Nieder mit der Weihnachtsgans!

Ernährung Thomas S. ist Verfechter konsequenter Rohkosternährung. Dabei war er einmal erfolgreicher Koch. Heute versucht er nur noch so zu essen, wie es ihm sein Körper einsagt

Es gibt Hürden“, sagt er. Die muss man überwinden. Da sind die anfänglichen Unverdaulichkeiten, die Kombination und Auswahl der Lebensmittel sind wichtig. Man muss darauf achten, dass man alle Nährstoffe hat. Ohne Fleisch, sagt er, geht es auf Dauer nicht. Man sollte es niemals alleine tun, sondern in Begleitung, man braucht Mentoren, so wie er einen hatte. Und dann ist da der Ekel, wenn es an bestimmte Speisen geht. „Ich esse immer noch keine Fischköpfe“, sagt er und meint das vermutlich nicht ironisch.

Thomas isst nur Rohes. Rohes Fleisch, rohen Fisch, rohe Eier, Obst, Gemüse, Nüsse, Körner, Algen, Kräuter, und Avocados, viele Avocados – ein ganzes Kilo braucht er davon am Tag. „Durch Kochen wird dem Lebensmittel nichts hinzugefügt“, resümiert er die einfache Lehre, im Gegenteil, Kochen verändert die chemische Verbindung der Nahrung, Moleküle werden „denaturiert“, nichts wird besser dadurch, dass man es kocht oder backt oder brät.

Deshalb isst Thomas nicht: Brot, Reis, Nudeln. Er raucht keine Zigaretten, trinkt keinen Kaffee oder Alkohol, isst weder Schokolade, noch Kekse, noch Kuchen. Und Milch? Nun, die meiste ist erhitzt, sagt er. Rohe Milch direkt von der Kuh ginge. „Aber mich überzeugt die Theorie, dass Milch nicht für den Menschen geeignet ist. In der Natur trinkt auch kein Säugetier die Milch von anderen Tierarten.“ Warum also wir? Kein Tier kocht Nahrung, kein Tier fermentiert Getränk.

Trinkt er wenigstens warmes Wasser? Er lacht erstaunt auf. „Wieso sollte ich Wasser kochen?“ Eines aber betont er nachdrücklich: dieser Lebensstil darf nicht als Verzicht erlebt werden, denn Verzicht frustriert. Es sei eine durch und durch „auf Vergnügen beruhende Ernährungsweise.“

Rohköstler ist Thomas seit fünf Jahren. Den Herd, der noch in seiner angemieteten Berliner Wohnung steht, wird er wohl ausräumen lassen, er braucht ihn nicht. Einen Wasserkocher hat er aus Rücksicht auf seine Schwester und Besucher, die Tee trinken möchten. Die Wohnung ist schlicht, man könnte sagen spartanisch eingerichtet.

Das Kochen als Handwerk hat mich sehr befriedigt

Bei Thomas ist Rohkosternährung doppelt vertrackt, denn er war früher Koch, und zwar ein sehr guter. Immer noch schätzt seine Mutter, wenn er Kuchen backt, und einmal im Jahr tut er das ihr zuliebe.

Geboren ist er in einem kleinen Ort in Vorarlberg. Ein Architekturstudium begann er in Zürich, brach es ab und lernte später vier Jahre lang das Kochen, indem er – Hauptsache südlich der Alpen – in der Schweiz, in Mailand und Rom von Restaurant zu Restaurant zog und seine Dienste anbot. „Das Kochen als Handwerk hat mich sehr befriedigt“, sagt er, seine Leidenschaft waren gute vegetarische Küche und Bio-Restaurants.

Thomas war so gut, dass ihm die Leitung eines Restaurants in der Nähe von Locarno angeboten wurde, doch er lehnte ab. In Rom schließlich lernte er seinen Mentor kennen, Fausto, jenen Mann, der das Buch Die Rohkosttherapie von Guy Claude Burger ins Italienische übersetzt hatte und nach der darin beschriebenen Lehre lebte. Fausto hatte einen Hang zum Missionarischen. „Ich glaube, ich war der einzige, der ihm zuhörte“, sagt Thomas. Doch was ihn bekehrte, war nicht die Lehre, sondern die Lebensform, die Erfahrung, an einem verehrten Vorbild und später am eigenen Leib zu spüren, wie es ist, nur Rohkost zu essen. „Sogar sich zu 90 Prozent so zu ernähren, ist überhaupt nicht zu vergleichen mit 100 Prozent“, sagt er. Die ganze Welt wird anders.

Bis man die Effekte spürt, dauert es einige Zeit. Die von Guy Claude Burger entwickelte „Instinctotherapie“ geht davon aus, dass wir durch Kochen von unserem natürlichen Ernährungswissen abgebracht werden. Das Kochen ist sozusagen der Sündenfall, es verändert die chemische Struktur der Nahrung. Wir seien, sagt Burger, genetisch nicht auf Kochkost eingestellt. Wenn wir uns dagegen nur von Rohem ernährten, fänden wir zu einem Ursprung zurück, der uns mit völliger Sicherheit leite. Der Körper, durch die richtige Kost wieder in seinen sozusagen natürlichen Reinzustand gebracht, zeige durch Ekel, Abscheu oder Wohlgeschmack genau an, was gut ist, und er zeige auch, wann wir genug haben. Riechen soll man am Lebensmittel, probieren und ausspucken – Tischsitten sind passé, Kochgeschirr, Öfen, Küchenmaschinen, Restaurants und die gesamte Feinschmeckerkultur auch. Essen ist Medizin oder andersherum: Gekochte Nahrung vergiftet uns.

Erstaunlich sind die Berichte von Rohköstlern, die Thomas bestätigt, dass für sie nämlich dasselbe Nahrungsmittel – ein Kohl, eine Frucht, ein Kraut – vollkommen verschieden schmecken kann, unerträglich bitter und brennend auf der Zunge oder sehr wohltuend, je nach Bedürfnislage des Körpers. Die Geschmacksqualitäten und die Sensibilität für Lebensmittel veränderten und intensivieren sich kolossal.

Burger, 1934 in der Schweiz geboren, gelernter Musiker und Physiker, entwickelte die Instincto-Theorie im Laufe einer für aussichtslos befundenen Krebserkrankung, und seine Ideen gehen weit. Viren und Bakterien seien nicht schädliche Aggressoren, sondern Helfer in genetisch kontrollierten Prozessen zur Entgiftung und zur Eliminierung ungeeigneter Fremdmoleküle. Die Krankheiten, die wir haben, seien zumeist Reaktionen auf Fehlernährung.

Ein Jahr hat Thomas gebraucht, um ganz die Lebensform anzunehmen, die ihn zugleich um seine Arbeit und seine begonnene Karriere bringen würde. Es war ein riesiger Schritt. Er gab seinen Beruf auf, brachte sich durch mit Schneiderei, verließ Rom und kam schließlich nach Berlin, wo er jetzt in der ambulanten Altenpflege arbeitet. Warum ist er immer weg gegangen? „Keine Ahnung“, sagt er, „das sind Gefühlsentscheidungen. Aber was ich gewagt habe, hat sich immer gelohnt.“

Gekochtes Essen hat Thomas „regelrecht erschlagen“, Rohkost dagegen tut ihm gut. Wobei gar nicht so leicht zu bestimmen ist, was „roh“ bedeutet. Roh ist nicht gleich kalt, und fast alle Nahrungsmittel wurden erhitzt, selbst Körner und Nüsse aus dem Bioladen, Honig und Marmeladen ohnehin. Manchmal findet man auf Packungen den Hinweis: „Rohkostqualität, unter 38 Grad getrocknet.“

Es gibt einen Spezialhandel für Rohkostesser, und „jetzt wird es vielleicht etwas seltsam“, sagt er, aber auch das Fleisch von Tieren, die Gekochtes gegessen haben, isst Thomas nicht. Er bestellt sich Wildfleisch von Metzgern, denen er vertraut und die zusichern können, dass es von Tieren stammt, die sich im Wald ernährt haben oder unter Rohkostbedingungen gehalten worden sind. „Für solches Fleisch gibt es einen kleinen Markt in Europa!“ In Thomas‘ Kühlschrank liegen Möhren, diverses Gemüse und Algen, in einem Vorratsschrank luftgetrocknetes Fleisch. Es riecht nicht angenehm. „Stimmt“, sagt er, als sei er selbst erstaunt, „ich bin wohl nicht WG-tauglich.“

Zwei Mahlzeiten nimmt er ein am Tag, und die dauern, denn Rohkostknabbern braucht seine Zeit. Mittags gibt es Gemüse und Avocados, abends Wildschwein zum Beispiel und diverse Kohlsorten, Blatt für Blatt. Am Blumenkohl schmecken dem Rohköstler am besten die Blätter und der Strunk, am langweiligsten ist die weiße Blüte – also das, was die Kochköstler immer verzehren. Wenig Wert legt Thomas auf Teller oder schönes Anrichten des Essens. Es ist genug, dass es schmeckt, und es schmeckt gut, sehr gut. „Man könnte durchdrehen vor Freude, wie es schmeckt.“

Die Folgen der Rohkosternährung merkt Thomas deutlich, er ist „in einem ganz anderen Wachheitszustand“. Er ist fitter, konzentrierter, ruhiger, der „Motor läuft runder“, er schwitze auch weniger und sei, was ihn selber erstaune, weniger schüchtern, weniger ängstlich und weniger eifersüchtig, seitdem er sich so ernähre. „Ich bin zärtlicher und zugewandter geworden“, sagt er.

Warum das so ist? Thomas vermutet, dass unser Nervensystem von gekochter Nahrung gereizt wird oder auch abstumpft. Er drückt mir das Buch von Guy Claude Burger in die Hand. Die Geheimnisse der Instinctotherapie. Darin ist alles erklärt. „Es ist ein sehr radikales Buch. Wenn du irgendwo hörst, dass Burger etwas mit Pädophilie zu tun hat, lass dich nicht abschrecken.“ Das mit der Pädophilie sei bedauerlich, sagt Thomas, aber es habe nichts mit Instinctotherapie zu tun. Neben seinen Ernährungslehren hat Burger auch eine „Metapsychoanalyse“ und dubiose Thesen vom Pädosexualismus vertreten. Seit 1997 sitzt er wegen sexuellen Missbrauchs in Haft.

Es klingt logischerweise ­verrückt

Es ist so eine Sache mit der Plausibilität von Lehren, die außerhalb des Common Sense stehen. Sie klingen, logischerweise, verrückt, weil sie mit herkömmlichem Denken nicht übereinstimmen und mit üblichen Mitteln nicht zu beweisen sind. Um zu überzeugen, müssen sie andere Register ziehen. Burger hat versucht, seine Instinctotherapie mit Experimenten zu belegen, orientiert sich aber gleichzeitig am Muster der Heilsgeschichten. Wie Wunder wirkt, was sich an dem mit reiner Rohkost ernährten Körper ereignet, zum Beispiel, dass er plötzlich nach etwas riecht – nach Himbeermarmelade oder Mandeln –, was Jahre zuvor gegessen wurde und nun offenbar über die Haut ausgeleitet wird. Und überhaupt: Mütter stehen sofort nach der Entbindung auf, gerade geborene Säuglinge können Bananen essen, Knochen werden stabiler, Krampfadern gehen zurück, mit Instincto gibt es keine Erkältungen mehr.

Die Instincto-These ist nur eine von verschiedenen kursierenden Rohkostschulen, und sie hat Kritiker auf den Plan gerufen. Im Internet gibt es harte Debatten, von einer „Psychosekte“ ist die Rede. Eine Studie des Fachbereichs Ernährungswissenschaft an der Universität Gießen, durchgeführt in den Jahren 1996 bis 1998, kam zu dem Ergebnis, dass reine Rohkosternährung nicht zu empfehlen sei. Untergewicht wurde bei vielen Probanden festgestellt und Anämie. An anderer Stelle ist auch von Infektionen die Rede. Was ist Wahrheit und welche Maßstäbe gelten? Burger hat seinen Krebs überwunden. Seine Frau, die auch nach Instincto lebte, starb daran.

„Mich überzeugt“ und „davon gehe ich aus“ sind Wendungen, die Thomas oft verwendet. Ist etwa die Natur das Ursprüngliche und damit das Gute? „Davon gehe ich aus.“ Vorsichtig, ausweichend, formuliert er „du wirst da viele Meinungen finden“, als sei er ständig auf der Hut. Er weiß, dass es wie verbohrter Dogmatismus klingen muss, was er sagt. Dass es nichts anderes ist als die Infragestellung eines Lebensstils, den wir für kultiviert halten.

Natürlich, sagt er, gebe es die Gefahr, als Spinner abgetan zu werden. Doch letztlich habe ja nicht er ein Problem, „meist kränkt es eher die anderen“. Und ja, es kommt auch schon vor, dass er „in eine Bar geht, um zu plaudern.“ Das klingt zu harmlos. Denn einer, der nur kaltes Wasser trinkt, provoziert die Wut der Tisch- und Trinkgemeinschaft, deren Lust es ist, sich zu verunreinigen. An Nahrung, dem archaischsten Austausch mit der Welt, hängt Geben und Nehmen, Einsaugen und Ausstoßen, sämtliche Phantasien von Reinheit, Verunreinigung, Kontrolle und Allmacht, aber auch Gemeinschaftlichkeit und Einsamkeit siedeln in ihr.

„Leb erst mal fünf Jahre mit Instincto, dann weißt du, was das verändert im Hinblick auf das ganze Leben, auch auf Geistigkeit und Sexualität“, sagt Thomas und hat das Gefühl, dass er nicht recht hat erklären können, wie viel Spaß sein Leben mit der Rohkost macht. Letztlich wird man ihn nicht verstehen, wenn man nicht lebt wie er.

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15:00 24.12.2009

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