Oh-oh, A-a!

Kunst In Japan wird Kot zum Ausstellungsobjekt, ein Kackehäufchen zum Star. Davon können wir nur lernen
Oh-oh, A-a!
Freizeit-Tipp: Das fröhliche Hochhalten von Plastik-Kacke fühlt sich viel weniger bizarr an, wenn man dabei ein Schweinskostüm trägt

Foto: Tomohiro Ohsumi / Getty Images

Yokohama hat sich die Scheiße ins Haus geholt – buchstäblich. In einem Gebäude direkt neben dem Hauptbahnhof von Japans zweitgrößter Stadt eröffnete in diesem Frühjahr das temporäre Unko Museum, wobei „Unko“ sich übersetzen lässt mit: Kot, Exkrement, Pups, A-a oder Kacke. Man muss es so deutlich sagen, denn das ist der Sinn der Sache: Auf großer Fläche sehen Besucher dort nicht nur Häufchen in allen Formen und Zuständen. Es soll eine Mischung aus Info, Spaß und Konfrontation sein.

In einer Ecke der bunten Räume steigt ein Wettbewerb, den gewinnt, wer durch ein Mikrofon mit Dezibelmessung am lautesten „unko“ schreien kann. Ein paar Meter weiter warten Toilettenattrappen darauf, dass Besucher Platz nehmen.

Sobald auf der pastellfarbenen Klobrille ein Drucksensor aktiviert wird, plumpst ein lila Plastikhäufchen in die Schüssel. Kurz darauf kann man Selfies schießen – mit Cupcakes in Kackhaufendesign.

Die Kuratoren können sich mit einer Innovation brüsten. „Indem wir es Besuchern ermöglichen, Fäkalien als etwas zu erleben, das lustig, niedlich und auch ein Gesprächsthema ist, bieten wir eine Art der Unterhaltung, die es zuvor noch nie gab“, heißt es von offizieller Seite. Das dürfte stimmen. In westlichen Ländern scheint es zumindest undenkbar, sich auf einer nichtmedizinischen Ebene mit dem Endprodukt der Ausscheidung auseinanderzusetzen, ohne dass es ekelhaft und unangenehm wird.

In Japan ist die Sache anders. Das Unko Museum markiert da weder eine radikale Kulturkritik noch eine vollkommen neue Ästhetik. Die Ausstellung, in der sich alles um Kot dreht, passt sogar ganz gut ins Land. Einerseits hat die japanische Kulturszene sowieso eine Schwäche für vermeintlich abseitige Konzepte. Nicht weit vom Unko Museum in Yokohama steht etwa eine Ausstellungshalle für Instantnudeln.

In Tokio gibt es ein Autoreifenmuseum, ein Gepäckmuseum und länger schon ein Abwassermuseum. Oft sind diese Häuser im Grunde PR-Abteilungen von Unternehmen oder Behörden, die für ihre eigenen Produkte werben. Das Unko Museum ist mit keiner Lobby verbunden.

Die Aussteller finden das Thema einfach spannend, die Resonanz gibt ihnen Recht. An den meisten Tagen war die Ausstellung ausverkauft. Das Unko Museum markiert auch längst nicht den ersten Beweis, dass sich in Japan aus Scheiße tatsächlich Geld machen lässt. Was ist der Unterschied zwischen Japan und westlichen Ländern, warum ist der Spaß mit Fäkalien hier salonfähig, dort aber nicht? Kann man im Westen davon lernen? Sollte man?

Die Unterschiede in den Kulturen sind im Grunde gar nicht so extrem: An beiden Enden der Welt ist ein Zivilisationsgrad erreicht, der Menschen Ekelgefühle gegenüber ihren Exkrementen beigebracht hat, nachdem in der Vergangenheit eine zu große Nähe zu Krankheiten und Seuchen führte. Auch die Vulgärsprache ähnelt sich. Auf Englisch schimpft man „shit“, auf Spanisch „mierda“, auf Französisch „merde“, auf Japanischen sagt man „kuso“ (nicht zu verwechseln mit dem technischeren Ausdruck „Stuhl“ – da sagt man auf Japanisch „daiben“).

Klogang als Wellness

Der Gebrauch von „unko“ aber, was für Japaner weniger vulgär klingt als „kuso“, ist unverkrampfter als im Deutschen. Kaum jemand kann „Kot“ sagen, ohne sich dabei komisch zu fühlen. „Unko“ geht locker von den Lippen.

Dieser unverkrampfte Umgang hat Japan niedliche Schlüsselanhänger, Kuscheltiere und Schmuck in Misthaufenform beschert – und echte technologische Innovationen.

Nirgendwo sonst werden so hochwertige Toiletten gebaut, mit denen der Gang aufs Klo, begleitet von Meeresrauschen und vollendet mit Duschen und Föhnen an allen Körperöffnungen, zur Wellness wird.

Man kann es für Schnickschnack halten. Aber für die meisten Menschen in Japan sind moderne Toiletten auf diese Weise zu angenehmen Orten geworden. So würde in dem ostasiatischen Land heute niemand auf ein Wort wie „Abort“ kommen, wenn er oder sie von Toilette redet. Und so wundern sich Japans führende Klobauer, dass sie mit ihren Hightechtoiletten auf den vermeintlich fortschrittlichen westlichen Märkten kaum landen können.

In Europa kann und möchte sich kaum jemand vorstellen, dass ein Stuhlgang auch in einem angenehmen Rahmen geschehen könnte. Japanische Toiletten glänzen nicht nur durch Komfort. Neben all den Spielereien, die sie mittlerweile bieten, liegt ihr Hygieneniveau weit höher als im Westen. Es ist einer der Gründe, warum Japan heute die höchste Lebenserwartung der Welt hat.

Und wo ohne große Scham eklige Wörter in den Mund genommen werden können, werden auch die Grenzen des Appetits ausgetestet. In Tokios hippem Bezirk Shibuya öffnete vor einigen Jahren der Curry Shop Shimizu, der mit „beschissenem“ Reiscurry warb. In einer kloschüsselförmigen Porzellanschale breitete sich da auf dem weißen Reis eine braune Masse aus, die nicht nur nach Exkrementen aussehen, sondern auch so schmecken sollte. Kot-Curry. Ken Shimizu, der Gründer und Koch, kannte sich aus. Er hatte in seiner früheren Karriere als Pornodarsteller schon einige Male Fäkalien essen müssen. Mit Gewürzen und Aromen wurde der Geschmack dann vorangebracht.

Eine Goldgrube wurde daraus nicht. Der Curry Shop Shimizu machte bald dicht. So ganz war das Konzept aber noch nicht am Ende. Einige Kilometer nördlich, im Tokioter Bezirk Arakawa, machte sich seither das Restaurant Deko Suke einen Namen, weil dort das Gericht „Mama no unchi“ auf der Speisekarte steht. „Mamas Scheiße.“ Hier fühlt sich allerdings nur das Auge, nicht der Gaumen beim Tellermahl an Exkremente erinnert. Aber das ist umso beachtlicher: Denn wenn das Gericht (Gebratenes Rindfleisch in kleinen Stückchen) gar nicht wie Ausgeschiedenes schmeckt, warum heißt es dann so?

Eine Erklärung wäre, dass Konsumenten in Japan schnell mal ein Lächeln über die Lippen huscht, wenn sie an unerwarteter Stelle mit Fäkalien konfrontiert werden. Das kann helfen, etwa im Bildungswesen. Kinder hassten noch bis vor kurzem das Lernen der komplizierten Schriftzeichen, die Japan vor mehr als tausend Jahren aus China importierte. Also wollte der Verlag Bunkyosha im Frühjahr 2017 aus einem spröden Thema eines machen, das begeistert. Und dachte dabei an: Scheiße.

„Okay, Japaner. Das war’s“

Heraus kam eine Schulbuchreihe, deren immer wiederkehrender, die Schriftzeichen erklärender Protagonist, ein mit Zeigestock und Brille ausgerüsteter Misthaufen ist. Weil Kindern dieses Buch großen Spaß bringt, ist es in vielen Läden vergriffen. Eine Weile existierte in Tokio auch ein Mottocafé, das Getränke und Merchandise im Stil einer Kackwurst angeboten hat.

Auch in westlichen Ländern hat es Versuche gegeben, den Kot weniger anrüchig zu machen. Der österreichische Künstler Friedensreich Hundertwasser lobte 1979 in seiner in Pfäffikon am Zürichsee verlesenen Streitschrift Scheiße wird zu Gold, wie nützlich das Endprodukt als Kompost für ökologische Kreislaufwirtschaft sein könnte. Daher sei der moderne Umgang damit schädlich: „Die Wassertoiletten sind eine der vielen gefährlichen Sackgassen unserer Zivilisation: Verschwendung von Unmengen reinem Trinkwasser, um etwas Scheiße und Urin fortzutragen.“

Angesichts der ökologischen Verwertbarkeit der Fäkalie wunderte sich Hundertwasser in einem anderen Aufsatz namens Die heilige Scheiße: „Wir haben Tischgebete vor und nach dem Essen. Beim Scheißen betet niemand.“ Wie es wohl wäre, wenn der Stuhlgang zu einem sozialen Anlass gemacht würde, stellte sich der spanische Regisseur Luis Buñuel im Film Das Gespenst der Freiheit (1974) vor. In einer Szene trifft sich da eine schicke Gesellschaft bei Tisch, nimmt aber nicht auf Stühlen Platz, sondern setzt sich mit runtergezogenen Hosen auf Kloschüsseln. Die soziale Aktivität ist das Scheißen, und wenn jemand essen will, entschuldigt man sich und fragt beim Diener des Hauses peinlich berührt nach dem stillen Örtchen, wo man kurz unbeobachtet etwas Nahrung aufnehmen kann.

Der Film gewann viele Preise. Aber an den Zwängen und Tabus änderte er so wenig wie die lauten Gedanken von Hundertwasser. Der deutsche PhilosophPeter Sloterdijk befand 1983 in der Kritik der Zynischen Vernunft: „Diese Neigung zum Elementaren und Grundsätzlichen prädisponiert den Arsch eigentümlich zur Philosophie.“ Aber leider „haben wir alle ein mehr oder weniger gestörtes Verhältnis zur eigenen Scheiße“. Auch der Bestseller Darm mit Charme, mit dem die junge Ärztin Giulia Enders 2014 zum Talkshowdauergast wurde, war nur eine kurze Verstimmung, und eher geschmacklos.

„Kein Problem mit ein bisschen Toilettenhumor“ schrieb die Japan Times in ihrer Rezension über die Ausstellung und auch die Nachrichtenagentur Kyodo lobte, hier würden „die Horizonte über Kacke erweitert.“ Auf Twitter und Instagram werden die Hashtags „#unko“ und „#unkomuseum“ immer wieder von Selfies aus der Ausstellung begleitet. International fiel die Resonanz gedämpfter aus. Der kalifornische Reiseveranstalter TripHobo twitterte: „Kann irgendetwas merkwürdiger werden als dieses Unko-Museum in Japan?“

Philippe Lemaire, französischer Journalist bei Le Parisien, kommentierte bloß: „Nur in Japan.“ Die meisten nicht-japanischen Mainstreammedien, die überhaupt berichteten, erklärten die Ausstellung zur Kuriosität. Ähnlich wie ein Leser der englischsprachigen Website von Japan Today, der kommentierte: „OK. Das war’s. Japaner sind offiziell verrückt.“

Sie sind es sicher nicht. Man kann sich in Japan für Scheiße interessieren, ohne Gastroenterologe oder Perverser sein zu müssen. Das zeugt von einer Offenheit, die man in westlichen Kulturen lange suchen muss.

Das Unko-Museum ist noch bis Ende September geöffnet

06:00 07.08.2019
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