Nils Markwardt
25.03.2013 | 12:54 13

„Occupy war ein Erfolg“

Protestkultur Michael Hardt ist einer der wichtigsten Theoretiker sozialer Bewegungen. Er freut sich immer noch über jeden Demonstranten

„Occupy war ein Erfolg“

Michael Hardt

FOTO: HENDRIK SPECK

Der Freitag: Sie kennen die sozialen Bewegungen Lateinamerikas äußerst gut. Was denken Sie, wenn man nun von einem „Papst der Armen“ spricht?

Michael Hardt: Es wäre großartig, wenn die katholische Kirche ihren Einsatz für die Armen verstärken würde. In Form der Befreiungstheologie, die im übrigen einer der größten Feinde Benedikts war, hat dieser ja gerade in Lateinamerika eine lange Tradition. In vielen Regionen dieser Welt übernimmt heute nur der radikale Islam die Repräsentation der Armen. Vor dem Hintergrund, dass Europa und Nordamerika diesen ja zu bekämpfen versuchen, scheint mir gerade auf diesem Gebiet wenig getan zu werden.

Antonio Negri und Sie haben mit Ihrem neuen Buch Demokratie! einen Lobgesang auf die globalen Protestbewegungen veröffentlicht. Beim Lesen denkt man bisweilen an den Ausspruch Maos: „Unter dem Himmel herrscht Chaos – die Situation ist ausgezeichnet.”

Nein, das würde ich so nicht sagen. Ich denke, man muss zwischen positivem und negativem Chaos unterscheiden. Denn soziale und ökonomische Krisen öffnen nicht immer neue emanzipatorische Wege. Gerade in den letzten Jahren wurden sie vor allem für neoliberale Privatisierungsmaßnahmen genutzt. In New Orleans wurden nach „Katrina“ beispielsweise Armenviertel geräumt, um dort Casinos zu bauen. Dennoch können Krisen dabei helfen, veraltete politische Strukturen zu zerstören. In diesem Zusammenhang gefällt mir der Begriff der „de-stituierenden Macht“, der 2001 bei den Protesten gegen die Austeritätspolitik in Argentinien geprägt wurde. Sie richtete sich gegen Formen neoliberaler Konstitution, die der Entstehung neuer emanzipatorischer Bewegungen im Weg standen.

Dennoch scheinen Sie die emanzipatorischen Effekte der Finanzkrise überzubetonen. Momentan sieht man doch, wie beharrlich der Kapitalismus ist. Griechenland, Italien, Spanien und nun auch Zypern werden einer neoliberalen Schock-therapie unterzogen.

Ja, aber ich sehe all diese Bewegungen – die Proteste in Griechenland, die Indignados in Spanien oder Occupy – nicht nur als bloße Reaktionen auf die Finanzkrise, sondern auch als Produkte einer viel länger währenden Unzufriedenheit mit dem politischen System. Diese Bewegungen zu würdigen, heißt ja nicht die Krise zu feiern. Es geht vielmehr darum, wertzuschätzen, wie Menschen sich im Kontext der Krise organisieren.

Sie behaupten, dass die vielfältigen Widerstandsbewegungen im Jahr 2011 – von Occupy über die Arabellion bis zu den Protesten in Griechenland, Israel oder London – etwas gemeinsam haben. Was ist das?

Man kann diese Bewegungen zunächst besser verstehen, wenn man sieht, dass sie weniger eine konkrete Sache teilen, als vielmehr aufeinander aufbauen und gewisse Dinge übersetzen. Es wurde beispielsweise oft gesagt, dass auf dem Tahrir-Platz ein Tyrann und im Zuccotti-Park die Tyrannei der Finanzmärkte bekämpft würde. Natürlich waren das zwei unterschiedliche Situationen. In New York gab es keinen Mubarak. Aber Occupy hat versucht, das zu transformieren. Die Bewegungen teilen gemeinsame Praktiken: Zeltcamps, Generalversammlungen oder Verfahren kollektiver Entscheidungsfindung. Sie eint die politische Forderung nach mehr Demokratie, denn es handelt sich nicht nur um ökonomisch motivierten Protest.

Zumindest im Fall der London Riots würde ich widersprechen. Den dortigen Plünderern ging es doch nicht um soziale Rechte oder demokratische Partizipation, sondern um Sneaker und DVD-Player.

Ich glaube, London weist hier gewisse Parallelen zu den Riots in Los Angeles 1966 auf. Dort gab es noch massivere Plünderungen und Verwüstungen. Der Philosoph Guy Debord hat erkannt, dass dies kein Spektakel der Warenherrschaft, sondern vielmehr ihre Zerstörung war. Dennoch stimmt es natürlich, dass die Leute das Zeug haben wollten. Ich meine, ich will auch iPads, Sneaker usw. Aber das ist nicht die entscheidende Frage. Die London Riots waren vielleicht kein Protest gegen die Warenherrschaft, aber ein Aufschrei gegen die ungerechte Reichtumsverteilung. Zudem muss man die Ereignisse in London – ebenso wie die Ausschreitungen in den französischen Banlieues und
Los Angeles – auch als Folgen des Rassismus -verstehen. Überall spielte die rassistische Segregation in den Großstädten eine zentrale Rolle. Nichtsdestotrotz bleibt London im Kontext des Buches in der Tat ein Sonderfall.

Sie schreiben, dass es auch „Zwangsmittel“ braucht, um gegen Konzerne und Finanzindustrie vorzugehen. Was bedeutet das in puncto Gewaltfrage?

Mich fasziniert etwas anderes: Einer der großartigsten Momente auf dem Tahrir-Platz war die Reaktion der Demonstranten auf die gewalttätigen Attacken von Mubaraks Schergen. Am nächsten Tag sah man überall den Slogan: „Wir haben keine Angst“. Dass die Menschen ihre Angst verlieren, ist die größtmögliche Bedrohung für ein Regime. Auf der Puerta del Sol in Madrid konnte man diesen Slogan ebenfalls lesen. Soweit ich weiß, gab es bei den spanischen Protesten dann auch kaum Vandalismus oder Auseinandersetzungen mit der Polizei. Dabei war diese Klischee-Gewalt für die Aktivistengeneration von Seattle und Genua noch gängige Praxis: Fenster einwerfen, sich mit der Polizei prügeln oder sogar Molotow-Cocktails werfen. Ich glaube, die Erklärung für ihr Ausbleiben liegt genau in diesem Slogan: „Wir haben keine Angst“. Das beantwortet die Gewaltfrage zwar nicht für alle Kontexte und Zeiten, stellt aber einen Bruch zur Vergangenheit dar.

In einem Beitrag für die documenta13 sprachen Sie auch von einer „Politik der Liebe“. Wie sieht die aus?

Ich habe festgestellt, dass 20-jährige Aktivisten Liebe heute viel eher als Teil ihrer politischen Haltung verstehen als vorherige Generationen. Ich glaube, das liegt daran, dass sie den vermeintlichen Gegensatz von Vernunft und Leidenschaft innerhalb der Politik zurückweisen. Politik besteht für sie nicht nur aus Interessen, sondern ebenfalls aus Passionen. Deshalb geht es ihnen auch vermehrt um die Ausbildung neuer Formen des Arbeitens und Zusammenlebens. Die Politik der Liebe ist gewissermaßen der Rahmen, in dem sich diese neuen Beziehungsmodelle denken lassen. Damit meine ich nicht Hippietum, freie Liebe und all das. Mir ist relativ egal, wer wann mit wem Sex hat. Was ich meine und als Teil des Diskurses junger Aktivisten beobachte, ist vielmehr die Produktion von sozialen Beziehungen, in denen wir uns verändern können.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die globalen Proteste denn gewissermaßen auch als anthropologische Trainingscamps, die das Potenzial zur Neuordnung unserer sozialen Beziehungen bergen. Was lässt sich von ihnen für das tägliche Leben lernen?

Man kann sich der Antwort nähern, indem man beispielsweise fragt, warum die Aktivisten in Kairo oder New York sich so magisch gefühlt haben und oftmals sogar charakterliche Veränderungen feststellten. Es gab hier nämlich eine De-Individualisierung sozialer Erfahrungen. Das bedeutet zunächst, dass man erkennt, wie stark sich unser tägliches Leben in der Vereinzelung abspielt. Und zwar selbst dann, wenn man mit anderen Leuten elektronisch vernetzt ist. Ich glaube, dass das physische Zusammensein und die körperliche Nähe bei den Protesten eine entscheidende Rolle spielte.

Sie würden also nicht sagen, dass Occupy gescheitert ist?

Nein, im Gegenteil. Es gibt ja enorme Erfolge. Die erfüllen zwar oft nicht die Erwartungen der Aktivisten, sind aber dennoch bemerkenswert. In den USA wurde beispielsweise endlich über ökonomische Gerechtigkeit, neue Formen der Armut oder die Macht der Wall Street geredet. Am wichtigsten ist vielleicht, dass man Schulden als Mechanismen der Kontrolle und Unterdrückung erkannt hat.

Kommentare (13)

Costa Esmeralda 25.03.2013 | 20:10

Lieber Nils und auch Michael,

vorweg, das Buch habe ich nicht gelesen, obwohl ich es mir in Panamá gern zu Gemüte geführt hätte. Einige Anmerkungen zum Gespräch: Die Aussage bezüglich der katholischen Kirche in Lateinamerika kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Habe insgesamt 17 Jahre mit afrika-abstämmigen, indigenen Völkern sowie ärmsten Mestizen-Gesellschaften in Peru, Ecador, Brasilien, und Honduras gearbeitet (in Afrika ebenfalls 17 Jahre). Die Kirche hat in der Geschichte und m. E. auch bis heute noch eine verheerende Rolle gespielt. In der Kolonialgeschichte und noch lange nach der Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Staaten hatte die Kirche die Funktion der Akkulturation und Disziplinierung der armen "Seelen". Seit dem letzten Jahrhundert kanalisiert die katholische Kirche den Protest der Armen in friedliche Prozessionen, mit dem Versprechen des Paradieses nach dem Tode. In meinen Projekten hatte ich stets den grössten "Gegner" im Emanzipationsprozess von Armen in der Kirche, die vor allem eine frauenverachtende Funktion innehat und Millionen von armen Frauen in ihrer Situation allein lässt. (etwa 50% der Frauen sind alleinerziehend, "Gebärmaschinen" und sind der Männergesellschaft beinahe schutzlos ausgeliefert. Deren Kinder, oft von verschiedenen Männern, haben nur eine Zukunft in der Prostitution, Drogenhandel oder Arbeitslosigkeit). Es gibt Ausnahmen, wie bspw. einige Projekte der Salesianer und auch mit Ausnahmen von Jesuiten. Aber diese sind emanzipierend nur im Sinne von besserer Ausbildung, nicht aber im holistischen Sinne einer Befreiung von Indoktrination von Ideologien. Die Anziehungskraft von religiöser Indoktrination ist leider die Perzeption der Armen, dass Religionen die Einzigen Institutionen sind, die sich praktisch um sie kümmern. Die internationale Entwicklungshilfe hat seit den 60er Jahren rund um dem Globus versagt und oft genug das Gegenteil bewirkt, was sie bewirken sollte (der fliegende Teppichhändler Niebel ist einsame Krönung). Das lag in erster Linie daran, im Gegensatz zu religiösen Funktionsträgern, dass die Mitglieder von Entwicklungsinstitutionen nicht aus Empathie arbeiten, sondern für eigene Knete. Und das spüren die Betroffenen schon nach den ersten Sätzen und Gesten und fühlen sich sofort ausgenutzt und jede Unterstützung läuft ins Leere.

Noch ein Gedanke zur aktuellen Bewegungen gegen das Establishment. Ich meine, dass all diese Bewegungen letztendlich nur von vorübergehender Dauer sein werden, weil die Mehrheit der Mitglieder spätestens im Alter von dreissig Jahren, wenn sie eine eigene Familie gründen, den Protest aufgeben und das Kapital sie in den kapitalistischen Verwertungsprozess mehr oder weniger erfolgreich einbindet. Wir sehen heute, wie die 68er-Bewegung innerhalb von 20 Jahren stock-konservativ wurden und dem Knaster hinterherjagte, wie ihre Eltern vordem. Unsere Generation hat voll versagt und die jüngere nicht in ihrem Protest unterstützt, um eine generationsübergreifende Bewegung gegen das Kapital zustande zu bringen. Dieses wäre möglich, wenn wir "Alteren" mithelfen würden, einen Einstieg in eine alternative Wirtschaftsform (Gemeinwirtschaft) zu unternehmen, denn dass der Kapitalismus offen an seine Grenzen stösst, wird auch dem Blinden langsam deutlich.

Über die Revolten im arabischen Raum kann ich nur spekulieren, nicht aus eigener Erfahrung antworten. Aber mir scheint auch da der Westen total versagt zu haben. Nach 9/11 hätte ich mir statt einer Kriegsoffensive vor allem einen massiven Kulturaustausch gewünscht, einen Dialog zwischen Kulturen, Ferienaustausch von europäischen Jugendlichen mit Jugendlichen aus arabischen Ländern. Das Geld, was in Deutschland für parteinahe Stiftungen verpulvert wird, um BT-Parteien zu mästen, wäre besser angewandt, um multikulturelle Bildungseinrichtungen zu gründen.

Das nur in aller Kürze,

LG, CE

Avatar
Ehemaliger Nutzer 26.03.2013 | 10:37

"Ich meine, ich will auch iPads, Sneaker usw."

Und das unterscheidet uns - ich brauch das nicht! Und mit sozialen Bewegungen hat das auch nichts zu tun.

Ich schreibe auch nicht um damit Geld zu verdienen. Ich mag das ganze kapitalistische System nicht! Und deshalb verweigere ich mich ihm.

Philipp Adamik 26.03.2013 | 12:02

Hardt und Negri als Neo-Marxistische Theoretiker und Ideologen teilen den klassischen Grundgedanken der Marxistischen Theorie der direkten Demokratie. Eine Beteiligung aller, genauer aller, die mit einem Klassenbewusstsein ausgestattet sind, ermöglicht gerechte Entscheidungen.

„Die Bewegungen teilen gemeinsame Praktiken: Zeltcamps, Generalversammlungen oder Verfahren kollektiver Entscheidungsfindung. Sie eint die politische Forderung nach mehr Demokratie, denn es handelt sich nicht nur um ökonomisch motivierten Protest.”

Eine idealistische Vorstellung, die zwar Proteste koordinieren und durchaus mediale Aufmerksamkeit erregen kann, aber substantiell nichts ändern. Die Maschine Kapitalismus/repräsentative Demokratie ist zu dynamisch, zu flexible als das Proteste substantiell etwas ändern können. Der Kapitalismus hat zum einem die Fähigkeit auch den Protest zu kapitalisieren und zu seiner eigenen Sache zu machen, was Hardt und Negri durchaus auch erkennen, zum anderen sind die Netzwerke der Macht viel zu groß und zu globalisiert, als dass sie sich von ein paar Protesten umwerfen ließen. Was in Ägypten gelang, gelingt nicht Frankfurt, Stuttgart, London und der Wallstreet.

In Anbetracht dieser Erfolgsprognosen, bleibt für die Protestierenden am Ende der Proteste nur eine Geisteshaltung, die „Die Sterne” auf den Punkt gebracht haben:

„Deine Augen im Spiegel sind genauso frustriert, als hättest du dich politisch engagiert.”

Ist das Ende der Proteste die Konsequenz? Nein. Zum einem sind die Proteste u. a. durch ihre Darstellung in den Medien systemisch in die etablierten repräsentativen Demokratie integriert. Sie Artikulieren immer noch den Willen der Protestierenden und einer schweigenden Mehrheit ähnlich Denkender, denen es nicht gelingt - wohl eher nicht in der Lage sind - ihren Willen Ausdruck zu verleihen. In dem Sinne Helfen die Proteste vielleicht schlimmeres zu verhindern oder gar Impulse zu einer gerechteren, aber noch lange nicht gerechten, Wirtschaftsordnung beizusteuern. Als Beispiel mag hier Deckelung der Management-Gehälter in der Schweiz oder die ernsthaften Gedanken über eine Finanztranskationssteuer dienen.

Zum anderen sind sie auch für die Beteiligten eine großartige Sache, von der man auch gerne noch seinen Enkeln erzählen mag.

Proteste verhindern vielleicht nur schlimmeres oder ändern wenig, aber rationale Ziele motivieren nicht. Es Bedarf der Ideologie um die Massen auf die Straße zu bewegen. Den Skeptizismus haben sie selbst im Kopf.

Nils Markwardt 26.03.2013 | 21:11

Lieber Herr Adamik,

Ich kann und will hier selbstverständlich nicht für Michael Hardt sprechen. Der Vollständigkeit halber kann ich an dieser Stelle aber einen Punkt ergänzen, der sich zwar nicht direkt auf ihre Ausführungen bezieht, sie aber vielleicht zumindest streift. Denn im Zuge des Gesprächs habe ich Michael Hardt auch auf die Kritik angesprochen, mit der er und Negri in der wissenschaftlichen Debatte konfrontiert sind (und das nicht zu wenig). So arbeitet sich - um nur ein Beispiel zu nennen - Chantal Mouffe schon seit geraumer Zeit an den beiden ab (ganz dezidiert in dem kleinen Band Exodus und Stellungskrieg). Sehr kurz und salopp gesagt, argumentiert Mouffe, dass die Theorie der „Multitude“ im Endeffekt nur eine Art postmoderne Wunschmaschine ist und die Ablehnung von repräsentativer Demokratie und institutionellen Kooperationen Hardt und Negris Ansatz zur praktischen Wirkungslosigkeit verdammt. Hardts Replik - die aus Platzmangel nicht im Text steht - ist dabei vielleicht erwähnenswert. Seine (sinngemäße) Antwort hatte zwei Aspekte: Zum einen müsste der Entwurf einer (radikal) anderen Welt einfach Bestandteil von Politik sein. Denn die Geschichte habe schließlich auch immer wieder gezeigt, dass vieles, was einst unmöglich schien, schnell Wirklichkeit werden konnte. Zum anderen bemerkte er (sinngemäß) aber auch, dass solch ein „realistischer Diskurs“ die Realität oft selbst nicht richtig wahrnehmen kann. Bei der 18tägigen Tahrir-Besetzung habe man beispielsweise geradezu obsessiv versucht, einen Anführer ausfindig zu machen. Zuerst dachte man, es wäre Mohammed el-Baradei, dann sollte es der Google Mitarbeiter Wael Ghonim sein und am Tag darauf gab es schließlich noch drei weitere Kandidaten. Die „Realisten“ hätten aber nicht verstanden, dass hier etwas grundlegend anderes passierte. Ihre „realistische“ Perspektive habe sie also - paradoxerweise - blind für die Wirklichkeit gemacht. Denn auf dem Tahrir hätten zwar nicht alle Menschen absolut gleichberechtigt partizipiert, aber es habe verschiedene Gruppen gegeben, die mit einander verhandelten – und zwar ohne zentralen Anführer.

Das, wie gesagt, vielleicht nur als kleine Ergänzung.

Beste Grüße

Philipp Adamik 27.03.2013 | 12:15

Lieber Herr Markwardt,

zunächst möchte ich mich erstmal für Ihre freundliche und informative Antwort bedanken.

Selbstverständlich wird eine kritische Position, wie die von Michael und Hardt und Antonio Negri im wissenschaftlichen Diskurs scharf kritisiert. Alleine schon ihre Positionierung als kritische Intellektuelle u. a. in der Tradition der Frankfurter Schule (Positivismusstreit) macht sie angreifbar.

Zu Ihren Ergänzungen:

Leider kenne ich die Bücher von Chantal Mouffe nicht. Aber ihr Einwand, Ihrer „saloppen“ Formulierung zufolge, dass „die Theorie der „Mulitude“ im Endeffekt nur eine Art postmoderne Wunschmaschine ist und die Ablehnung von repräsentativer Demokratie und institutionellen Kooperationen Hardt und Negris Ansatz zur praktischen Wirkungslosigkeit verdammt ist“; ist meines Erachtens zu undifferenziert und steht nicht auf dem Stand und der Verbreitung der heutigen IuK-Technologien.

Zunächst sehe ich in diesem Punkt die Notwendigkeit einer Differenzierung zwischen westlichen repräsentativen Demokratien und "ehemaligen?" Diktaturen wie Ägypten.

Im Fall der westlichen Demokratien erscheint mir die institutionelle Kooperation und die Anerkennung der repräsentativen Demokratie für alternativlos.

Zum einem ermöglichen westliche Demokratien, wenn auch nicht in ausreichenden Maße, die Beteiligung von Bürgern an politischen Entscheidungsprozessen. Der Widerrufung des Atomausstieg Ausstiegs belegt dies. Des weiteren ist das westliche kapitalistische wirtschaftliche und politische System, wie auch Hardt und Negri in „Empire“ darlegen, ist eine höchst effiziente Maschine, die in der Lage ist Proteste einfach zu ignorieren oder nur scheinabr zu beachten, wie bei Stuttgart 21. Gleichzeitig kann sie postmoderne Ideologien zu ihrem Eigen machen (S. 57, u.163f). Die Einführung der Finanztransaktionssteuer in einigen EU-Staaten kann hier als Beispiel dienen.

Unter diesen Umständen erscheint mir die „Kapitulation“ vor den bestehenden Institutionen als eine Notwendigkeit.

Nicht desto trotz stehen die westlichen politischen Institutionen, insbesondere die Verwaltung, unter einem immensen Anpassungsdruck.

Zum einem werden sie von dem Finanzmarkt aufgrund seiner extrem hohen Effizienz vor sich hergetrieben (z. B. Bankenrettung und Eurokrise). Zum anderem können auch die zivilgesellschaftlichen Akteure, durch ihre Netzwerkstruktur, einen immer stärkeren Druck auf die politischen Institutionen ausüben. Das staatliche Handlungsmodell, die hierarchisch organisierte Verwaltung, kann mit diesen Entwicklungen kaum noch mithalten und gerät in eine Legitimationskrise.

Leider ist die Konsequenz daraus meistens nicht die notwendigen Strukturanpassungsmaßnahmen, besser Revolutionen durchzuführen (z. B. Abschaffung des Berufsbeamtentums; stärkere Bürgerbeteiligung in der Stadtplanung und in den betriebswirtschaftlichen Entscheidungen der Verwaltung), sondern eine Erhöhung der Repression (z. B. Stuttgart 21) oder die Adaption der Praktiken des Finanzmarktes. Letztendlich ist der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) nichts weiter als eine Rating Agentur mit dem Recht Kredite zu vergeben, die kaum noch unter politischer Kontrolle steht.

In diktatorischen Regimen, wie „ehemals?“ Ägypten, ist die staatliche Verwaltung noch wesentlich unflexibler und repressiver und gerät durch die neue Organisationsform des Netzwerks weit stärker unter Druck. Schlussendlich zerbricht sie.

Das entscheidende Moment der ganzen Umwälzungen ist, und dabei folge ich Manuel Castells,der Netzwerkbegriff, bzw. die Netzwerklogik.

Die Organisationsform des Netzwerkes ist auch eine Erklärung, warum bei den Aufständen auf dem Tharir-Platz kein eindeutiger Anführer ausgemacht werden konnte. Zur Erläuterung erlaube ich mir auf folgenden aktualisierten Artikel in meinem Blog zu verweisen, in dem Manuel Castells Netzwerkbegriff visualisiert wird.

http://digitalrealism.wordpress.com/2013/02/25/model-of-the-network-society-castells/

Generell gestattet das Internet zum ersten mal in der Geschichte der Menschheit, die weltweite zeitgleiche Koordination von Massenhandlungen wie Demonstrationen und macht damit die Theorie der „Multitude“ tatsächlich praktisch umsetzbar. Dafür muss, und damit stimme ich mit Michael Hardt überein, „der Entwurf einer (radikal) anderen Welt einfach Bestandteil von Politik sein“.

Beste Grüße

Philipp Adamik 30.03.2013 | 12:15

Aufgrund des Kommentars von Herrn Markwardt habe ich mich eigehender mit dem neuen Buch Demokratie von Michale Hardt und Antonio Negri befasst. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Buch auf Freitag.de zwar als Buch der Woche präsentiert wurde, aber dort keine eigenständige Kritik verfasst wurde. Meine Analyse der Kritiken auf anderen Online-Magazinen ergab, dass die dortigen Rezension von sehr vielen Missverständnissen geprägt sind. Weshalb ich mich entschlossen habe eine eigenständige, rezeptionsanalytische Kritik von Hardt und Negris Demokratie zu schreiben. Das Projekt befindet sich zwar noch in der work-in-progress-phase, aber erste Ergebnisse habe ich bereits auf meinem Blog veröffentlicht. Der Diskussion kann unter folgendem Link gefolgt werden. Michael Hardt und Antonio Negri "Demokratie" (2013). Eine rezeptionsanalytische Kritik. Kommentare sind selbstverständlich erwünscht.

sven kyek 30.03.2013 | 16:48

Eine Biene kann bei ihrem Eigen-Gewicht und der Fläche ihrer Flügel nach den physikalischen Gesetzen garnicht fliegen . Sie weiß das nicht und fliegt trotzdem .

Die protestfähigen und mittlerweile verpflichteten Massen , können nach mathematischen , physikalischen und sogar gesellschaftlichen Gesetzen , abheben . Im Gegensatz zur Biene wissen sie das und bleiben trotzdem am Boden .

Also wird es wohl doch nur am Ende profaner take off Zwänge wie Hunger , Kälte oder Gewalt bedürfen um auszuschwärmen .

drhwenk 02.04.2013 | 00:26

die popkultur musste eine gegenkulturesein, weildie kaptlistuche megaschine tatsächlichfastr alles frisst. gerade intellktuellen wird da ihr verstand in fextremer achidiotie "abgeknöpft". gegenvetrauwnsverhältnisse sind extremem störungen ausgesetzt, kontrolle, sabotirende bespitzelung.. die exekutive ist blendend mit aller soziologie und sozialpsychologie miit profis dasgegen. dader kathilizismus uns lateinameruika sehr verwurzelt ist, wird man ohne innerkatholische bewegung sehrvielmehrschwierigkeiten haben. die repräsentative dempkratie hat sich selber fast zerstört, das ist der grunfd für den protest. selbstverständlich müssen trotzdem nichtalle paralmentarischen versuche aufgegeben werden.

die verbindung von ungheurer kapiltaölakkumulation, vor allem in den derivaten (720 Billionen!!!) ujd imme extremeree intensivierung der arbeits sowie "workfare"und"prisonfare mit autritäremetatismus, in tatsächlicher fortführung kolonialer machttechnuiken, ruft selbstverständ,lich gegenmächte hervor, bersoobnders unter demn menschheitsgschichliuch ersten masenintelllktuellengenrationen, die gegenkulturt auf "augenhöhe" konzipieren können. wie scher drer gegner profistaat ist, kan man aus fast jedem geschichtsbuch jeder beliebigen epoche ersehen.

Philipp Adamik 03.04.2013 | 08:52

Leider bietet der FREITAG keine eigenständige Kritik des neuen Buches "Demokratie" von Michael Hardt und Antonio Negri an. Auf meinem Blog biete ich eine rezeptionsanalytische Metakritik des Buches an. Basierend auf den Kritiken der TAZ, der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen Zeitung wird das Buch und seine Wahrnehmung in der medialen Öffentlichkeit diskutiert. Das ganze gibt es unter:

http://digitalrealism.wordpress.com/

Stefan Simon 06.04.2013 | 17:20

Wo war denn bitte occupy ein Erfolg? Man hört absolut nichts mehr von der Bewegung. In Deutschland war sie generell nicht groß verankert, außer bei den Blockupy tagen in Frankfurt. Bei der Demonstration waren zwar 20.000 Menschen, aber danach ist die Bewegung abgeflacht. Auch in den USA kann ich keine großen Erfolge erkennen. Da fehlt noch einiges, wenn wir das ganze mit der 68er Bewegung vergleichen. In Zeiten der Krise hatte ich mir mehr erhofft.