Niemand spricht von Leitkultur

Ethnische Communities Sie müssen kein Integrationshindernis sein - wie das Beispiel der deutschen Einwanderer in Brasilien zeigt

Kaum dass sie das Abteil des ICE betreten hat, spricht die junge Polin konsequent nur noch Deutsch mit ihrem Kind. Nach einer ganzen Weile darauf angesprochen, meint sie, es gäbe oft negative Reaktionen der Deutschen, wenn sie in der Öffentlichkeit Polnisch spreche. Nicht nur im Zug.

Eine neue Form der Angst vor dem oder den Fremden geht um in Deutschland - eine Angst, die nichts mit rassistischen Übergriffen zu tun hat. Es ist die erkennbar zunehmende Vielfalt an sich, die Sorge bereitet. Im Schatten und Schutz einer liberalen Rechtsprechung, so ein gängiges Argument, würden Extremismus, Frauenfeindlichkeit und ethnische Konflikte gedeihen. Auch deshalb wollte wohl kaum noch jemand ein Zuwanderungsgesetz, wie dies einmal gemeint war, einer Mehrheit ist eher unwohl bei dem Gedanken, dass dann noch mehr "Leute" nach Deutschland kommen könnten.

Die größte Angst ist die vor so genannten "Ausländergettos", Stadtbezirken wie Berlin-Kreuzberg oder Hamburg-Wilhelmsburg, in denen Migranten-Gruppen das Straßenbild prägen, über eine eigene Infrastruktur von Moscheen bis zu Reisebüros verfügen, und deren Kinder die Schulen und Krippen dominieren. Aber was verursacht eigentlich dieses Unbehagen oder gar diese Angst?

Vielleicht hilft es, das Problem einmal von einer anderen Seite zu betrachten: dem Verhalten deutscher Zuwanderer in anderen Teilen der Welt. In der Migrationsdebatte wird gern vergessen, dass auch die Deutschen ein Volk on the move sind und schon immer waren. Millionen wanderten während des 19. Jahrhunderts und bis weit in die sechziger Jahre des vergangenen aus. Bis heute verlassen Tausende Deutsche Jahr für Jahr das Land, um ihr Glück woanders zu versuchen - sei es als Wissenschaftler an US-Universitäten oder - ganz klassisch - als Auswanderer in Australien oder als "Klimaflüchtling" auf Mallorca.

In der Tat könnte ein Grund für die deutsche Empfindlichkeit gegenüber ethnischen Gettoisierungstendenzen darin liegen, dass den Deutschen der Mechanismus durchaus vertraut ist. Zum Beispiel in Brasilien: Seit Anfang des 19. Jahrhunderts bildeten dort deutsche Zuwanderer weitgehend geschlossene Siedlungsgebiete im Süden des Landes. Sie gründeten Städte wie Blumenau oder Novo Hamburg und hatten an einer Integration in die brasilianische Gesellschaft kaum Interesse - nicht zuletzt, weil man "die Brasilianer" für unzivilisiert hielt. Trotzdem sind die deutschen Siedlungsgebiete heute beliebte Touristenziele: Es gibt zahlreiche Oktober- und Bierfeste, die jedes Jahr Hunderttausende von brasilianischen und internationalen Besuchern anlocken. Aufschlussreich daran ist, dass diese Feste neben ihrem touristischen Appeal auch der ethnischen Identitätspflege der brasilianischen Deutschen dienen (obwohl deren Vorfahren durchaus nicht alle aus Bayern kamen), aufschlussreich ist auch, dass diese Feste gleichzeitig als "typisch brasilianisch" gelten, weil ethnische Vielfalt weniger als "Demokratie der Hautfarben" denn als "Vielfalt der Kulturen" verstanden wird. Die "Oktoberfeste" im Süden sind ebenso Teil der nationalen Folklore wie der Karneval in Rio.

Der Umgang mit den Einwanderern war allerdings auch in Brasilien nicht immer so entspannt. Auch hier ging Anfang des 20. Jahrhunderts die Angst vor der Bildung ethnischer Enklaven um. Die Gruppen, die damals die größten Befürchtungen hervorriefen, waren allerdings nicht moslemische Araber, die es ebenfalls reichlich in Brasilien gibt, sondern die Deutschen. Intellektuelle wie der einflussreiche Essayist Oliveira Vianna warnten in den zwanziger Jahren, der "Pangermanismus" könne die Einheit der brasilianischen Nation gefährden. Diese Befürchtungen erhielten kurze Zeit später weiteren Auftrieb durch die Einbindung vieler Deutscher in die NSDAP-Auslandsorganisation. In Brasilien, ebenso wie in Chile und Argentinien, bildeten sich gewalttätige Nazi-Milizen junger Deutscher, die das "Heimatland" mehrheitlich nie gesehen hatten. Die konsequente brasilianische Antwort auf den deutschen "Nationalismus des Blutes" war der Appell an den "Nationalismus der Geburt". Ein Slogan des in den dreißiger Jahren mit dem italienischen Faschismus sympathisierenden Estado Novo war: "Wer in Brasilien geboren wird, ist entweder Brasilianer oder ein Verräter!"

Zur ethnischen Vielfalt Brasiliens gehören - wie erwähnt - auch die Araber, sie werden dort übrigens "die Türken" genannt. Nach dem 11. September 2001 rückte die arabische Gemeinde, von der ein großer Teil im Drei-Länder-Eck mit Argentinien und Paraguay bei den berühmten Iguaçú-Wasserfällen lebt, ins Rampenlicht. Das amerikanische FBI wurde in der Region tätig - zusammen mit der brasilianischen Bundespolizei suchte es auch in Südamerika nach Verbindungen zu al Qaida. Aber obwohl umfangreiche Geldflüsse in arabische Länder offenbar wurden, konnten keinerlei Verbindung zu terroristischen Strukturen - geschweige denn Terrorzellen im Land selbst - nachgewiesen werden.

Durch einen Zufall startete der größte TV-Sender Rede Globo einige Wochen nach dem Attentat auf das World Trade Center eine neue Telenovela zur besten Sendezeit, die im arabischen Milieu spielte: O Clone (Der Klon) - eine abstruse Geschichte über einen geklonten jungen Mann, der als Doppelgänger das Herz der Hauptdarstellerin Jade verwirrt. Während ein Großteil der westlichen Welt Osama bin Laden jagte und nebenbei die eigenen Muslime misstrauisch beobachtete, schaute Brasilien fasziniert auf deren orientalische Kultur, die man bisher kaum zur Kenntnis genommen hatte. Im darauf folgenden Karneval waren Jade-Kostüme im Bauchtanz-Look nicht zu übersehen.

Ansonsten fällt einem Besucher an der islamischen Gemeinde Brasiliens gerade auf, dass sie nicht auffällt. Musliminnen in São Paulo oder Santa Rosa tragen nur selten Kopftuch auf der Straße, obwohl es deshalb keine Restriktionen gibt. Auf den hypothetischen Fall angesprochen, dass diese Tradition künftig stärker befolgt werden könnte, sah darin keiner meiner brasilianischen Gesprächspartner irgendein Problem.

Wenn sie in Brasilien geboren werden, steht die Zugehörigkeit der Kinder islamischer Einwanderer zur brasilianischen Nation außer Frage - unabhängig davon, welche kulturellen Präferenzen sie haben. In Brasilien sitzt kein muslimisches Mädchen - und sei es streng gläubig - "zwischen den Stühlen", sondern mindestens auf einem, wenn nicht gar auf zweien gleichzeitig. Auch gibt es keine Debatte über "hohe Ausländeranteile", weil die bei einer selbstverständlichen Einbürgerung der Migranten-Kinder gar nicht entstehen können. Selbst die angebliche oder tatsächliche "Selbst-Gettoisierung" islamischer Bevölkerungsteile beunruhigt niemanden, obwohl man die Konzentration auf das zitierte Drei-Länder-Eck und bestimmte Stadtteile in São Paulo sicherlich so interpretieren könnte.

Ihren dauerhaften Aufenthalt mussten und müssen sich Einwanderer in Brasilien ebenso hart erarbeiten wie in Deutschland. Schon die zweite Generation braucht den brasilianischen Pass nicht einmal mehr zu beantragen. Niemand spricht von Leitkultur, jeder darf und kann seine Herkunftskultur behalten.

Ein etwa in Rio de Janeiro geborenes Kind arabischer oder chinesischer Einwanderer wird von klein auf in dem Bewusstsein groß, ein Brasilianer zu sein - ohne Wenn und Aber. Ein in Hamburg geborenes Kind türkischer oder afghanischer Einwanderer wird dagegen in dem Bewusstsein groß, das Stigma des Nichtdeutschen kaum je zu verlieren. Wenn Einwandererkinder sich schnell in die Aufnahmegesellschaft integrieren, so liegt das nicht an der Attraktivität der empfangenden Kultur, es hängt allein von der Position ab, die diesen Kindern angeboten wird - dabei spielt die rechtliche Integration eine entscheidende Rolle.

Im Unterschied zu Brasilien gab es in Deutschland nie türkische oder anders geartete "ethnische Siedlungsgebiete". Nirgendwo in Deutschland stellen einzelne Einwanderergruppen die Mehrheit der Bevölkerung - nicht einmal in den als "Ausländergettos" geltenden Stadtteilen der Großstädte. In Hamburg-Wilhelmsburg etwa liegt der Gesamtanteil von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit bei 35 Prozent - verteilt auf Dutzende von Nationalitäten. In keiner deutschen Stadt gibt es militante ethnische Vereinigungen oder gar "Milizen", deren Aktivitäten gegen den deutschen Nationalstaat gerichtet wären.

Und die so genannte "kulturelle Selbstisolierung"? Wenn es in Deutschland eingewanderte Frauen gibt, die auch nach Jahren des Aufenthalts kein Deutsch sprechen, dann ist das ein Problem - aber in erster Linie für die Frauen und weniger für die Gesellschaft. Die plötzlich erwachte Sorge konservativer Politiker um die Gleichberechtigung der Frauen wird dann heuchlerisch, wenn zum Beispiel die öffentlichen Mittel für Sprachkurse ersatzlos gestrichen werden - von Politikern, die Einwanderern im selben Atemzug Integrationsunwilligkeit vorwerfen.

Spätestens, als Ende der siebziger Jahre klar wurde, dass sich eine große Zahl muslimischer "Gastarbeiter" mit ihren Familien dauerhaft in Deutschland niederließ, hätte die Bundesrepublik dafür sorgen müssen, die entstehenden islamischen Gemeinden in staatliche Strukturen und Förderungen aufzufangen - als weitere Säule der Gesellschaft. Das hat sie nicht getan, im Gegenteil: Die Kopftuchdebatte zeigt, dass wir von der Selbstverständlichkeit pluralistischer Toleranz gegenüber Abweichungen vom konfessionellen Mainstream weit entfernt sind.

Zur Zeit sind weder große Teile der Bevölkerung noch deutsche Innenpolitiker bereit, Einwanderern die gleichen Freiheiten zuzugestehen, die sie für sich selbst als selbstverständlich erachten. Dabei stünde dem kulturell nichts entgegen: Weder Moscheen noch Mütter, die mit ihren Kindern Polnisch sprechen, gefährden den inneren Zusammenhalt der Nation. Ob so manche politische Debatte (wie um das Kopftuchverbot) und administrative Regelung (wie das jahrelange Arbeitsverbot für Flüchtlinge) in dieser Hinsicht ebenso unschuldig sind, darf bezweifelt werden.

Dr. phil. Jens Schneider ist Ethnologe und Autor des Buchs Deutsch sein. Das Eigene, das Fremde und die Vergangenheit im Selbstbild des vereinten Deutschland (Campus Verlag, Frankfurt/M/New York) und Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Rio de Janeiro.


00:00 20.08.2004

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