"O Verdruss, dass ich sie richten muss"

Katharsis nicht fürs Publikum, sondern für die Schauspieler Christoph Schlingensief inszeniert mit aussteigewilligen Neonazis "Hamlet" in der Version von Gustaf Gründgens

Vielleicht sind die Neonazis ja doch die besseren Schauspieler. Sie sind so erfrischend tumb und echt, wie sie da auf der Bühne rumstehen, ohne jedes schmückende kunsthandwerkliche Beiwerk, einfach so aus dem Leben gegriffen, ein bisschen klotzig, ein bisschen blöd. Sie sollen das Böse verkörpern, und sie tun es. Sie schwenken Fahnen, auf denen sinnigerweise Köpfe aus der Geschichte der Bundesrepublik prangen - von Beuys über Faßbinder bis zu Otto Schily; sie intonieren zu prügelnder Rockmusik ein rührend bescheuertes Deutschlandlied ("In den Welten dieser Erde/ Liegt irgendwo ein Land/ Lehrt Wissenschaft und Arbeit/ Als Deutschland ist´s bekannt") und singen immer noch eine Strophe ("Ich singe unser Deutschlandlied/ Egal wohin ich geh/ Mit Stolze schwörte ich den Eid/ Dass ich zu Deutschland steh"), und weil man in all dem Lärm nichts kapiert, hat die Theaterleitung vorher den Text verteilen lassen, damit das Publikum den sprachlosen Menschen auf der Bühne genügend Verständnis entgegenbringe.

Denn sie sind ja besserungswillig. Es passiert an diesem Abend in Zürich das Wunder, dass nicht das Publikum geläutert wird durch das Spiel der Schauspieler, nicht König Claudius, der feige Brudermörder, sich verrät, weil eine geniale Schauspieltruppe ihm seinen Mord noch einmal auf der Bühne darbietet. Nein, die Amateurschauspieler läutern sich selber: So ergriffen sind sie von ihrer wehrmachtgleichen Exekution von Shakespeare-Versen, dass sie selbst hinfort dem Teufel entsagen und eilig ein Manifest verlesen, sie wollten nun immer artig sein und Gewalt und Rassismus bleiben lassen.

Das ist schön. Aber leider nicht wahr. Denn genauso, wie Laurenz Meyer irgendwie stolz auf Deutschland ist, weil er damit Punkte machen möchte, und Möllemann von den (utopischen) 18 Prozent faselt, die ihn im Gespräch halten sollen, so haben auch die Glatzen das politische Geschäft längst begriffen: Sie suchen die Öffentlichkeit. Praktisch alle mühsam gecasteten "Aussteigewilligen" gehören offenbar zum Freundeskreis des rechten Düsseldorfer Dressman, Musikproduzenten und OB-Kandidaten Torsten Lemmer - und es ist sehr die Frage, ob hier Christoph Schlingensief mit Neonazis Theater macht oder nicht doch eher diese mit ihm.

Immerhin hat Schlingensief mit dieser Besetzung Zürich ordentlich aufgemischt - schon in den Probenwochen. Er holte die Glatzen mit Blaskapelle am Bahnhof ab, baute Infostände auf und forderte gleichzeitig ein Verbot der fremdenfeindlichen Schweizer Volkspartei des Christoph Blocher. Prompt regte sich Volkes Stimme und forderte die Ausweisung des deutschen Ungeziefers. Man muss den Mann auf der Straße nur ein bisschen kitzeln, schon kommen alte Tugenden ans Tageslicht. Und kitzeln kann Schlingensief besonders gut.

Auch im Theater: Sein Hamlet ist die Parodie einer Inszenierung, als solche aber konsequent. Schlingensief trägt den Generationenkonflikt, den das Stück (auch) beschreibt, nicht zwischen Hamlet und seinen Eltern, sondern zwischen zwei Theatergenerationen aus. Nicht Hamlet stellt sich verrückt und fordert Rechenschaft über den an seinem Vater begangenen Mord, sondern das heutige Theater spielt verrückt: Es befragt das hohltönende deutsche Staats- und Stadttheater der sechziger Jahre auf seine Herkunft, auf seinen braunen Unterton.

Schlingensief stellt die Hamlet-Inszenierung des Gustaf Gründgens aus dem Jahr 1962 quasi nach, er lässt sie nach-sprechen. Die alte Aufführung ist in ihrem hohlen Pathos, in ihrer falschen, noch mitten im Duktus der Nazizeit steckenden Eigentlichkeit als Hörspiel präsent; die Züricher Schauspieler verdoppeln das oder überlassen dem Tondokument ganz die Szene. "Das Theater soll wieder klassisch werden" - so klassisch wie Gründgens eben. Was dabei herauskommt, ist grauenvoll lustig und auf perfide Weise leer, aber es wäre voreilig, dieses überkandidelte Karaoke-Theater einfach nur als Happening abzutun: Hier wird zwar das Shakespeare-Stück vordergründig vernichtet und in die Karikatur gezogen, aber es wird metaphorisch dann eben doch gespielt.

Denn so wie der Züricher Hamlet sich spreizt und mit den Händen wedelt und angebliche Sprechkultur zelebriert, so spreizte sich auch die deutsche Nachkriegsgeneration in ihren falschen Gesten und Gefühlen - auf der Bühne und möglicherweise auch im Zuschauerraum. Offenbar brauchte man diese künstlichen Körperhaltungen und die pathetische Musik, Schauspieler durften wie Sänger sein, dann musste man nicht zuhören - und Schlingensief haut uns diese ganze museale Stadttheater-Nachkriegskultur noch einmal um die Ohren. Er veropert, veroperettelt den Hamlet, der Soundtrack besteht über lange Strecken aus Tristan und Isolde, bisweilen auch aus Filmmusik von Psycho bis zu Viscontis Die Verdammten. Die Züricher Schauspieler werfen sich in Posen aus der Stummfilmzeit, schmachten einander blöde an, Murnaus Nosferatu wird ebenso zitiert wie der Blaue Engel, der hier aber mehr Ähnlichkeit mit Zarah Leander hat, Sein oder Nichtsein in Netzstrümpfen, vorgetragen von einem transvestitischen Hamlet. Zehnmal hintereinander rezitiert er "O schmölze doch dies allzu feste Fleisch", dann tritt ein Kommentator von der Seite auf: "Gustaf Gründgens sagte an dieser Stelle: In jedem Manne wohnt ein Kind, das will sterben". Undsofort.

Es ist, als wenn ein Schülertheater seinen Lehrern den Spiegel vorhält, aber auf relativ hohem Niveau. Der Hamlet des famosen Sebastian Rudolph ist eine feinnervige Gründgens-Paraphrase, die Mutter der Irm Hermann eine bleiche Puppe, der Brudermörder Claudius des Peter Kern ein betrunkener, lallender Apathiker, eine spastische Puppe aus Spitting Image, die man auf einen Thron gesetzt hat.

Das alles ist bedingt spaßig und mäßig unterhaltsam und will natürlich auch das Stück selber gar nicht in allen Finessen ausleuchten. Sondern nur seine Struktur. Und die heißt: Sohn kämpft gegen die Verbrechen der Alten, gegen ihre faschistoiden Verwicklungen. Der Soundtrack der Gründgens-Inszenierung belegt eindrucksvoll, dass man dieses Thema im Nachkriegsdeutschland offenbar nur pathetisch verfehlen, sich um es herummogeln konnte. Schlingensief holt die angemessene Art der Auseinandersetzung nun nach, zugegeben: nicht gerade virtuos, denn er ist ein Fluxus-Künstler und Anfänger-Regisseur und kein neuer Peter Zadek - aber ihn deshalb als "Nischenbesetzer" zu beschimpfen, der auch noch "Regiehonorar" bekommt (wie Märchenonkel Stadelmaier das in der FAZ wieder mal tut), ist ziemlich naiv.

Nein, Schlingensief meint es bitter ernst mit seinen Schattenspielen und Nebelmaschinen-Orgien, die er in Zürich abzieht. Genauso, wie seine Container-Aktionen und Arbeitslosen-Badespäße zu Ehren des deutschen Spendenkanzlers kein Beitrag zur Unterhaltungs-Industrie waren, sondern gerade der Versuch, diese zu konterkarieren. Schlingensief ist kein Anarcho-Clown (obwohl im Spaß ja nichts genuin Verwerfliches liegt), sondern eher ein Ungelernter, selber ein Arbeitsloser, der sich in Aktionismus flüchtet. Und dabei manchmal was findet.

Im Hamlet zum Beispiel inszeniert er den Rachewunsch des wirren Sohnes als Beginn des (sich wiederholenden) faschistischen Hasses. Kein schlechter Gedanke: Hamlet stachelt die Schauspielertruppe zu einer wüsten Gewaltorgie an - zunächst wird im Gegenlicht wie bei den Nazis gebrüllt und rezitiert, dann wird demonstrativ geprügelt und vergewaltigt. Es ist klar, dass niemand aus dem Publikum sich darin wiedererkennen mag - die Mechanismen sind heute viel subtiler. Das Proleten überlässt man den Neonazis. Aber dann kommt Schlingensief noch einmal wieder, als neuer Machthaber, als Fortinbras. Der Schluss des Shakespeare-Stückes ist einfach weggekürzt und findet nicht statt; dafür gibt es eine Art Nazi-Fernsehballett mit Vortänzer Fortinbras - die netten Nazis von nebenan hüpfen für uns, mit Uniform und Armbinde. Das ist absolut fernsehtauglich und könnte demnächst Wirklichkeit werden - man schaue nur hinüber nach Italien, wo Silvio Berlusconi bereits mit uniformierter Leibgarde auftritt und ungeniert Mussolini-Jargon übernimmt.

Ist nun Christoph Schlingensief unser Idiot, oder sind wir seine Idioten? Wahrscheinlich beides. Denn natürlich funktioniert sein Theater nur über das Publikums-Mitspiel, über das Kopfschütteln des Bürgertums und die "Verräter"-Rufe der wenigen Rechten, die in Zürich ihre Neonazi-Kollegen auf der Bühne beschimpften. Wir alle sind Teil des Spektakels. Ist halt so. Und das Theater (und vielleicht auch die BRD-Gesellschaft) braucht diesen Hamletschen, diesen Schlingensiefschen Größenwahn: "Die Zeit ist aus den Fugen. O Verdruss, dass gerade ich sie richten muss". Also doch Shakespeare. Ein bisschen anmaßend das alles. Aber einer muss es ja machen.

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00:00 18.05.2001

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