Niemand hört zu

Im Kino "Schwarze Tafeln" von Samira Makhmalbaf

Gleich die erste Einstellung gibt Rätsel auf: Was sind das für Gestalten, die plötzlich an der Biegung des Bergpfades auftauchen? Wie eine Schar abgestürzter Vögel sehen sie aus der Entfernung aus. Ihre Flügel scheinen sie weit ausgebreitet zu haben, mit wankenden Schritten tasten sie sich voran. Der Film kalkuliert mit unserer verzögerten Wahrnehmung, er lässt uns Zeit zu begreifen, was wir sehen: Es sind Männer, und sie alle tragen schwarze Tafeln auf dem Rücken. Was mag es nur auf sich haben mit dieser kuriosen Schar? Noch bevor wir es herausfinden können, schwärmen die Männer aus und verstecken sich unter den Tafeln. Das Geräusch eines herannahenden Hubschraubers hat sie aufgescheucht; offenbar sind sie auf der Flucht. Rasch beschmieren sie die schwarzen Schiefertafeln mit Lehm, um aufzugehen in der ockerfarbenen Eintönigkeit der Berge.

Diese Tarnung ist die erste von zahlreichen Zweckentfremdungen, die die Tafeln im Verlauf von Samira Makhmalbafs Film erfahren sollen. Eigentlich gehören sie in Schulzimmer. Ihre wackeren Träger sind Lehrer, die - verkehrte Welt - in der unwirtlichen Bergregion der iranisch-irakischen Grenze verzweifelt nach Schülern suchen. Immer wieder fungieren die Tafeln als Schutzschild, einmal wird eine als Tragbahre für einen Kranken genutzt, eine andere wird zerhackt, um ein gebrochenes Bein zu schienen. Einem der Lehrer dient sie als Mitgift für eine aus dem Stegreif geschlossene Ehe. "Ich liebe Dich" sind die ersten Worte, die er aufschreibt, um seiner Braut das Lesen beizubringen. Der Unterricht (und letztlich auch das Liebeswerben) werden zwar vergeblich sein, aber für die hastige Hochzeitsnacht genügt die Tafel immerhin als diskreter Paravent.

Stolz führt das iranische Kino der letzten Jahre seine eigenen, kargen Attraktionen vor. Die groteske Konkretion, in der einfache Requisiten trefflich gleich eine Vielzahl poetischer Aufträge erfüllen, ist das Pfund, mit dem es wuchert. Es schafft Bilder, die im Gedächtnis bleiben, weil sich im Blick der Kamera dokumentarische Unmittelbarkeit mit lyrischer Phantasie vermählen. So entstehen beredte Allegorien, in denen existenzielle Erfahrungen beiläufig erzählt und, derart getarnt, greifbar werden als Kommentar zu aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen. Kameramann Ebraham Ghafouri, der zuvor die Reise nach Kandahar für Samiras Vater Mohsen Makhmalbaf fotografiert hat, erfasst die Figuren in Tableaus eines absurden Geworfenseins. Die Bildung ist hier ebenso entwurzelt wie die Figuren. Jeder ist unbehaust, auf der Flucht. Said, einer der Lehrer, schließt sich einer Schar von Nomaden an, die zum Sterben in die Heimat zurückkehren will. Sein Kollege Reeboir trifft auf eine Bande von halbwüchsigen Schmugglern, die, Maultieren gleich, ihre Konterbande in den Irak schleppen. Es herrscht ein namenloser Kriegszustand. Regelmäßig hallen die Schüsse der Grenzsoldaten in den Berghängen wider. Aber die Bedrohung bleibt tückisch abstrakt, nie bekommt sie ein Gesicht; der Nebel, in den die Flüchtlinge geraten, könnte Kampfgas sein.

"Um zu lesen", sagt einer der jungen Schmuggler, "muss man sitzen. Aber wir sind immer in Bewegung." Lesen, Schreiben und Rechnen erscheinen unvereinbar mit ihrem Leben. Wie in ihrem Regiedebüt behandelt Samira Makhmalbaf auch diesmal den Konflikt zwischen Bildung und Alltag: In Der Apfel sperrte ein Vater seine Töchter ein, um sie gegen die Versuchungen des Wissens und der Weltteilhabe zu schützen. In ihrem neuen Film scheint für Bildung erst gar kein Platz zu sein. Im Erstlingswerk kam der Kultur eine befreiende Rolle zu. In Schwarze Tafeln müssen die Lehrer den Unterricht indes wie Bettler anpreisen, die Bewohner der Bergregion begegnen ihnen mit Argwohn und Misstrauen. Verschlossenheit und Ignoranz hat Makhmalbaf in ein Dialogprinzip überführt, das sich durch den gesamten Film zieht: Unablässig müssen die Lehrer ihre Worte wiederholen, niemand scheint ihnen zuzuhören. Schon die rudimentärste Verständigung wird so zur Sisyphusarbeit. Aber die Vergeblichkeit hat in Schwarze Tafeln nicht das letzte Wort. Unverdrossen verfolgen die Lehrer ihre Mission, Ablehnung und Aussichtslosigkeit fechten sie nicht an. Makhmalbaf feiert den mobilen Unterricht als eine Hommage an Improvisation und Überlebenswillen: Die Kultur bahnt sich ihre Schneise, sei sie noch so unwegsam. Und die Lektion, die Saids Braut als Mitgift über die Grenze schleppt, weckt leise Hoffnung. Wenn jemand die Worte "Ich liebe Dich" lernt, ist das schließlich nie ganz vergebens.

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00:00 25.01.2002

Ausgabe 39/2020

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