Nur ohne meine Scharia

Sexismus Christine Schirrmacher und Ursula Spuler-Stegemann haben die Lage der Frauen im islamischen Recht untersucht

Der Islam wird seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 oder dem Irakkrieg nicht nur immer häufiger mit "Terrorismus, sondern auch dem Vorwurf der "Unterdrückung von Frauen" assoziiert. Diese Wahrnehmung entspringt nicht nur westlicher Voreingenommenheit. Die Politik einiger islamischer Staaten und einer radikalen Minderheit haben zu diesen Eindrücken wesentlich beigetragen. Wie ist es zu dem schlechten Image des Islam gekommen?

Für Christine Schirrmacher, die Leiterin des Deutschen Instituts für Islamfragen in Bonn und für die Professorin an der Universität Marburg, Ursula Spuler-Stegemann, liegt das Haupthindernis für die Befreiung und Emanzipation der muslimischen Frauen in der Scharia begründet. Die Vorstellung, bei der Scharia handele es sich um eine Art kodifiziertes Gesetzbuch, das man käuflich erwerben kann, ist nicht zutreffend. Scharia (wörtlich: Weg zur Träne/Wasserstelle) meint die Gesamtheit der islamischen Gesetze, wie sie im Koran, in der islamischen Überlieferung und in den Auslegungen führender Theologen und Juristen vor allem der frühislamischen Zeit niedergelegt wurden. "Der Gesetzgeber ist nach muslimischer Auffassung Gott selbst, darauf gründet die unerschütterliche Autorität der Scharia." Sie ist Richtschur für alle Lebensbereiche und regelt das Verhältnis des Einzelnen zu seiner Umwelt und zu Gott; sie gilt als Leitfaden für das Verhalten im Dies- und Jenseits. Folglich kann es keinen säkularen, von der Religion getrennten Bereich im Leben eines gläubigen Muslims geben. Eine Kritik am Koran, dem Propheten Mohammad geoffenbarten Wort Gottes, und der Scharia ist gleichbedeutend mit Apostasie, die mit dem Tode zu bestrafen ist. Somit gibt es in der islamischen Welt keine von offizieller Seite vorgetragene Religionskritik. Zudem steht im Arabischen der Terminus "Neuerung" für Verfälschung und Abweichung und wird mit Ketzerei gleichgesetzt.

Im Namen der Scharia werden Frauen geschlagen, beschnitten, zwangsverheiratet, vergewaltigt, eingesperrt, gesteinigt oder für die "Ehre" ermordet. Diese Methoden gehören nicht nur in einigen islamischen Ländern zur täglichen Praxis, sondern die Scharia ist auch schon "in unseren Gerichtssälen heimisch geworden, fast unbemerkt ist sie bereits ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft", so eine provokante These von Spuler-Stegemann. Die Autorin, eine der renommiertesten Islamwissenschaftlerinnen Deutschlands, sieht sie in entscheidenden Punkten konträr zu den Menschenrechten.

Schirrmacher analysiert die Stellung der Frauen in der Scharia en détail. Behandelt werden die Bedeutung der Ehe, Unterhaltspflicht und Berufstätigkeit, die Gehorsamspflicht der Ehefrau, das Züchtigungsrecht des Ehemannes, die Polygamie, die Zeitehe, Eheauflösung und Scheidung, Unterhalt, Kindschaftsrecht sowie soziologische Aspekte wie Frauenbeschneidung, Gewalt gegen Frauen, Sexualität und Familienehre. Was in diesen Kapiteln ausgebreitet wird, ist ein traditionelles, männerzentriertes, sexistisches Frauenbild. Kommt es von ungefähr, fragt man sich da plötzlich, dass strenggläubige Muslime, katholische Kirche und US-Präsident George W. Bush Arm in Arm marschieren, wenn es um Fragen der Sexualität, der Abtreibung, Gentechnik und Frauenfragen geht?

Den Kernbestand der Scharia bilden das Familien- und Erbrecht. Beide definieren den Bewegungs- und Entscheidungsspielraum für Frauen. Eine Beschränkung von Frauenrechten in der islamischen Welt wird nicht nur durch die Scharia begründet, sondern auch durch die tief verwurzelten kulturellen Normen, die mit den religiösen Werten aufs engste verflochten sind. Die eigentliche Benachteiligung der Frauen findet aber im rechtlichen Bereich statt, wohingegen im Westen als Symbol der Unterdrückung das Kopftuch gilt. Was Schirrmacher hier beschreibt, widerspricht dem westlichem Rechtsverständnis und seiner Rechtstradition diametral. Trotz dieser Tatsache wird die westliche Auffassung von der Unterdrückung der Frau im Islam von Musliminnen nur selten geteilt. Muslimische Frauenrechtlerinnen fordern deshalb auch nicht die Abschaffung der Scharia oder eine Säkularisierung der Gesetzgebung, sondern nur die Rückkehr zum "eigentlichen Islam". Sie betrachten dagegen die "westlichen Frauen häufig als ehr-, scham- und würdelos". Schirrmacher sieht in einer Rückkehr zum "eigentlichen Islam" keinen Weg der Befreiung für Frauen.

Was die beiden Islamwissenschaftlerinnen in diesem Buch über die Stellung der Frau im Islam dargelegt haben, steht im Gegensatz zu dem friedlich-freundlichen Dialog zwischen den Religionen, bei dem keinem ein Haar gekrümmt werden soll. Die eigentliche Gefahr für die westlichen Gesellschaften liegt in einem falsch verstandenen Toleranzverständnis, das die Gefahr in sich birgt, dass sich klammheimlich ein paralleles Rechtsverständnis etablieren kann, das universalistischen Maßstäben nicht genügt.

Solange muslimische Eliten in ihren Ländern immer nur Klischees über den Westen verbreiten wie "Imperialismus", "jüdische Weltverschwörung" oder "Befreiung Palästinas", aber einer aufklärerischen und selbstkritischen Debatte über einige Grundsätze des Islam aus dem Wege gehen, solange wird der Islam nicht aus seinem Dilemma herauskommen. Die umfassende Kritik der Scharia duldet keinen Aufschub.

Christine Schirrmacher/Ursula Spuler-Stegemann: Frauen und die Scharia. Die Menschenrechte im Islam, Diederichs, Kreuzlingen-München 2004, 256 S., 19,95 EUR

00:00 08.10.2004

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