Osama in Paschtunistan

Pakistan Neuer Separatismus im Schatten der Kaschmir-Krise

Im Windschatten der Eskalation an der indisch-pakistanischen Front, die seit Wochen die Welt in Atem hält, findet weitgehend unbeachtet eine andere, für Pakistan bedrohliche Entwicklung statt. Selbst auf dem Höhepunkt indischer Kriegsbereitschaft und trotz erheblicher Überlegenheit der indischen Armee baute General Musharraf nicht alle verfügbaren Truppen an der indischen Grenze auf, sondern hielt ein Minimum von 61.000 Mann an einer anderen Front zum Einsatz bereit: an der pakistanisch-afghanischen Grenze.

Seit Monaten versucht Pakistan, diese Grenze zu versiegeln, um ein Eindringen von Taleban- und al-Qaida-Truppen zu verhindern. Tatsächlich wurden 240 der 445 Gefangenen in US-Gewahrsam beim Überqueren dieser Grenze ergriffen. Sehr viel mehr, darunter wahrscheinlich auch Taleban-Chef Mullah Omar, konnten die Grenze unbemerkt überschreiten. Nach offiziellen amerikanischen Angaben wurden bisher nicht mehr als 15 hochrangige Anführer festgenommen oder getötet. Der Rest, einschließlich beachtlicher Teile der Taleban-Armee, scheint so spurlos verschwunden zu sein wie Osama bin Laden, über dessen Ergreifung US-Politiker wortkarg geworden sind.

Das gebirgige und nahezu unzugängliche Hindukusch-Gebiet ist diesseits und jenseits der Grenze von Paschtunen-Stämmen bewohnt. Hier regieren Warlords, die den ebenfalls zu den Paschtunen gehörigen Taleban aufs engste verbunden sind. Viele eilten den bedrängten Freunden mit Tausenden von Kriegern zu Hilfe, als die USA ihre militärischen Operationen begannen. Einer von ihnen ist Mullah Sufi Mohammed, Führer einer militanten sunnitischen Organisation, der im Oktober mit einer Armee von 10.000 Mann nach Afghanistan ging, um an der Seite der Taleban zu kämpfen. Mitte November, kurz vor dem Fall von Kunduz, kehrte er mit seinen Truppen nach Hause zurück und wurde von pakistanischen Einheiten an der Grenze aufgehalten. Sie verlangten die Entwaffnung der Männer und die Verhaftung ihres Kommandanten. Während tagelanger Verhandlungen campierten Mullah Mohammeds Truppen an der Grenze und warteten auf eine Entscheidung. Am 22. November gaben sie den Forderungen nach. Mullah Mohammed wurde festgenommen und in ein Gefängnis gebracht, aus dem er schnell in den Untergrund entkam.

Die dramatische Grenzepisode hatte - so behaupten Informanten, die an FBI-Verhören von al-Qaida-Gefangenen in Kandahar teilgenommen haben - nur einen einzigen Zweck: Sie war ein Ablenkungsmanöver, um Osama bin Laden und seine Familie nach Pakistan einzuschleusen, wo er sich seither in Bijour aufhalten soll, eines der acht von paschtunischen Stämmen bewohnten Gebiete der Federal Administered Tribal Areas (FATA), das unter der Herrschaft Mullah Sufi Mohammeds steht.

Das FATA-Territorium, die Fortsetzung des afghanischen Tora Bora-Gebirges, gehört formal zu Pakistan, wird jedoch von pakistanischer Behörden oder Truppen nicht kontrolliert. Vielmehr sah sich Islamabad in der Vergangenheit immer wieder afghanischen Forderungen gegenüber, das Gebiet an den Nachbarn abzutreten - und so die Einheit der Paschtunen diesseits und jenseits der Grenze herzustellen. Die aber streben lange schon einen eigenständigen und unabhängigen Staat an. Sollte sich der formieren - was in der gegenwärtigen Situation keineswegs ausgeschlossen ist - böte er den aus Afghanistan fliehenden internationalen islamischen Milizen ein ideales und nahezu uneinnehmbares Rückzugsgebiet. Und Pakistan hätte - Ironie der Geschichte - sein eigenes "Kaschmir".

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00:00 18.01.2002

Ausgabe 38/2021

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