Ohne Utopie

Zum 60. Fassbinders filmische Geschichtsschreibung fällt aus dem Rahmen der gegenwärtigen Moden

Droht Fassbinder noch posthum das Schicksal vieler deutscher Diven: Erfolg im Ausland und zu Hause - als Vaterlandsverräter stigmatisiert? Während das Pariser Centre Pompidou den 60. Geburtstag des Regisseurs am 31. Mai mit einer großen Retrospektive feiert, laufen in Deutschland nur einige Filme von und über Fassbinder auf ARD und arte. Ist Fassbinder zu Hause out? Die mehr als 20 Jahre, die seit dem Tod des Regisseurs 1982 vergangen sind, waren für die deutsche Geschichte nicht gerade arm an Ereignissen - schon deshalb scheint Fassbinder der Vorvergangenheit anzugehören. Der Blick auf die westdeutsche Welt der fünfziger bis siebziger Jahre gelingt heute nur noch in vereinfachender popkultureller Perspektive, siehe RAF-Ästhetisierung oder Retro-Shows. Ein Blickwinkel, dem sich Fassbinders entlarvende Geschichten über die Verlogenheit des Wirtschaftswunderdeutschlands (Lola), Ausländerfeindlichkeit (Angst essen Seele auf) und Sexismus (Martha) ohne Frage entziehen. Fassbinder wurde zum Chronisten der alten Bundesrepublik, einer Welt, von der man zur Zeit nicht weiß, wie man sich auf sie beziehen soll.

Es ist just jener Mai 45, dem gerade unzählige Gedenkfeiern galten, in dem Fassbinder geboren wurde: Das Leben des Künstlers ist als Allegorie westdeutscher Nachkriegsgeschichte zu lesen. Dabei stehen Leben und Werk Fassbinders im krassen Gegensatz zum aktuellen Opferdiskurs. Mit einer Identitätsfindung, die über die Beschwörung der Erinnerung an die Bombennächte des zweiten Weltkrieges gelingen soll, haben seine Filme nichts zu tun. Kaum einer war so sensibel, paranoid und gewaltsam wie Fassbinder, wenn es um die Wahrnehmung von anhaltenden Faschismen in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft ging.

Faschismuskritik beinhaltete bei Fassbinder immer auch eine Analyse der Geschlechter und sexuellen Identitäten. Seine Figuren wurden zu Schauplätzen von Machtkämpfen und damit zu Allegorien der politischen Geschichte, am Bekanntesten mit den Heldinnen seiner BRD-Trilogie: Maria Braun, Lola und Veronika Voss. Ganz im Gegensatz zum Glamour seiner späten Melodramen treffen in einer anderen Arbeit Fassbinders Politik und Privates aufeinander. Auf die Entführung der Landshut-Maschine, die Ermordung Schleyers und die Selbstmorde von Ensslin, Baader und Raspe, um die bis heute Gerüchte kreisen, antworteten westdeutsche Filmregisseure, unter ihnen Kluge, Reitz und Schlöndorff, mit einer Gruppenarbeit unter dem Titel Deutschland im Herbst. Der wohl eindringlichste Beitrag des Episodenfilms stammt von Fassbinder.

Gegeneinander geschnitten sind Szenen am Küchentisch mit seiner Mutter und nächtliche Aufnahmen mit seinem Lebensgefährten Armin Meier in der Münchner Wohnung. Fassbinder wirft der Mutter, die unter den Namen Lilo Pempeit und Liselotte Eder in seinen Filmen auftrat, vor, angesichts der westdeutschen Terrorwelle immer noch dem kleinbürgerlich-faschistischen Wunsch nach einem starken Führer anzuhängen. Ähnlich aggressiv begegnet Fassbinder seinem Liebhaber, dessen Naivität er wie die Sentimentalität der Mutter selbstgerecht denunziert. Am unangenehmsten in der Demaskierung obrigkeitshöriger Charaktere wirkt dabei Fassbinder selbst, der den beiden Gesichtern des autoritären Charakters - Unterwerfung und Herrschaft - in der Terrorisierung seines privaten Umfeldes seinerseits nicht entkommt. Fassbinder kennt keinen Ort, erst recht keinen privaten, der beanspruchte, jenseits von gesellschaftlicher Gewalt zu sein. Sein aufgedunsener, von Drogen und Arbeitswut gezeichneter Körper wird dabei zur Allegorie einer kaputten Nachkriegskultur. Das offensichtliche Fehlen einer Utopie macht seine Filme manchmal unerträglich. Doch das Scheitern von Politik, das bei Fassbinder auch immer ein Scheitern von Liebe und Sexualität ist, muss nicht unbedingt im Sinne eines pessimistischen Masochismus verstanden werden. Auf eine Weise ist die verzweifelte Kritik seiner Filme hoffnungsvoller als die Gedächtnislosigkeit der Popkultur. Für eine gesamtdeutsche Gegenwart erscheint Fassbinders Geschichtsschreibung derzeit zu kompliziert. Das wiedervereinte Deutschland ist so mit den anliegenden Problemen beschäftigt, dass der Blick auf die bundesdeutsche Vergangenheit momentan nicht anders als nostalgisch gelingt. Dafür aber steht Fassbinder nicht zu Diensten.


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00:00 27.05.2005

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