Overkill vor Exit

James Jones Die erzwungene Demission des Afghanistan-Generals Stanley McChrystal hinterlässt Kollateralschäden. Obamas Sicherheitsberater ist unversehens ins Schussfeld geraten

Eine Wolke düsterer Vorahnungen hängt über der Afghanistan-Politik der NATO-Alliierten. Der Rauswurf General McChrystals, des Star-Architekten der neuen Strategie, hinterlässt Kollateralschäden. Besonders Barack Obamas Sicherheitsberater James Jones geriet ins rhetorische Sperrfeuer, wie es McChrystal und seine Crew abbrannten, als sie unter sich und sicher waren, dass Rolling-Stone-Korrespondent Michael Hastings brav mitschrieb. Wie Joe Biden als Vizepräsident sei Jones als Chef des Nationalen Sicherheitsrates „ein Witz“, mehr noch: ein „Clown“, zitiert das US-Magazin aus den Notizen seines Embedded-Protokollanten.

Man fragt sich unwillkürlich: Wie weit ist es noch bis zur afghanischen Dolchstoß-Legende, mit der sich Frontsoldaten an Heimatkriegern rächen? Dass McChrystal ausgerechnet den ehemaligen NATO-Oberkommandierenden in Europa verbal schreddert, überrascht nicht über Gebühr.

George Bush rief an

Der pensionierte General ist nicht das politische Supergewicht für das er sich hält. Und er hat keine guten Wochen hinter sich. Bei einem Auftritt Mitte April im Washingtoner Institut für Nahost-Politik kommt Jones ins Extemporieren und dann ins Schwitzen, eröffnet er doch mit einem Witz über einen jüdischen Händler und einen nomadisierenden Taliban, die sich irgendwo im afghanischen Niemandsland über ein Glas Wasser streiten. Der fidele Schalk erntet kaltes Lachen und eben solches Schweigen. Dieser Prolog tut dem Treueschwur aus seiner Rede nicht gut, das US-Engagement für die Sicherheit Israels sei immer und ewig sakrosankt. Das Echo in Washington gerät schadenfroh bis verheerend. Nächste Auftritte beginnt Jones nicht mehr mit witzigen Einlagen, sondern stereotypen Entschuldigungen. Da sei mit ihm irgendetwas durchgegangen. Was genau, weiß man nicht. Vielleicht der gestiefelte Übermut des jungen Leutnants aus dem US-Marinekorps, der einst Strände in Südvietnam erobert hat und sich weniger die Worte als deren Geschmack auf der Zunge zergehen lässt.

Schaden genommen hat auf jeden Fall der Politiker James Jones, der den Militär seit dem Ruhestand Anfang 2007 beerbt und sich umwerben lässt. Seinerzeit rief George Bush bei ihm an, um einen neuen Berater zu gewinnen. Doch hält der Stratege Jones den Irak-Krieg für ein dilettantisches Abenteuer, das zuallererst dem Präsidenten anzulasten sei, und sagt ab. Außenministerin Condoleezza Rice hat mehr Glück. Als Nahost-Sondergesandter wird Jones ab Juni 2007 zum Diplomaten und dient einer komatösen Regierung als dekorative Personalie.

Fragen nach seiner Kompetenz bleiben dem debütierenden Emissär, der weder Republikaner noch Demokrat sein will, naturgemäß nicht erspart. Dies gilt um so mehr, als er kurz vor Amtsantritt Barack Obamas im Januar 2009 als Reformator durch den außenpolitischen Orbit von Washington kreist. Der designierte Chef des Nationalen Sicherheitsrates möchte das Gremium wieder zum Dreh- und Angelpunkt der Administration machen. Es gibt Vorgänger, die das geschafft haben. Zbigniew Brzezinski etwa, der als Graue Eminenz des Präsidenten Jimmy Carter in den späten siebziger Jahren Afghanistan als Brückenkopf der USA im Ost-West-Konflikt und die islamischen Mudschaheddin als Handlanger gegen die Sowjets entdeckt.

James Jones will die Verbündeten von einst diesmal nicht als Wegbereiter des Ein-, sondern des Ausstiegs der Amerikaner in Gebrauch nehmen. Seit Obamas West-Point-Rede vom 1. Dezember 2009 gilt die Devise: Die Taliban durch einen ultimativen militärischen Kraftakt soweit schwächen, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als mit der Regierung in Kabul zu verhandeln oder unterzugehen. 2010 den Krieg richtig hochfahren, ab Juli 2011 abziehen. Overkill vor Exit – der Stratege Jones ist in seinem Element.

Entweder – oder

Doch gibt es da eben auch General McChrystals Richtlinien zur Aufstandsbekämpfung, die andere Prioritäten setzen: Vor allen Operationen immer an die afghanische Bevölkerung denken und deren Vertrauen gewinnen. Bei dieser kriegerischen Sympathiepflege lässt sich allerdings nur das eine Ziel auf Kosten des anderen erreichen. US- und NATO-Verbände können die Zivilbevölkerung schützen, indem sie auf Luftschläge verzichten, oder sie greifen aus der Luft an und töten dabei Zivilisten. Auch am Hindukusch kann nicht Krieg am Krieg vorbei geführt werden. Entweder die Bevölkerung muss weg oder der Krieg. Mehr Beweislast für die Absurdität dieses Feldzuges kann es kaum geben.

Könnte – müsste das Sicherheitsberater Jones aufgefallen sein? Er trifft sich mit Karl Eikenberry, dem US-Botschafter in Kabul, um eine trübsinnige Autopsie der Strategie des Star-Architekten vorzunehmen und sezierende Fragen zu stellen: Wer denn die Autoritäten seien, die in befriedeten, von Taliban befreiten Regionen Afghanistans Verantwortung übernehmen und gegenüber der Bevölkerung glaubwürdiger sein sollten als die Aufständischen? Clan-Führer, Drogen-Händler, War­lords, Gesandte des Präsidenten in Kabul?

Seit die Präsidentenwahl im Vorjahr nicht durch den Wähler, sondern einen Wink aus Washington entschieden wird, weiß Hamid Karzai, dass ihn die Amerikaner bis auf weiteres als alternativlos betrachten. Ein Präsident ohne politische Zukunft wird zur Galionsfigur einer Strategie, die Afghanistan eine Zukunft bescheren soll? Damit können wir den Krieg getrost absagen und gehen, Exit vor Overkill, hätten Jones und McChrystal brüderlich vereint eingestehen können. Stattdessen suchen sie einander als Sündenböcke. Der Streit um ein Glas Wasser ist mehr wert als das verbale Handgemenge von Strategen, die überfordert sind. Folgerichtig hat David Petraeus, McChrystals Nachfolger, bereits den Beginn eines Truppenabzugs Mitte 2011 bezweifelt.

James Logan Jones (66) diente als Kommandeur des US-Marine-Korps, bis er zwischen 2003 und 2006 den NATO-Oberbefehl für Europa übernahm. Pensioniert wurde er im Februar 2007


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12:06 01.07.2010

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