Ohne Leidenschaft keine Politik

Geheimnislos Thomas Bischoff macht in seiner Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" die Rivalinnen zu schwesterlichen Opfern des Patriarchats

Das Theater, dort wo es anfing, als die Griechen die Politik entdeckten, war eine öffentliche Angelegenheit: In den mythologischen Stoffen wurden die großen Grundsatzfragen der Gegenwart verhandelt und das Publikum zur Urteilsbildung aufgefordert - im hellen Tageslicht der großen Amphitheater, und fortzusetzen auf dem Marktplatz der politischen Argumente. Schillers Erwartungen von der eigenen Bühnenkunst im Horizont von Aufklärung und Revolution waren dem verwandt - was den Griechen der Fundus der Mythologie, das war ihm die Geschichte: Wallenstein, Don Carlos, Die Jungfrau von Orleans, oder eben Maria Stuart, dieses nicht nur formal bewusst an der griechischen Tragödie orientierte, heute meistgespielte seiner Stücke. Soeben wurde es in den Spielplan des Deutschen Theaters zurückgeholt.

Dass Maria Stuart also ein politisches Stück, dass es im Grundsätzlichen der großen Prinzipien von Machtausübung und Herrschaft aktuell gemeint war und es darum, so wie die griechische Tragödie, noch immer ist, das ist dem Trauerspiel bereits eingeschrieben, ist seine Seele, die zu entdecken es keiner besonderen Interpretations- oder Regiekunst bedarf. Wohl aber bedarf es der Theater- und Schauspielkunst, die Bühne dafür zum Tribunal herzurichten, das Publikum zur Öffentlichkeit, die von den Protagonisten vertretenen Positionen und die daraus entstehenden Konflikte ins helle Licht des Bewusstseins zu heben. Die Handlung, das Leiden und die Leidenschaften der auf der Bühne agierenden Personen müssen uns überzeugen, an sich ziehen, damit die ihnen inhärenten Motivationen auf dem Wege der Kunst über Herz und Gefühl in unsere Köpfe gelangen und dort zur ästhetisch geläuterten Vernunft werden. "Das Gemüt des Zuschauers soll auch in der heftigsten Passion seine Freiheit behalten; es soll kein Raub der Eindrücke sein, sondern sich immer klar und heiter von den Rührungen scheiden, die es erleidet."

Regisseur Thomas Bischoff hat dem Schillerschen Kunstweg, seine Einsichten in den historischen Prozess, die politischen Fragen nach Freiheit und Gesetz, nach der Ethik, über die zu erzählende Geschichte und textlich differenziert ausgearbeitete Psychologien der Protagonisten zu vermitteln, anscheinend nicht getraut. Mittels kräftiger Striche, kleiner verdeutlichender Textzusätze (!), der Reduktion des Personals auf weniger als die Hälfte und einer statisch-choreographischen Korsettierung des Stoffes in ein suggestiv-gelungenes Bühnenbild (Uta Kala) eingepasst, wird gewissermaßen der Subtext direkt geliefert, zugleich die "heftigste Passion" als Mittel der Erkenntnis aus dem Weg geräumt und das Wesentliche figürlich stilisiert vorgestellt.

Das "Wesentliche" aber, was ist es in dieser Lesart? Wir sehen einen großen, spiegelrot und perspektivisch nach hinten sich verengenden Glaskasten-Raum, der durch einen Graben in zwei Teile getrennt ist - links herrscht Elisabeth, rechts Maria Stuart. Auf gleicher Augenhöhe stehen sie sich am Anfang als stumme Schatten wie Kleiderpuppen gegenüber: Ein inszeniertes Duell scheint angesagt, ein Machtkampf. Die Handlung aber, die zu erzählende Geschichte bleibt aus, wird nicht entfaltet. Dialoge werden auseinander gerissen und neu komponiert, so dass sie oft ins partnerlose Leere laufen und zu bloßen Textstücken werden (aber was für Texte! Das bleibt). Die fast ständige Bühnenpräsenz aller auf der einen oder der anderen Seite des Grabens erlaubt keine Geheimnisse voreinander und keine Überraschungen, so dass dramatische Spannungen zwischen den Personen und Parteien nicht entstehen können: Wo die Protagonisten immer genau so viel wissen, wie das Publikum, zerfällt die Dramatik. Wer das Stück nicht vorher gelesen hat, kann sich ohnehin nur schwer einen Reim machen - zumal die von Schiller sehr genau charakterisierten Figuren von der Regie ständig in schauspielerische Widersprüche mit ihrer Identität verwickelt werden und damit einem zum kritischen Urteil aufgerufenen Richter-Publikum keine Chance geben: Zu viele Ungereimtheiten versperren das Verständnis.

Das aber ist gewollt - denn es ist Bischoff, der selbst genau weiß, worum es in der Maria Stuart geht und wovon er das Publikum überzeugen und ihm damit die eigene urteilsfähige Mitarbeit abnehmen will, wenn er es auch erst ganz am Ende, im letzten, stummen Bild gewissermaßen visuell auf den Begriff bringt: Sechs Männer beider Parteien in gleichförmigen schwarzen Mänteln sehen gemeinsam herab auf die beiden Frauen, die von ihnen, dem Patriarchat, zugrunde gerichtet worden sind: Elisabeth und Maria Stuart, von Anfang an manipuliert und instrumentalisiert von der Männergesellschaft, sind, ob als siegreiche Königin oder besiegte Rivalin, doch nur deren Opfer. So einfach ist das. Jetzt wird auch verständlich, warum die von Schiller so kunstvoll als Scheitel- und Höhepunkt konstruierte Konfrontation der beiden Königinnen in ihr Gegenteil, nämlich eine umarmungsreich-harmlose schwesterliche Plauderei über Missverständnisse verkehrt worden und damit ihrer dramaturgischen Funktion als Herzstück des Dramas beraubt worden war: Frauen, wenn sie unter sich sein dürfen, sind bessere Menschen, der Kampf um die Macht eine männliche Erfindung. Aber Schiller war da um Lichtjahre klüger und moderner in seiner Analyse des politischen Geschlechterverhältnisses und des zerstörerischen Potenzials der Macht - man muss diesen brillanten Text einfach (wieder)lesen, um ihm seine Reverenz zu erweisen; auf der Bühne wird ohnehin zu oft hysterisch geschrieen, wo der Dichter die Hass- und Wutausbrüche in sprachliche Kunstwerke verwandelt hatte. Das schließt nicht aus, dass Elisabeth (Anika Mauer) überzeugende Momente königlicher Härte zeigt, wie es die politische Rolle von ihr verlangt, und dass Maria Stuart (Katharina Schmalenberg) ganz vorn an der Rampe mit gefalteten Armen Augenblicke großer Innigkeit und stummer Rührung evoziert - aber ein Funken springt auch davon nicht ins Publikum über. Sie wie die bedrohlich gestiefelten männlichen Figuren bewegen sich in steifen Schritten in einem kalten Raum, ohne Atmosphäre um sich herum entwickeln zu können. Die dünne Luft leidenschaftsloser Personenführung und Choreographie nimmt jedem großen Gedanken den Atem und macht vergessen, dass hier doch eigentlich Themen des Politischen verhandelt werden, die uns angehen und zu denen wir Stellung beziehen sollen.

Darauf stößt man erst im DT-Magazin, das ein aufschlussreiches Interview des Elisabeth-Beraters und -Vertrauten Graf Leicester (Ingo Hülsmann) mit einem "real existierenden" Berater aus dem Stab Bundeskanzler Schröders, Wolfgang Nowak, enthält: Das ist spannend und macht deutlich, was wir alles auf der Bühne nicht zu sehen bekommen haben - aber daran ist nicht Schiller Schuld.

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00:00 01.11.2002

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