Nur nicht zuviel wissen

Medientagebuch Lob der Unerfahrenheit: Was den Film "Das Leben der anderen" angeblich zum Meisterwerk macht

Jedem ist das schon mal passiert: Da liest man einen Haufen guter Kritiken, lässt sich zum Kinogang verführen - und versteht danach die Welt nicht mehr. Beziehungsweise hat das Gefühl, von ihr nicht verstanden zu werden. Oder auch schlicht den Eindruck, dass "das Feuilleton" eben eine Welt für sich ist. In dieser Parallelwelt wurde vergangene Woche der Film Das Leben der anderen zum Meisterwerk ausgerufen. Kaum waren die Lobeshymnen zum Kinostart am Donnerstag verklungen, kam am Freitag noch zusätzlich die Meldung, der Film, ein Regiedebüt, habe elf Nominierungen beim Deutschen Filmpreis erhalten, was bedeutet, dass er außer für weibliche Haupt- und Nebenrolle für jede in Frage kommende Kategorie nominiert wurde. Das war ausgesprochen cleveres Timing.

Man muss überhaupt die zuständigen Marketingmenschen dafür bewundern, ein derart unattraktives Thema wie die Stasi-Praktiken in der DDR so gut verkauft zu haben, dass nun fast jeder meint, er müsse diesen Film gesehen haben. Denn wer würde sich, unterhalb der Marge "filmisches Meisterwerk" für die Geschichte eines Stasi-Mannes interessieren, die noch nicht einmal "echt" ist, sondern Fiktion? Man möchte es nicht für ausgeschlossen halten, aber bislang ist der im Film beschriebene Fall nicht publik geworden. Unter all denen, die Einsicht in ihre Akten genommen haben, ist anscheinend noch keinem begegnet, dass ein Stasimitarbeiter mitgehorchte Systemkritik vorsorglich in Systemlob umgewandelt hätte. Im Film erfindet der gute Mensch der Stasi, geläutert durch einen Brecht-Band, den er sich heimlich aus der Wohnung des von ihm abgehörten Dramatikers borgt, gleich ein ganzes "Theaterstück zum 40. Jahrestag der Republikgründung" ("erster Akt: Lenin zögert"). Weil nämlich der Belauschte in Wahrheit einen systemkritischen Artikel über verheimlichte Selbstmordstatistiken verfasst, den er schließlich konspirativ dem Spiegel übergibt. Eigentlich hätte der Spiegel zum Filmstart folglich eine Story haben müssen etwa über "die 20 brisantesten Manuskripte", die aus der DDR geschmuggelt wurden. Statt dessen brachte er neben Filmkritik und Schauspielerinterview eine weitere Stasi-Spitzel-Geschichte.

Historische Genauigkeit gehört trotz der vielfach hervorgehobenen geleisteten Recherche-Arbeit des jungen Regisseurs nicht zu den Stärken des Films. Die Berliner Zeitung, eine der wenigen eher kritischen Stimmen zum Film, strich in gleich zwei Artikeln heraus, dass die Produktion es mit dem Leben in der DDR nicht allzu genau nehme. Zugestanden wurde zwar, dass er damit in eine ganze Reihe von Filmen einzuordnen sei, die ein Bild der DDR wiedergeben, das mehr mit den Bedürfnissen der Filmemacher als mit der Realität zu tun habe. Es sind jedoch nicht nur Kleinigkeiten, die die Berliner kritikwürdig fand; Anstoß nahm sie zum Beispiel daran, dass im Leben der anderen ein geiler Minister die Stasi auf seinen Konkurrenten, den Dramatiker, ansetzt - und der Film damit die Ideologie einfach aufs Private herunterrechne. Andernorts fand man übrigens genau in diesem Detail die DDR aufs Treffendste in ihrer Kleinbürgerlichkeit entlarvt.

Interessanterweise fand auch eine andere Berliner Tageszeitung, der Tagesspiegel, etwas auszusetzen am Meisterwerk. Hier ordnete man den Film in die Welle der deutschen Produktionen ein, die aus Tätern tendenziell Opfer machen wie etwa auch Oliver Hirschbiegels Der Untergang. Denn tatsächlich wird ja der von Ulrich Mühe so bravourös gespielte Stasimann vom Täter zum Wohltäter und dann zum Opfer und am Ende sogar zum gewissermaßen tragischen Helden. Dass Kritiken wie diese in Berlin erschienen, muss kein Zufall sein, sondern hat eventuell mit Erfahrungen zu tun, die nunmal selbst Westberliner den Westdeutschen voraus haben. Aber Erfahrung ist etwas, dessen Wert im Kontext des Films erstaunlich konsequent heruntergesetzt wurde, und das war das eigentlich Sonderbare an diesem Medienhype: Immer wieder war zu lesen, dass es dem westdeutschen Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck gar zum Vorteil gereiche, nichts von dem Erzählten selbst erlebt zu haben. "Ein ostdeutscher Regisseur wäre vermutlich weniger unschuldig und weniger neugierig an den Stoff herangegangen", schrieb die FAZ. Warum eigentlich?

Die Einordnung in größere Linien wie DDR-Vergangenheits-Darstellungen und Täterfilme sind neben der Beschwörung junger Genies beliebte Feuilletonstrategien, um Einzelphänomene und ihre Rezensionen "interessanter" zu machen. Ebenfalls sehr beliebt ist die Experten- beziehungsweise Prominentenbefragung. Der Stern hat Joachim Gauck beauftragt sich zu äußern ("Ja, so war es!"); die Süddeutsche Zeitung Thomas Brussig und die Welt Wolf Biermann ("Womöglich machen es jetzt besser die, die all das Elend nicht selbst erlitten haben"). Sie sind alle drei "Betroffene", die letztlich mit ihrer Erfahrung bestätigen, dass der unerfahrene Regisseur aus dem Westen genialisch erfasst hat, was sie als echtes Leben kennen.

Thomas Brussig outete sich dabei sozusagen als in zweifacher Hinsicht betroffen, nämlich sowohl herkunftstechnisch als auch künstlerisch: Als Co-Autor der Sonnenallee hat er selbst ein bestimmtes DDR-Bild geprägt, das nun, wie von ihm vorhergesagt, im Vergleich zum Leben der anderen als unernst und deshalb historisch falsch herabgewürdigt wird. Brussigs Interesse am Film von Florian Henckel von Donnersmarck aber gilt vor allem jenen Szenen, die Berührungspunkte mit seinem Erfolgsbuch Helden wie wir haben: Dort arbeitet die Hauptperson bekanntlich auch bei der Stasi, nur dass sie sich dabei nie sicher ist, bei der Stasi gelandet zu sein oder nur bei einem Verein, der so tut als ob. Der Hauptfigur im Leben der anderen wäre ein solches Dilemma fremd, das doch in seinem schönen Schwanken zwischen Melodrama und Farce ein wahres Lebensgefühl wiedergibt.

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00:00 31.03.2006

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