Nochmal so schön

Im Kino "Casablanca" zum ersten Mal in Originalfassung mit Untertiteln

Wer noch nie was übrig hatte für Sternenkriege, fliegende Männer in Ganzkörpermasken oder die diskreten Herren in Schwarz auf Alien-Jagd, der hat nun eine Alternative. Neben Star Wars Episode II, Spider-Man und Men in Black II läuft - herausgebracht vom kleinen Filmverleih Neue Visionen und deshalb nur in wenigen Kinos - ein Film, den alle schon kennen, der aber so große Sehnsucht auslöst nach dem "noch einmal", dass durch ihn das Genre Kultfilm geboren und, seien wir ehrlich, niemals übertroffen wurde: Casablanca.
In den zeitübergreifenden Hitlisten der Kassenknüller sucht man diesen Film jedoch vergeblich. Obwohl es nur wenige gibt, die es an Popularität mit ihm aufnehmen können - allenfalls Vom Winde verweht, der inflationsbereinigt als der erfolgreichste Film aller Zeiten gilt - hat Casablanca sein Geld so stetig erst über die Jahre eingespielt, dass er im kommerziellen Ranking nie eine große Rolle spielte. 1943 nominiert für acht Oscars und ausgezeichnet mit dreien - bestes Drehbuch, beste Regie und bester Film - war Michael Curtiz´ Film zwar schon zu seiner Zeit kein Misserfolg, doch erst Jahrzehnte später hatte sich die Legende "Casablanca" gebildet, die aus dem vergleichsweise kleinen Film für die beteiligten Schauspieler Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann das Meisterwerk ihrer jeweiligen Karrieren machte.
Wer Casablanca bislang nur aus dem Kino kennt, wo er Anfang der siebziger Jahre zuletzt herauskam, sollte übrigens die sich nun bietende Gelegenheit unbedingt nutzen - er hat nämlich mitnichten den gleichen Film gesehen. Zu den oft übersehenen Aspekten deutscher Nachkriegsgeschichte gehört der schonungslose Umgang mit Nazis im Film - wohl weil man dem deutschen Volk unliebsame Erinnerungen ersparen wollte, wurden sie lange Zeit einfach herausgeschnitten. Ein Jahr bevor Casablanca in die bundesdeutschen Kinos kam, waren zum Beispiel aus den NS-Spionen in Hitchcocks Notorious - Berüchtigt (1946) internationale Rauschgiftschmuggler geworden, weshalb der Film auch unter dem Titel Weißes Gift erschien. Ähnlich unverfroren entfernte der Verleih aus Casablanca alle "Nazi-Szenen" und machte den tschechischen Widerstandskämpfer Laszlo zum norwegischen Atomphysiker Larssen, der wegen seiner Erfindung der "Deltastrahlen" verfolgt wird. Man stelle sich vor: Casablanca um fast ein Viertel kürzer, statt 102 nur noch ganze 78 Minuten lang, und ohne die so berühmte wie markerschütternde "Hymnen-Szene", in der die Halbwelt in Ricks Café sich zusammen mit den Flüchtlingen gegen den deutschen Gesang der "Wacht am Rhein" erhebt und die Marseillaise schmettert!
Erst in den späten siebziger Jahren strahlte die ARD eine neue und diesmal ungekürzte Synchronfassung aus. Seither über 30 Mal wiederholt, ist das die Version, in der Casablanca dann schließlich auch bei uns zum Kultfilm wurde - mitsamt den Unzulänglichkeiten, die sich aus dieser Produktionsgeschichte ergeben. Damit ist gar nicht die Übersetzung all der Perlen des Filmdialogs gemeint - von den "üblichen Verdächtigen" bis zum "Beginn einer wunderbaren Freundschaft" haben sich alle legendären Zitate auch in der deutschen Sprache längst verselbstständigt, was als untrügliches Zeichen des Gelingens gelten kann; und ist nicht "Ich seh´ dir in die Augen, Kleines" eigentlich fast noch schöner als der Trinkspruch des Originals "Here´s looking at you, kid"? Nein, gemeint ist der Bruch in der Atmosphäre, der sich auftut zwischen den Versatzstücken des Originaltons - etwa wenn Sam As Time Goes By singt -, und den Fernseh-Synchronstimmen der Siebziger. Wer genau hinhört, erkennt sie vielleicht sogar wieder: Ingrid Bergmann hat die Stimme von Lt. Uhura aus Raumschiff Enterprise, Peter Lorre die von Kermit aus den Muppets und Claude Rains als Captain Renauld jenen Schmeichlerbass von James Garner alias Rockford. Sorgfältig gearbeitet, fehlt der Neuvertonung doch die Patina der vierziger Jahre, die räumliche Tiefe und das historische Timbre, das zu der grandiosen Schwarzweiß-Photographie gehört, wo das Glitzern in den tränenverhangenen Augen von Ingrid Bergmann mit den Glanzlichtern des pointierten Dialogs konkurriert.
Immer noch ist Casablanca ein Film, der erst beim zweiten Sehen so richtig schön wird. All diese Sehnsuchtsblicke nämlich gewinnen an besonderer Intensität, wenn man die Geschichte schon kennt. Genauso wie sich einem der nuancenreiche Zynismus erst richtig erschließt, verfolgt man das raffinierte Wiederholungsmuster all der berühmten Sentenzen. "Spiel´ es!"; "Ich halte für niemanden meinen Kopf hin" und "die Geschichte hat noch keinen Schluss", ziehen sich wie die Melodie von As Time Goes By durch den Film und wechseln beständig die Bedeutung.
Die Macher haben stets damit kokettiert, wie zufällig und ad hoc das Drehbuch zu diesem Film entstanden sei, selbst die Schauspieler hätten bis zum Ende nicht gewusst, wer nun mit wem das Flugzeug besteigen würde. Sicher zum Teil Legende, hört sich die unvergleichlich unverkrampfte Coolness der Sprache jedoch heute noch so frisch an wie eine gerade erfolgte Improvisation, der man auch Sätze wie diesen nicht übel nimmt: "In einem KZ neigt man dazu, ein paar Pfunde zu verlieren." Auch ist Casablanca durch die Teilnahme all der Emigranten, von denen keiner seinen Akzent "faken" musste, ein unglaublich vielsprachiger Film - auch das ein triftiger Grund, das Original jetzt anzuschauen!
Der berühmteste Satz aus Casablanca allerdings ist auch im ungekürzten Original nicht zu hören: "Play it again, Sam" - selbst das fast schon ein Allgemeinplatz - wird so nie gesagt. Wie "Beam me up, Scotty" in Raumschiff Enterprise und dem bei uns noch populäreren "Harry, fahr schon mal den Wagen vor" gehört dieser Satz zu den berühmten nie gefallenen und deshalb "apokryphischen" Zitaten, die einen Film manchmal besser auf den Punkt bringen als jede Originalzeile.

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00:00 26.07.2002

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