Obst und Gemüse aus dem Schrank

Eventkritik Beim Berliner Thought-for-Food-Kongress dachte man nach, wie die wachsende Weltbevölkerung satt wird
Ausgabe 39/2013
Große Fragen, kleine Schritte: Kann man mit begrünten Schränken die Welt retten?
Große Fragen, kleine Schritte: Kann man mit begrünten Schränken die Welt retten?

Foto: Sophia Hoffmann

In der Alten Münze, einer ehemaligen Münzprägeanstalt unweit des Roten Rathauses, ist das Licht schummrig. Am Ende eines langen Raums sitzt eine Gruppe von Leuten auf Pappkartons. Die britische Ökologin Lucy Gilliam hält gerade einen Vortrag über 3D-Food-Printing. Bitte was? Ja, es geht hier tatsächlich um das „Ausdrucken“ synthetischer Lebensmittel. Im großen Stil ist das zwar noch Zukunftsmusik, aber gerade erst hat die NASA eine größere Summe für Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet bewilligt. Dass gedrucktes Essen nicht nur für Astronauten interessant wäre und keineswegs der Untergang jeder kulinarischen Kultur, darüber sind sich hier alle einig. Ein junger Mann denkt laut darüber nach, wie es wäre, wenn man witterungsresistentes Saatgut in Hungergebieten einfach ausdrucken könnte.

300 Teilnehmer haben sich in Berlin beim Thought-for-Food-Summit versammelt, Wissenschaftler, Umweltaktivisten, NGO-Mitarbeiter, Wirtschaftsvertreter. Es soll um nichts Geringeres gehen, als über das Hungerproblem der wachsenden Weltbevölkerung nachzudenken. Die Herausforderung ist in großen Papp-Buchstaben an die Wand gepinnt: „How to feed 9 billion people in the year 2050?“ – Wie schaffen wir es, neun Milliarden im Jahr 2050 satt zu bekommen?

Riesige Hähnchenschenkel

Als neutraler Besucher ist man auf den ersten Blick verwundert über die unbekümmerte, oft spielerisch erscheinende Art, mit der hier zwischen überdimensionalen Hähnchenschenkeln und Melonenspalten aus buntem Karton eines der größten Probleme der Menschheit diskutiert wird. Auf den zweiten Blick erkennt man, so locker der Umgang, so überaus ambitioniert gehen die Teilnehmer an das große Thema heran. Die Vorträge von Fachleuten erstrecken sich von unternehmensorientierten Motivations-Workshops bis zur Produktion von In-Vitro-Fleisch. Und am Schluss des Kongresses wird ein Preis zur Förderung eines konkreten Projekts verliehen.

Zu den Initiatoren des Kongresses gehört auch eine Mitarbeiterin von Syngenta, einer der weltweit größten Agrarkonzerne und ein Hauptsponsor der Konferenz. Syngenta machte zuletzt Negativ-Schlagzeilen, als man gegen das Verbot eines konzerneigenen Pestizids klagte, das für das Bienensterben mitverantwortlich gemacht wird. Wie es scheint, möchte man nun sein Image aufpolieren: So wurde kürzlich ein Nachhaltigkeitsplan vorgestellt, der die Nahrungssicherheit der Weltbevölkerung verbessern soll. Kritiker halten den Plan für nicht umsetzbar. Auch zeugt er nicht gerade von Uneigennützigkeit, da Syngenta an der Umsetzung mitverdienen würde.

In einem Raum neben dem 3D-Druckervortrag spricht gerade die Amerikanerin Suzanne Petroni darüber, wann Frauen den Agrarsektor dominieren werden. Petroni arbeitet mit dem Schwerpunkt Gender für einen Thinktank in Washington D.C. In ihrem Vortrag versucht sie, effiziente Wege aufzuzeigen, Frauen in Entwicklungsländern wirtschaftlich zu stärken. Eine solche Aufwertung über mehr Einfluss und Erfolg in der Landwirtschaft würde eine ganze Reihe positiver Effekte für die betroffene Gesellschaft haben, glaubt sie.

Nach dem Vortrag verteilen sich die Zuhörer um die Reste des mittäglichen Buffets. Visitenkarten werden gewechselt, man spricht über Visionen oder tauscht sich über konkrete Projekte aus. Milena Glimbovski, eine junge Berlinerin, sagt, sie sei vor allem zum Kontakteknüpfen hier. Sie erzählt von ihrem eigenen Start-up. Es geht um einen Supermarkt, der ganz ohne Verpackungen auskommen soll. Die Lebensmittel sollen dafür direkt aus hygienischen Großbehältern in mitgebrachte Behältnisse der Kunden gefüllt werden.

Tante-Emma-Prinzip reloaded

Bereits in den achtziger Jahren gab es Bioläden, die nach diesem uralten Tante-Emma-Prinzip verfuhren, Glimbovski und ihre Teamkollegen möchten die angestaubte Idee modernisieren und ins 21. Jahrhundert hieven. Bald startet dafür die Crowdfunding-Phase, im Frühling 2014 soll es einen Testlauf in Form eines temporären Pop-up-Supermarktes geben.

Dann leert sich der Raum mit dem Buffet wieder, laute Partymusik kündigt nebenan den Höhepunkt des Abends an – den Pitch der fünf Finalisten des Start-up-Wettbewerbs. Unter großem Applaus treten die Teams in den Ring und powerpointen, was das Zeug hält. Die Vorschläge sind durchweg originell, wenn auch die Möglichkeiten der Umsetzung variieren.

Die niederländische Gruppe Agrilution hat einen Schrank erfunden, der nach dem Prinzip des Vertical Gardening funktioniert, bei dem Pflanzen nicht horizontal, sondern vertikal versetzt angebracht werden. Der grüne Schrank soll es Privathaushalten ermöglichen, sich mit nährstoffreichem, selbst in der Wohnung gezogenem Gemüse zu versorgen.

Die Nordamerikaner von Henlight gehen mit solarbetriebenen Lampen für Hühnerställe ins Rennen. Damit könnten landwirtschaftliche Kleinstbetriebe ihre Eierproduktion CO2-neutral steigern, versprechen sie. Die Gruppe Oasis aus Kenia hat eine Anlage zur Trinkwassergewinnung aus Meerwasser entwickelt. Das indische Team von Ingenerovictus möchte aus Essensabfällen Biogas recyclen, und Five Loaves schlagen nach biblischem Vorbild vor, in einem Charity-Spenden-Projekt Restaurant-Mahlzeiten mit Hungernden zu teilen. Der Pflanzenschrank wird im Publikum als klarer Favorit gehandelt, viele T-Shirts mit dem Agrilution-Logo sind zu sehen. Doch es gewinnt überraschend Henlight mit der Produktionssteigerung durch Hühner-Beleuchtung. Stolz halten die Gründer einen 10.000-Dollar-Scheck in die Kameras, mit dem sie ihre Idee umsetzen wollen.

Die Siegerehrung mündet in einer Party. Bis spät in die Nacht wird ausgelassen getanzt. Die Denkblase aus Karton, die zu Beginn des Kongresses noch über dem Veranstaltungslogo thronte, hat sich da schon abgelöst und lehnt in der Ecke. Das Nachdenken über die Rettung der Welt macht erst mal Pause.

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