den Banken nicht anerkannt werden. Wenn sie selbst bei ihrer Bank nach dem Stand der Bearbeitungen ihres Falles nachgefragt habe, sei sie mit Allgemeinplätzen abgespeist worden, wenn einer ihrer männlichen Mitarbeiter dort angerufen habe, seien die Verhandlungen gleich ins Detail gegangen, berichtet sie.

Nach gängigen Schätzungen überleben etwa drei Viertel aller von Frauen gegründeten Unternehmen die ersten drei Jahre. Eindeutig am erfolgreichsten seien die Frauen, die für ihre Tätigkeit Fachkenntnisse durch eine Ausbildung oder eine frühere Berufstätigkeit mitbrächten, berichtet Christiane Bannuscher. Auch eine öffentlich Förderung erhöhe die Überlebenschancen deutlich. "Die Selbstständigkeit ist ein guter und sinnvoller Weg aus der Arbeitslosigkeit", sagt sie. "Aber nur für Menschen, die die entsprechenden Voraussetzungen mitbringen".

Trotz aller Schwierigkeiten sind die meisten Frauen mit ihrem Selbstständigen-Dasein zufrieden. Das eigene kleine Unternehmen betrachten sie als ein Stück Selbstverwirklichung. Sabine Mielke, die Schiffsbauingenieurin, schrieb 1999 in einem Selbstporträt: "Ich würde nicht wieder in ein Angestelltenverhältnis zurückgehen". Sechs Jahre kämpfte sie um ihr Konstruktionsbüro. Dann musste sie aufgeben. Heute arbeitet sie in Hamburg. "Es kamen einfach keine Aufträge mehr rein", sagt sie lapidar.

00:00 19.09.2003

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