Notfallhilfe kostenlos

Ohne Visum krank werden Eine Beratungsstelle in Hamburg vermittelt Migranten ohne Aufenthaltsstatus gesundheitliche Versorgung. Jetzt steht sie vor der Schließung

Der Patient ist schneeweiß und bleibt während des Beratungstermins stumm. Byron ist sechs Jahre alt und hat Zahnschmerzen, schlimme Zahnschmerzen. Seine Eltern reden auf Spanisch auf ihn ein und wenden sich dann wieder Anette zu. Sie brauchen einen Zahnarzttermin für den Jungen, aber sie sind nicht krankenversichert: Die Familie lebt ohne Papiere in Hamburg.

Anette Quentin ist eine von fünfzehn Ehrenamtlichen der "Medizinischen Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen" in Hamburg. Jeden Montag Nachmittag berät die Initiative im Hamburger Stadtteil Altona Ausländer, die ohne Aufenthaltsstatus in Deutschland leben. Während der Beratungsgespräche werden Termine mit Fachärzten und Therapeuten vereinbart, die Migranten ohne Papiere behandeln.

Die Ärzte-Kartei der Initiative enthält etwa vierzig Namen von kooperierenden Gynäkologen, Augenärzten, Allgemeinmedizinern, aber auch die Adressen von Kinesiologen und Krankengymnasten. Sie alle haben sich bereit erklärt, Migranten in Notfällen kostenlos zu behandeln. Fallen Ausgaben für Medikamente, Laboruntersuchungen und kleinere Operationen an, so bezahlt die Initiative die Rechnungen aus Spendengeldern. Doch diese blieben in letzter Zeit aus: Die Beratungsstelle steht im Jahr ihres zehnten Jubiläums vor der Auflösung.

Im Mai 1994 wurde die "Medizinische Beratungsstelle für Flüchtlinge und MigrantInnen" als bundesweit erste Anlaufstelle ihrer Art gegründet. "Politisch engagierte Medizinstudenten und Ärzte haben damals erkannt, das selbst in Deutschland Menschen von der ärztlichen Versorgung ausgeschlossen sind", erklärt Gudrun Franz. Die ausgebildete Krankenschwester und Medizinstudentin ist die Dienstälteste unter den Hamburger Aktiven. "Zwar sind Krankenhäuser verpflichtet, Notfälle aufzunehmen, hält sich der Patient jedoch ohne gültiges Visum im Land auf, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit nach Abschluss der Behandlung abgeschoben. Aus diesem Grund lassen Migranten ohne Papiere sich nicht ins Krankenhaus einweisen", beschreibt Franz die Problematik. Die Gruppe fordert daher, dass die medizinische Fürsorge nicht an den Aufenthaltsstatus gekettet wird. Franz: "Wer krank ist, muss behandelt werden."

Doch die politische Arbeit steht zurück hinter dem alltäglichen Engagement für die Patienten. Pro Woche kommen rund zwanzig Hilfesuchende in die Beratung, weitere rufen an. Die meisten von ihnen haben akute Schmerzen. Viele schieben einen Arztbesuch so lange wie möglich hinaus und benötigen daher mehrere Termine, wenn sie zur Beratungsstelle kommen.

Der Hamburger Internist Dr. Kalvelage arbeitet schon seit deren Gründung mit der Beratungsstelle zusammen. "Der Betreuung fehlt die Kontinuität", schildert er das Hauptproblem bei der Versorgung der Migranten. Und: "Viele leiden an psychosomatischen Störungen", berichtet Kalvelage, wie sie oft durch Stress ausgelöst werden.

Auf dem Flur vor dem Besprechungszimmer warten die Patienten. Die ersten waren schon eine Stunde vor Beginn der Beratung da. Die meisten Kranken kommen in Begleitung von Freunden oder Bekannten, die sie stützen und für sie dolmetschen können. Die Atmosphäre ist fast familiär, es laufen Gespräche in unterschiedlichen Sprachen. Die Anwesenden beantworten Fragen sehr offen. So erzählen sie, dass sie als Ausländer ohne Papiere ständig Angst haben, entdeckt zu werden. Die Arbeit der Initiative kennen sie meistens aus Berichten aus dem Bekannten- und Familienkreis. So begründet sich ihr Vertrauen.

Ebenso wie die Patienten erfahren auch die Ehrenamtlichen oft über Freunde von der Beratungsstelle und engagieren sich daraufhin. Die Ärzte werden eigentlich immer von befreundeten Kollegen empfohlen. Diese drei verschiedenen Netzwerke sorgen so in Hamburg für die medizinische Versorgung von Migranten ohne Aufenthaltsstatus.

Die Geldnot zwingt jetzt die Ehrenamtlichen, kreativ zu werden, um ihre Initiative zu retten. Beim Plenum, der vierzehntäglichen Versammlung der Aktiven, suchen sie nach neuen Möglichkeiten, Spenden aufzutreiben. Flohmarktverkäufe werden vorbereitet, Konzerte erwogen. Und alles in der Hoffnung, die Schließung der Beratungsstelle doch noch zu verhindern.

Spendenkonto: Postbank, BLZ 200 100 20, Hamburger AK Asyl, Konto-Nr. 621 97 62 09. Stichwort "Medizinische Flüchtlingshilfe". Telefonisch ist die Beratungsstelle unter der Nummer 040 - 38 36 52 zu erreichen.


00:00 20.08.2004

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