Nur Katzen fangen an, sich zu putzen

Kehrseite Lass es uns kompliziert machen, sagte Mona, damit kann ich umgehen. Sie warf ihre Haare zurück, rote Locken, die haben geleuchtet in der Sonne, als ...

Lass es uns kompliziert machen, sagte Mona, damit kann ich umgehen. Sie warf ihre Haare zurück, rote Locken, die haben geleuchtet in der Sonne, als sie eine Strähne um ihren rechten Zeigefinger drehte, den mit einem Ruck herauszog und in die Schüssel tauchte. Die Locke sprang nach oben und wippte zwischen ihrer blauen Bluse und den blauen kreisrunden Ohrringen auf und ab. Lass uns so tun als ob, sagte sie und leckte gelbglänzenden Vanillepudding von ihrem Finger. Ich starrte auf ihre klatschmohn roten Lippen und dachte: so klatschmohnrote Lippen hast du noch nie gesehen. Ich dachte: die willst du küssen.

Was? habe ich gefragt und mich gefühlt, als wäre ich sechzehn Jahre alt. Wirklich, wie sechzehn, das hat mich beeindruckt. Dass eine Frau, die ich noch nie gesehen habe, es mit einer Handvoll Sätze so weit schafft. Wäre sie schön gewesen, wirklich schön, dann wäre das ein weniger großes Wunder. Aber sie war nicht schön, wie sie da saß, im Seeblick letzten Sommer, im August, als es so heiß war. Sie trug eine abgewetzte Jeans, einen knallgelben Pulli unter der Bluse, der war am linken Ärmel dreckig und hatte ein Loch zwei Zentimeter oberhalb von ihrer rechten Brustwarze, ihre Locken lagen wild durcheinander, über der Stuhllehne baumelte ein Beutel mit der Aufschrift Röhnklinikum. Ich dachte: Ausgerechnet Röhnklinikum.

Egal, sagte Mona, egal was. Führen wir einander ein Stück in Richtung Scheitern. Dann stand sie auf und nahm den Röhnklinikumbeutel von der Stuhllehne. Also warf ich einen Zwanzigeuroschein auf die Theke und lief ihr nach, zumindest kam es mir so vor, als würde ich ihr nachlaufen. Sie setzte sich auf meinen Beifahrersitz und sagte: Los. Also fuhr ich los. Ich fuhr ohne Ziel, und das hat mich beeindruckt. Ich bin noch nie Auto gefahren ohne Ziel, habe ich gesagt. Im Leben ist nichts ohne Ziel, meinte Mona, während sie ihre Schuhe auszog, ihre Füße auf meine Armatur legte, ihre klatschmohnrot lackierten Zehen an die Windschutzscheibe rubbelte, ich dachte: das gibt hässliche Flecken, ich dachte: die musst du morgen putzen. Mona drehte das Rädchen am Radio, drehte die Lautstärke hoch, die Sender weg. Ich langweile mich so schnell, sagte Mona, kramte Zigaretten aus ihrem Röhnklinikumbeutel, dann das Feuerzeug. Sie steckte sich eine an und sang laut mit. In meinem Auto wurde noch nie geraucht, aber Mona hat nicht gefragt. Den ganzen Abend hat sie geraucht, eine nach der anderen, blaue F6.

Einmal kam Keimzeit. Steck dir die halbe Tüte Schokochips, sang sie gegen Norbert Leisegang an. Weil ich lachen musste, hat sie ihre klatschmohnroten Lippen zum Schmollmund gezogen und sagte: Erdnusschips sind salzig, das ist eklig. Ich bin rechts ran gefahren zu Aral und habe Schokochips gekauft, da hat sie auch gelacht. Ich dachte: Norbert Leisegang wirst du nie wieder zuhören können, ohne an Mona zu denken. Jetzt ist alles anders, habe ich gedacht, als ich über den Autobahnring gefahren bin, zum Cospudener See, weil es der schönste in der Umgebung ist. Mona hat ihr gelbes Oberteil und alles andere am Ufer fallen gelassen, ich habe gehustet und gesagt, ich hätte Halsschmerzen, vom Rauchen. Du bist eine Memme, hat sie gesagt, und ich dachte: da hat sie recht.

Ihr Körper glänzte über der schwarzen Fläche, bevor sie verschwand. Ich dachte: Menschen können das, einfach verschwinden. Als sie herauskam, rannen kleine runde Tropfen auf ihrer Haut herab, ich dachte: da kannst du doch nicht so hinglotzen, aber ich konnte auch nicht wegglotzen. Am Ufer hat sie sich geschüttelt wie ein junger Hund, ich gab ihr mein Hemd zum Abtrocknen, sie hatte ja nur den Röhnklinikumbeutel dabei. Die restlichen Sachen sind im Seeblick, sagte Mona, stieg auf meinen Beifahrersitz, und ich fuhr sie zum Seeblick. Da war lange Feierabend, aber Mona hat einen Schlüsselbund aus ihrem Röhnklinikumbeutel gezaubert, ich dachte: Weißgott, woher sie den hat.

Es war vier Uhr nachts, und es war mir egal, dass ich in zwei Stunden und fünfzehn Minuten auf Arbeit sein musste, das hat mich beeindruckt. Ich fragte sie nach ihrer Nummer, man geht ja nicht mit irgendwem aus, wenn man auf die 30 zugeht, da hat sie ihre roten Locken geschüttelt und die Brauen ganz nach oben gezogen. Darling, hat sie gesagt, das hat mich beeindruckt. Darling, ich brauche Luft, damit das gleich klar ist. Da habe ich gedacht: Darling wird mich keine andere Frau wieder nennen dürfen, den Rest meines Lebens nicht. Gegen Luft hatte ich nichts, am See war es schön. Dann gab ich meine Karte, mit Nummer. Konrad Kater, Versicherungsunternehmer. Zweieinhalb Stunden später bin ich in mein Versicherungsunternehmen gefahren, viereinhalb Tage später rief Mona an. Jetzt geht es bergab, habe ich gedacht. Dann ging es bergab.

Ich habe gedacht: Du hast es geahnt. Wir trafen uns in fremden Wohnungen, Hotelzimmern, Kneipen, Bars, Cafés, nie zweimal am gleichen Ort. Ich langweile mich so schnell, hat sie gesagt, und wir setzten uns ins Auto, fuhren los. Manchmal setzten wir uns auch in ein fremdes Restaurant, Mona mag teure fremde Restaurants, solche mit winzigen Portionen und extra Weinkarte. Dabei hatte sie nicht mal eine Geldbörse in ihrem Röhnklinikumbeutel, immer habe ich bezahlt. Das kann ich mir nicht leisten, habe ich im Maritim gesagt, da haben wir zwei O-Saft-Schorlen getrunken. Es geht ja nur um die Möglichkeit, sagte Mona, in der Liebe geht es nur um Möglichkeiten.

Das hat mich beeindruckt, da habe ich gedacht: diesen Satz vergisst du nie. Dann habe ich auf die Möglichkeit gewartet, sie zu küssen. Einmal standen wir auf dem Uniriesen, ich hatte Riesenlust, sie zu küssen und Rotwein in riesigen Gläsern bestellt, sie hat geschmatzt, so mochte sie den. Ich will ins Kino, hat sie geantwortet. Also kein Kuss, also Spätfilm, habe ich gedacht. Eine wie Mona kann einfache Sätze nur im Kino ertragen, habe ich gedacht, auf neunzig Minuten, Schnitt, Abspann, Toilette, Zigarette, Straße am Abend und ein auseinandergefaltetes Taschenpapiertuch.

Unverbesserlich bist du, hat sie gesagt, rechnest alles aus auf die zweite Ziffer hinterm Komma und dann brichst du aus, und dann breche ich ein, das bringt mich um den Schlaf und dich um den Verstand. So wird das nichts, habe ich gesagt, wenn keiner schlafen kann, wie soll man da leben? Ich sterbe am täglichen Leben, sagte Mona, merk dir das. Ich habe gedacht: das merke ich mir, daran werde ich denken, jeden Morgen, beim Aufwachen ohne Mona. Danach habe ich gelernt, alles so lange wie möglich in der Schwebe zu halten, diesen Zustand, in dem alles möglich ist, zu bewahren, bis er unverzichtbar wurde.

Ich hätte meine Arbeit hinwerfen können am nächsten Morgen, aus mit Versicherungsunternehmen, ich hätte meine Haare grün färben können, blau, oder Isabelle anrufen und sagen, dass ihr neuer Typ ein Arschloch ist. Ich hätte sie fragen können, ob sie mich abholt, mitten in der Nacht vom Cospudener See, zu dem Mona nicht mitkommt, weil sie ihn kennt. Ich hätte Isabelle wecken müssen, aber sie wäre gekommen, sie hätte ihren Typen mitgebracht, der ist Biker und 40, sie wäre bei ihm hintendrauf mitgefahren, ich hätte mich jung gefühlt, wie ein Teenager neben ihm. Dann hätte ich sagen können: Isabelle, es tut mir leid, es war eine Dummheit, du bist nicht langweilig, Mona ist nicht schön, ich hätte nicht mal lügen müssen.

In der Liebe geht es nur um Möglichkeiten, habe ich gedacht, und das wäre eine. Ich hätte mit Mona schlafen können, das wäre eine andere, nein, habe ich gedacht, das kann ich nicht. Jedes Mal schob ich das Einschlafen hinaus, bis es nicht mehr zu umgehen ist, dass uns die Augen zufielen, dass keiner einen Schritt aus dem Auto schaffte. Wir saßen so lange, bis uns die Beine einschliefen und die Sätze. Wenn es kalt genug war, drängten wir uns eng aneinander. Wir dichten uns ab, hat Mona gesagt. Ich habe gedacht: das klingt schön, das muss ich mir merken. Am dichtesten lagen wir, als Schnee die Windschutzscheibe bedeckte, selbst in der Stadt liegt manchmal Schnee. Schnee auf Windschutzscheiben ist gut, man sieht keine Spuren von klatschmohnrotlackierten Zehen.

Wenn Schnee fiel, war es dunkel im Auto, so dunkel wie sonst nie in der Stadt. Dann drehte Mona am Rädchen, das Radio ganz leise und einen langsamen Takt an. Einmal sang plötzlich Norbert Leisegang. Ich steck dir die halbe Tüte Erdnusschips, sang Mona schief, da war es Dezember, bald ist Weihnachten, habe ich gedacht und bin losgefahren zu Aral und habe Schokochips gekauft und mich gefragt, was ich fühle. Weil ich das nicht wusste, habe ich mich gefragt, was ich schmecke, irgendetwas muss man beantworten können, habe ich gedacht. Es geht ja nur um Möglichkeiten.

Salzig, habe ich geschmeckt, die Schokoladenchips waren alle, dann habe ich Mona rausgesetzt, vor den Seeblick, da war längst Feierabend, ich drückte ihr die leere Tüte in die Hand und hängte ihr den Röhnklinikumbeutel über die Schulter, die Tüte raschelte, als sie mir einen Kuss gab. Das ist nicht möglich, hat Mona gesagt. Doch, habe ich gesagt, doch. Genau genommen ist diese Liebe nicht möglich. Dann bin ich in mein Auto gestiegen und nach Hause gefahren, das hat mich beeindruckt.

Katrin Marie Merten wurde 1982 geboren, sie lebt in Leipzig als Autorin von Lyrik, Prosa und journalistischen Beiträgen für Literaturzeitschriften und Zeitungen.


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00:00 06.07.2007

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