Ohne Pathos, ohne Putin

Sirniki In Sankt Petersburg treffen russische auf deutsche Künstler. Freiheit ist hier auch die Freiheit von politischen Debatten
| Ausgabe 42/2019 1

In Sankt Petersburg hängt ein Baumstumpf an einem Schlachterhaken von der Decke. Er hat etwas Bedrohliches, ist Treibgut, das der russische Künstler Aleksandr Matrosov zur Kunst erklärt hat. Matrosov steht schweigend daneben. Der Bremer Künstler Tom Gefken nähert sich Baumstumpf und Matrosov. Gefken möchte wissen, ob seine Interpretation richtig sei. Ihn würde der Baumstumpf am Schlachterhaken an einen Sandsack erinnern, auf den der Mensch haut, doch in Wirklichkeit wäre es die Natur, ein Symbol dafür, wie der Mensch mit seiner Umwelt umgehen würde. Matrosov nickt – und sagt doch: „Aber im Grunde sehe ich darin einen Kadaver.“

Die Szene spielt sich während der 6. Kunst- und Filmbiennale Worpswede ab. Seit 2013 findet sie an wechselnden Orten statt, der Fokus liegt auf Osteuropa, mit dessen Ländern die kleine Künstlerkolonie im Norden Deutschlands in interkulturellen Dialog tritt. Nach Polen und der Ukraine ist in diesem Jahr nun Russland dran. 2018 waren russische Künstler zur Biennale in Worpswede eingeladen, dieses Jahr reisen norddeutsche Künstler nach Sankt Petersburg. „The other view“, der andere Blick, so der Titel der Veranstaltung, die vom 10. bis zum 13. Oktober Sankt Petersburg bespielt hat.

Fragt sich, ob der Austausch zwischen Kulturschaffenden in Zeiten funktioniert, in denen sich West und Ost von einem Tiefpunkt ihrer Beziehungen zum nächsten hangeln. Der Sprung aus den zwei kleineren Ländern, Polen und Ukraine, zum großen Russland ist spürbar. Empfing Kiew die deutschen Gäste vorletztes Jahr noch nobel im Nationalmuseum, findet die diesjährige Biennale im Berthold Center statt, einem hippen Hinterhof im Zentrum der Zarenstadt, mit kleinen Läden, Cafés und Restaurants. Da, wo Syrniki, traditionelle Quarktaler, mit karamellisiertem Popcorn serviert werden. Statt älteren Anzugträgern kommen deshalb auch vermehrt junge Menschen zur Eröffnung. Etwa 200 Besucher sind es, was viel ist für eine Stadt, in der jeden Tag was los ist und die Menschen wenig Zeit haben.

Schnell noch lackieren

Die diesjährige Biennale hat ein besonderes Ausstellungsformat: Die deutschen Künstler reisen mit digitalen Werken an. Videoinstallationen, welche die Künstler in ihrem Atelier zeigen, sollen einen anderen Blick auf ihre Exponate und die ihnen zugrunde liegende Haltung erlauben. Der Worpsweder Maler Peter-Jörg Splettstößer zeigt und erklärt im Video seine Quadratraster-Technik, Ingrid Steckelberg macht Mixed Media zum Medium, und der Bremer Künstler Tom Gefken verdeutlicht, wie der Rhythmus der Musik in seine Bilder einfließt. Die Videos laufen im Ausstellungsraum in Dauerschleife.

Demgegenüber stehen die klassisch präsentierten Werke der russischen Künstler: Skulpturen von Stas Bags, bunte Close-ups von Kirill Chudinskiy, zwei Land-Art-Installationen von Aleksandr Matrosov, darunter der Baumstumpf am Schlachterhaken, oder grafische Gemälde von Igor Yanovsky. Eines davon ist so groß, dass es nicht an der Wand hängt, sondern an dieser lehnt. Etwa eine halbe Stunde vor der Eröffnung der Biennale steht Yanovsky auf einer Stehleiter und lackiert das Gemälde. Das sei ihm noch in der Nacht eingefallen. An seinen Händen sind Farbkleckse, Pinselstriche, rot, blau, saftiggrün. Das kommt fast impressionistisch daher. Anders als seine ausgestellten Werke. Die erinnern mehr an das Holocaustmahnmal in Berlin. Aneinandergereihte Blöcke, in denen sich bei längerer Betrachtung die Perspektiven aufzulösen scheinen.

„Diese Kunst hier, sie ist apolitisch“, meint Stas Bags und zeigt auf seine Skulpturen. Zwei kniende Frauenkörper ohne Kopf, dafür mit einem bunten Farbstrich über der Brust. Keine Anspielung auf LGBT, kein Zeichen an den Präsidenten? Bags schüttelt den Kopf. „Es ist natürlich mies, wenn Leute zusammengeschlagen werden, wie zuletzt bei den Kommunalwahlen in Moskau. Aber unsere Kunst kann nicht immer dafür oder dagegen sein. Diese Logik würde schon wieder genau das annehmen, was die Propagandisten einem aufzwingen wollen.“ Bags zieht seine schwarze Hornbrille aus, reibt sich die Augen, sagt: „Apolitische Kunst ist für mich ein Symbol der Freiheit.“

Dagegegen der Worpsweder Maler Peter-Jörg Splettstößer. Der spricht zwar auch von Freiheit, aber gerade im Unpolitischen: „Jede künstlerische Arbeit ist politisch, denn sie zeugt von einem Freiheitsbegriff. Es liegt in der Gesellschaft, diesen Freiheitsbegriff lebendig zu halten.“ Aber das ist eine Ausnahme. Die großen Themenfelder – Freiheit, Politik – werden ansonsten am Rande behandelt. Man kann das auch als Kapitulation vor den herrschenden Verhältnissen in Ost und West begreifen: Wir sind von Veränderungen so weit entfernt, dass wir noch nicht einmal mehr über ihre Möglichkeit reden. Vielleicht ist das (vermeintlich) Apolitische in Zeiten der Polarisierung aber auch der einzige Weg zum Dialog. Schreien können die Menschen ja bei Twitter.

Die Stimmung in den liberal gesinnten Milieus von St. Petersburg und anderen russischen Großstädten ist nach den Regionalwahlen im September nicht so schlecht, wie sie angesichts der Bilder von Polizeigewalt sein könnte. Die Opposition konnte viele Achtungserfolge verbuchen, bei Partys erzählen manche Petersburger mit leuchtenden Augen, wie sie mehrere Nächte am Stück in Wahlbüros campiert haben, um zu verhindern, dass Urnen rausgetragen und Wahlzettel ausgetauscht werden. Teilweise sogar mit Erfolg.

Und auch das: Der staatlich propagierte Schulterschluss mit China führt in Russland zwar zu einer rasanten Zunahme der Zahl chinesischer Touristen, aber die Menschen beider Länder wirken eher wie sich gegenseitig abstoßende Moleküle. Das kriegen sogar die deutschen Künstler und Organisatoren der Biennale mit, als sie mit einem Kleinbus durch die zaristischen Sehenswürdigkeiten von Sankt Petersburg kutschiert werden. Die gebuchte Reiseleiterin erzählt, dass die Chinesen „einfach überall“ seien. Und da sie selbst in Museen wuselig an den Exponaten vorbeirasen würden, würde man sie als „Ameisen“ bezeichnen. Und so fort.

Vom Kulturrassismus der Gegenwart zu den kosmopolitischen Träumen, die in der Künstlerkolonie Worpswede in einer anderen Zeit geträumt wurden. Nachdem sie sich 1889 als Lebens- und Arbeitsgemeinschaft gegründet hatte, stieß fünf Jahre später der Maler und Schriftsteller Heinrich Vogeler dazu. Er kaufte ein Bauernhaus, baute dieses zu einer Villa aus, die bald zum wichtigsten Treffpunkt der Künstlerkolonie wurde, auch Rilke war da. Zwei Russlandreisen hatte er gerade hinter sich – und sprach da schon von seiner russischen „Heimat“. In vielen Briefen kann man lesen, wie Rilke Russland zeitlebens dankbar war. „Es hat mich zu dem gemacht, was ich bin, von dort ging ich innerlich aus, alle Heimat meines Instinkts, all mein innerer Ursprung ist dort“, schrieb er 1920.

Das tut gut

1923 reiste Vogeler zum ersten Mal nach Moskau. Er hoffte, dort den Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft mitzuerleben. Bis 1931 pendelte Vogeler zwischen Berlin und Russland. Er schuf sozialistische Komplexbilder, schrieb unzählige Notizen über das, was er in Russland erlebte. Doch als die Nazis an die Macht kamen, stand Vogeler auf der Fahndungsliste. Er durfte nicht mehr nach Deutschland zurück. Er starb später in Kasachstan.

Jürgen Haase, der Gründer und Organisator der Kunst- und Filmbiennale Worpswede, erzählt gerne und häufig von Rilke und Vogeler. Haase geht es bei der Biennale darum, dass deutsche und russische Künstler sich persönlich austauschen, er hofft dadurch auf Korrekturen: „Am Ende wäre es doch wertvoll, wenn alle Künstler eine eigene Meinung und nicht nur die der Medien über das andere Land haben“, findet Haase. Maya Paykina, die von russischer Seite die Biennale kuratiert hat, teilt diese Meinung: „Die Künstler können sich kennenlernen, jeweils den anderen Standpunkt begreifen. Das Wichtigste im Leben eines Künstlers ist es doch, Eindrücke zu sammeln, die er weiterverarbeiten kann.“

Auch der russische Künstler Stas Bags findet bei der Finissage der Biennale freundschaftliche Worte. Für ihn sei es immer sehr angenehm, wenn in Sankt Petersburg etwas Kulturelles geschieht, das nicht von hier ausgehe. Und er weiß auch ein versöhnliches Fazit zu ziehen: „Das Beste ist: Ich habe den Namen Putin während dieser vier Tage kein einziges Mal gehört. Das tut gut.“

Eva Müller-Foell schrieb zuletzt im Freitag zusammen mit Nik Afanasjew über eine geplatzte Veranstaltung der Identitären in Halle

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