Nur diese kleine Massage

#MeToo Sexuelle Belästigung gibt es auch unter queeren Männern. Geredet wird darüber fast nie
Nur diese kleine Massage
„Darüber redet man nicht, das ist ein Zeichen von Schwäche.“

Foto: Oscar del Pozo/AFP/Getty Images

Für mein Masterstudium war ich von der einen in die andere Großstadt gezogen. Meine zukünftige Bleibe hatte ich in einer Facebookgruppe für queere Menschen gefunden. Eine pragmatische Entscheidung in diesen Vernetzungsgruppen wird sich gegenseitig geholfen, politische Aktionen werden geplant oder Debatten über queer-akademische Themen geführt. Kurzum: Ein Umfeld mit vielen spannenden Personen, in dem ich mich bisher immer gut aufgehoben gefühlt hatte.

Von der neuen Wohnung war ich begeistert. Auch in Corona-Zeiten lässt es sich hier prima aushalten, dachte ich. Doch die Sache hatte einen Haken: Obwohl anders vereinbart, wollte mein etwa zwanzig Jahre älterer Mitbewohner – und gleichzeitig Wohnungseigentümer – mir nach meinem Einzug plötzlich partout keinen Mietvertrag mehr aushändigen. Ein Machtgefälle, das im wahrsten Sinne des Wortes nicht ganz spurlos an mir vorbei ging.

Eines Abends fing er an, mich ungefragt am Rücken zu massieren. Zunächst ließ ich ihn gewähren. Was, wenn ich durch ein „Nein“ unser Verhältnis belasten würde, er mich womöglich wieder aus der Wohnung herausschmeißt? Wie sollte ich eine neue Bleibe finden, wenn der Corona-Lockdown samt Kontaktbeschränkungen in vollem Gange ist? Irgendwann häuften sich seine Anspielungen, und ich fand mich immer öfter in heiklen Situationen wieder: „Nur eine kleine Massage, komm schon!“

Glücklicherweise hörte ich auf meine inneren Alarmglocken und zog meine Grenzen. Bald wandte ich mich an Freund*innen, die viel Mitgefühl zeigten und mir allesamt anboten, dass ich bei ihnen unterkommen könne. Von dieser Solidaritätswelle bestärkt konnte ich meinen Mitbewohner schließlich mit seinem übergriffigem Verhalten konfrontieren. Er reagierte kleinlaut, wiegelte so gut er konnte ab. Dennoch hatte ich noch am selben Tag einen Mietvertrag in den Händen.

Ein Phantomproblem?

Einige Wochen später fand ich trotz aller Widrigkeiten eine neue Wohnung. Doch das, was mir passiert war, wirkte nach. Fortan beschäftigte mich die Frage, wie Diskurse über sexuelle Übergriffigkeiten innerhalb der Community geführt werden, insbesondere wenn die Grenzüberschreitungen zwischen queeren Männern – zu denen ich mich selbst zähle – stattfinden.

Die Ergebnisse meiner Recherche waren zunächst spärlich. Während berichtet wurde, dass die Frauenhäuser in der Corona-Krise stark ausgelastet und die Zahl der Notrufe bei Hilfetelefonen für betroffene Frauen gestiegen seien, fand ich wenig über die Notwendigkeit einer MeToo-Debatte in der schwulen Community und Erfahrungsberichte über häusliche Gewalt in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, datiert lange vor Corona. Suchte ich nach einem Phantomproblem?

Markus Ulrich, Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD), macht auf die Vielschichtigkeit der Thematik aufmerksam: „Bei Gewalterfahrungen queerer Menschen wird meist von einer externen, homophob motivierten Übergriffigkeit ausgegangen. Gerade aus einer antirassistischen Perspektive wird das Bild der queeren Community als Safe Space jedoch schon länger hinterfragt: Für wen ist sie ein sicherer Ort – und vor was?“ Wenn es zu übergriffigem Verhalten innerhalb der Szene käme, sei immer die Frage, ob und wie man davon erfahre. Verinnerlichte Homo- und Transphobie könne dazu führen, dass gar nicht erst über solche Vorfälle gesprochen werde. Ein möglicher Gedanke sei etwa: „Ich bin es nicht wert, dass man dafür so viel Aufwind macht.“

Hinzu käme die Angst, nach außen hin ein verzerrtes Bild der Community zu vermitteln. Zu tief eingebrannt ist das alte Klischee des perversen schwulen Mannes, der nicht an sich halten kann. Ulrich dazu: „Wenn berichtet würde über einen Familienvater, der seine Kinder schlägt, würde niemand auf die Idee kommen, allen heterosexuellen Männern zu unterstellen, dass sie halt ganz gerne mal Kinder schlagen.“ Es sei ein schwieriges Unterfangen, Räume zu eröffnen, in denen selbstkritisch Fragen der Grenzüberschreitung zwischen queeren Menschen diskutiert werden können, ohne mitdenken zu müssen: Was davon könnte von homophoben Akteuren politisch instrumentalisiert werden?

Darüber hinaus wisse man noch zu wenig über die Bandbreite der Erfahrungen queerer Menschen in Deutschland. Im Bericht Jugendsexualität 2015 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird geschildert, dass befragte nicht heterosexuelle Jungen fast ebenso häufig unter Druck zu Zärtlichkeiten oder Sex gebracht worden seien wie junge Frauen: etwa jeder fünfte. Allerdings ist die Zahl der befragten queeren Jugendlichen relativ gering und die Untersuchung beschränkt auf junge Menschen bis 25. Andernorts ist die Lage besser beleuchtet. Einer Studie der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC zufolge waren 40 Prozent aller schwulen Männer und 47 Prozent der bisexuellen Männer von sexueller Belästigung betroffen.

Der Pressesprecher des Lesben- und Schwulenverbands nennt mehrere Gründe für das Fehlen aussagekräftiger Studien in Deutschland. Zum einen: Forschung braucht Geld. Heteronormativ geprägte Ausschreibungsverfahren sorgen oft dafür, dass die Erforschung queeren Lebens unattraktiv sei – sowohl mit Blick auf die Chancen finanzieller Förderung als auch hinsichtlich des akademischen Karrierewegs. Eine Ausnahme stellt etwa die deutsche Soziologin Constance Ohms dar, die in mehreren Publikationen sexualisierte Gewalt in lesbischen Partnerschaften erforscht hat.

Ulrich kritisiert: „Es wäre schon einmal ein Anfang, wenn Bildungsministerin Anja Karliczek ihren nationalen Aktionsplan gegen Homophobie und Transfeindlichkeit ernst nehmen würde.“ Dieser stamme zwar aus der letzten Legislaturperiode, die neue Regierung hätte sich aber erneut dazu bekannt. Eine der wenigen konkreten Forderungen des Aktionsplans sei die verstärkte Erforschung queeren Lebens in Deutschland. Bisher sei dahingehend noch nichts passiert. Aufgefallen sei die Bildungsministerin indes eher dadurch, dass sie öffentlich bezweifelte, dass Kinder in Regenbogenfamilien behütet aufwachsen würden.

Um das Problem näher greifen zu können, müsse sich laut Ulrich aber auch die Öffentlichkeitsarbeit von Beratungsstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt ändern: „Diese müssen signalisieren: Wir sind da – auch für queere Menschen! Viele Queers haben gelernt, dass sie doch nicht gemeint sind, wenn man alle anspricht. Deshalb sollten sie extra adressiert werden, um diese Zweifel auszuräumen.“

Lars Bergmann leitet eine solche Beratungsstelle – das Regenbogenkombinat in Potsdam. Seiner Erfahrung nach seien gerade in der schwulen Szene Übergriffigkeiten ein Tabuthema: „Das Selbstverständnis schwuler Kultur sieht oft nicht vor, dass schlimme Dinge darin passieren. Schlimme Dinge passieren immer von außen.“ Historisch gesehen sei dies verständlich. Die Community habe es sich über viele Jahre hart erkämpft, dass es Räume queeren Lebens gibt, in denen Sexualität frei gelebt werden kann. „Wir müssen aber lernen, über das, was wir wollen und nicht wollen, zu sprechen.“ Dass dies häufig nicht passiere, hänge mit Schamgefühlen und Vorstellungen von Männlichkeit zusammen. Oft herrsche die unausgesprochene Regel: „Darüber redet man nicht, das ist ein Zeichen von Schwäche.“

Polizei und Verständnis

Bergmann rät, rechtliche Konsequenzen in Erwägung zu ziehen. Gerade im ländlichen Raum fiele dies aber vielen Menschen schwer: „Wenn beispielsweise der zuständige Polizist im selben Dorf wohnt wie der Betroffene, bedeutet eine Anzeige gleichzeitig das eigene Coming-out.“ Einige befürchten auch, bei der Polizei auf mangelndes Verständnis und Sensibilität zu stoßen. Daher sei die Einrichtung von hauptamtlichen Ansprechpersonen für queere Menschen bei Polizei und Justiz in den jeweiligen Polizeidirektionen ein absolutes Muss.

Ob an ihn ähnliche Fälle wie den meinen herangetragen wurden? „Einige Klienten berichteten mir von WG-Kontexten, in denen zum Beispiel die Verfügbarkeit des Zimmers daran geknüpft war, dass neben der Miete noch weitere Dienstbarkeiten erwartet wurden. Da wird also ein Abhängigkeitsverhältnis aufgebaut, in dem Betroffene fürchten müssen, dass der Vermieter sie wieder herauskickt. Bei Grenzüberschreitungen tasten die Täter sich meist stückchenweise voran. Wenn keine Drogen im Spiel sind, finden die wenigsten Übergriffe ad hoc statt.“ Beim Regenbogenkombinat versuche er, gemeinsam mit den Betroffenen ihr Bewusstsein für die eigenen Grenzen zu schärfen. „Die meisten queeren Menschen sind mit ihrem Coming-out nie ganz durch. Vielleicht sind sie so weit, dass es nicht mehr wehtut. Aber was Identitätsfindung eigentlich heißt – wo gehöre ich hin, was erwarte ich von anderen, was können sie von mir erwarten –, das ist ein langwieriger Prozess.“

Elias Dehnen studiert Theaterpädagogik in Berlin. Er engagiert sich für die Aufklärung über sexuelle Vielfalt an Schulen und ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes

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06:00 17.06.2020

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