Papier mit Gänsehaut

Handicap Thomas Andree ist ein blinder Student in Berlin. Er tastet die Welt

Wenn er nachdenkt, führt er seinen Zeigefinger zum Mund. So wie es Kinder tun, die ihre Gedanken noch einen Augenblick in Verwahrung geben oder eine Rechenaufgabe lösen müssen. Sein Zimmer ist um diese Zeit lichtdurchflutet, und ein großes Fenster gibt den Blick frei auf die Dächer der Stadt, auf denen sich die Sonne ausruht. »Nein«, sagt Thomas Andree wie selbstverständlich, »ich habe mir nie gewünscht, sehen zu können. Sehend zu sein, ist für mich unvorstellbar.« Er macht Ordnung auf dem kleinen Küchentisch, stapelt die Fertiggerichte für die Mikrowelle übereinander und schiebt die Obstschale in die Mitte. So muss es wohl sein. Alles hat seinen festen Platz. Die Unverrückbarkeit der Dinge macht die Bewegung für Thomas erst möglich. Seine Hände müssen Gegenstände immer wieder aufs Neue erobern. Sie haben Routine darin bekommen. Thomas ist jetzt 26 und von Geburt an blind. Er spricht davon mit einer befremdlichen Gleichgültigkeit, fast gelassen, als ob ihn die Welt des Sichtbaren nichts anginge.

Thomas war fünf, als er und seine Eltern von Rostock nach Königs Wusterhausen zogen. In der Kleinstadt, vor den Toren Berlins, befand sich in der DDR die einzige Blindenschule. Heute ist er nur noch selten dort, um an Wochenenden seine Eltern zu besuchen. Nicht, dass die Fahrt für ihn beschwerlich wäre, aber Thomas möchte so unabhängig wie möglich leben; möchte nicht mehr, dass ihm stets und ständig unter die Arme gegriffen wird. In einer Stadt wie Berlin, in der 5.000 Blinde und 17.000 Sehbehinderte zu Hause sind, ist diese Unabhängigkeit Herausforderung und Notwendigkeit gleichermaßen. Die Freiheit, die sich Thomas erworben hat, ist symbiotisch. Sie braucht das Vertrauen. Seine kleine Wohnung im fünften Stock eines Hochhauses am Ostbahnhof haben die Eltern eingerichtet; sie haben die Dinge platziert und geholfen, als Thomas die Räume erworben hat. Sie haben Grünpflanzen auf Schränke gestellt, Bilder mit bunten geometrischen Formen an die Wand und Landkarten über das Bett gehängt. Die Eltern - trotz all der gewünschten Unabhängigkeit, er braucht sie. Immer wieder. Um sich vorzutasten.

Für fremde Länder und fremde Sprachen hat sich Thomas schon als Kind interessiert. Als er elf Jahre alt war, entdeckte er seine Leidenschaft für den Sprech- und Morsefunk. In der Blindenschule hat er einen Funkerlehrgang besuchen können, legte eine Prüfung ab und durfte als »Hörer« agieren. Heute zählt er zu den lizenzierten Amateurfunkern und mischt mit Morsetaste und Mikro im internationalen Funkverkehr mit. Auf der Kurzwelle reist er nach Australien oder Japan oder in die USA.

Thomas studiert Dolmetschen für Englisch und Französisch und im Nebenfach Jura. In Berlin ist er einer von wenigen blinden Studenten. Sein Arbeitspensum ist sehr viel größer als das seiner sehenden Kommilitonen, aber die Vermutung liegt nahe, dass er genauso beschäftigt wäre, könnte er sehen. Diszipliniert wirkt er und konzentriert, wenn er über sein Studium spricht. Ungewöhnlich früh steht er auf, weil er in den Morgenstunden besser arbeiten kann. Es kommt vor, dass er um sechs Uhr vor dem Computer sitzt und Texte übersetzt. Zur Zeit sind es Reden von Schröder und Rau. Er ist gut; das weiß er. Die fremden Sprachen, so scheint es, statten ihn mit Selbstbewusstsein aus, und das vermag seine Dunkelheit anzumalen. Französische und englische Reden aus dem Internet kann er sich in Punktschrift ausdrucken lassen. Oder er lässt sie sich vom Computer vorlesen, aber von Betonung und Deutlichkeit kann dann keine Rede sein. Die Sätze rattern im Eiltempo und klingen verzerrt. Als Laie würde man verzweifeln. »Reine Übungssache«, lacht Thomas. Ausgeteilte Arbeitsblätter legt er auf den Scanner und lässt sie sich vorlesen. Das geht reibungslos, wenn die Kopien gut sind. Oftmals sind sie es nicht. In all dem Lerneifer: Können seine Gedanken auch manchmal verreisen? »Aber ja«, sagt er. Mehr nicht. Wohin nur? Vielleicht ist das auch nur reine Übungssache.

An der Uni ist Thomas mit seinem elektronischen Notizblock unterwegs, einem flachen, grauen Minicomputer im DIN-A-5-Format mit sechs Tasten, die den sechs Punkten der Blindenschrift entsprechen. Wenn er in den Vorlesungen und Seminaren »mitschreibt«, erinnert das leise Geräusch des Tippens ein wenig an sein Hobby. Zu Hause schließt er den Minicomputer an seinen Großrechner an, der mitgetippte Text erscheint auf dem Bildschirm, und Thomas kann ihn sich vorlesen oder in Blindenschrift ausdrucken lassen. Übersetzung auch hier: alles muss tauglich gemacht werden für die Dunkelheit. Die technische Ausrüstung kostet circa 25.000 Euro. Der Betrag wird vom Sozialamt getragen. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. »Ich habe zwei Jahre darum kämpfen müssen, um die Mittel zu bekommen. Obwohl das Sozialamt dazu verpflichtet ist, Blinden das technische Inventar zu bezahlen, musste ich immer wieder Druck machen«, sagt Thomas. Zuletzt hieß es, wenn er so lange ohne die Dinge ausgekommen sei, könne er auch so weitermachen. Die so verhassten Abhängigkeiten, immer wieder stößt er auf sie.

Viele Kabel liegen verstaut hinter dem Schreibtisch am Boden. Wie eine Herz-Lungen-Maschine agiert die technische Ausrüstung für Thomas, um schreibend den Anschluss zur Welt zu haben. Der Duden in Brailleschrift fasst 30 Bände, und die anderen Wörterbücher brauchen nicht weniger Platz im Regal. Belletristik lässt er sich aus Bibliotheken in England und Genf kommen, denn die sind besser bestückt als die deutschen. Alle zwei Wochen erhält er hiesige Wochenzeitungen in Blindenschrift. Sie sind überdimensional groß, elfenbeinfarben und fühlen sich weich an. Die Punkte liegen verstreut als kleine Hügelchen da. Papier mit Gänsehaut. Ob sie eine Schlagzeile erfühlen lassen, entscheidet der Kopf. Sein ganzes Leben ist er damit beschäftigt, die Dinge zu übersetzen. Thomas muss sich eine Topographie des Alltags erfinden. Bilder hat er nicht zur Verfügung. Jeden Tag begibt er sich in ein Labyrinth. Berlin macht es immer wieder möglich, sich darin zu verlaufen. Die Wege, die er täglich geht, musste er vorher in Begleitung bis zu sieben Mal ablaufen. Abhängigkeiten! Erst dann funktioniert sein Navigationssystem. Die Sicherheit will erprobt werden. Die zeitraubenden Wiederholungen sind unausweichlich und schärfen die Sinne.

Berlin macht es Thomas nicht gerade leicht. Immer wieder stößt er zum Beispiel auf neue Baustellen. »Das wäre alles nicht so schlimm, wenn sie behindertengerecht abgesichert wären. Es passiert oft, dass mich solche Dinge hilflos machen. Ich finde Deutschland nicht gerade behindertenfreundlich.« Die EU hat das Jahr 2003 zum Jahr der Menschen mit Behinderung ausgerufen. Informationsveranstaltungen sollen in allen Mitgliedsstaaten auf die Situation von Behinderten aufmerksam machen. Im Mai und Oktober steht Deutschland im Mittelpunkt dieser Aktion.

Nach dem Abitur ging Thomas nach Philadelphia. Ein Jahr lang besuchte er eine Privatschule für Blinde, um Englisch zu lernen und mit dem Computer richtig umzugehen. Nur 13 Schüler aus aller Welt erhielten das begehrte Stipendium. Seine Eltern brachten ihn nach Amerika, übergaben ihn der Schule und die Rolle der Eltern übernahmen nun Betreuer. Man hat den Eindruck, dass er »einfach« dorthin geht, wo er Denkangebote bekommt. Vielleicht sind es weniger fremde Länder, sondern ein innerer Kontinent, den Thomas bereist; als mache sich die Bevölkerung seines Kopfes einfach auf den Weg. Wenn er darüber erzählt, könnte man meinen, dass optische Eindrücke eher aufhalten. Wenn Thomas träumt, denn das tut er, hört er Stimmen oder Satzfragmente oder er erinnert sich an Gedankenabläufe.

Auf Initiative des Behindertenbeauftragten der Humboldt-Universität gründete Thomas mit anderen behinderten Studenten eine AG, die für das Unigelände Reliefpläne erstellte. Sehbehinderte und blinde Studenten können sich daran orientieren und im Kopf einen Lageplan der Gebäude und Räume entwickeln. Im Gebäude in der Dorotheenstraße wurden auch Raumnummern in Punktschrift angebracht. Für das Hauptgebäude Unter den Linden reichten die Mittel nicht mehr. Gerade da wäre es dringend notwendig. »Zumal sich Sehende da kaum zurechtfinden. Die Raumnummern sind völlig absurd angeordnet.«

Aber er will nicht weg aus dieser Stadt, die jeden Tag dazu verlockt, überstanden zu werden. Die Verkäuferin im Bahnhof Friedrichstraße reicht ihm das Gebäck und legt das Wechselgeld in seine Hand. Sie kennt Thomas. Es gehört zu seinen Ritualen, auf dem Weg zur Uni Croissants zu holen. Vorzugsweise mit Schokofüllung. Es ist nicht selbstverständlich, dass Ziele ihm entgegenkommen. Oder Menschen. Wenn er mit seinem Blindenstock in der Stadt unterwegs ist, weichen sie aus. Machen Platz oder gehen aus dem Weg. Da gibt es Unterschiede. Er weiß um die Berührungsängste. Blind zu sein stellt man sich lieber nicht vor. Oder doch? In der Hamburger Speicherstadt gastiert seit drei Jahren das Projekt »Dialog im Dunkeln«, in der die Besucher durch völlig abgedunkelte Räume geführt werden, in denen sie die Dinge ertasten, erriechen und erhören können. Seit kurzem wird zum normalem Programm ein Fünf-Gänge-Menü geboten. Beim »Dinner in the dark« erlebt man, wie es ist, als Blinder zu essen. In Berlin bietet das Restaurant Noctovagi in der Saarbrücker Straße ebenfalls Gelegenheit dazu. Es ist mutig, sich darauf einzulassen.

»Reine Übungssache«, würde Thomas sagen.

Ob ihm jemand sympathisch ist oder nicht, entscheidet Thomas anhand der Stimme. Er ist bestrebt, dem Vertrauen den Vorrang zu geben. Im Laufe des Studiums hat er viele Freunde gefunden. Er war einmal Mitglied im Sportverband für Behinderte, in einer Tandemgruppe aus Sehenden und Blinden. »Zehn bis 15 Tandems waren an manchen Tagen in Berlin unterwegs. Meist erklären sich Studenten bereit, die Fahrräder zu steuern und dann waren wir auch schon mal in Mitte auf Tour.« Da atmet und hört er Berlin. Für Thomas ist diese Stadt sehr laut, und sie stinkt. Schmückendere Attribute fallen ihm vorerst nicht ein. Heute hat er für Sport keine Zeit mehr. 90 Prozent des Tages, so schätzt Thomas, verbringt er am Computer. Er mailt mit Leuten aus aller Welt. Seine Finger wandern dabei blitzschnell über die Tastatur. Schließlich beherrscht er das Zehnfingersystem. Erhaltene Mails lässt er sich vorlesen - fast wie im normalen Briefverkehr auf der Datenautobahn. Manchmal funkt er nächtelang. »Andere tanzen die Nacht durch, ich funke eben.«Gitarre spielt er; am liebsten englische und französische Folklore. Selten läuft der Fernseher. Und wenn, dann die Nachrichten auf CNN. Spielfilme erträgt er nicht. Wenn ihm niemand die Handlungen erklärt, verschwindet seine Leichtigkeit in einem latent vorhandenen Bermudadreieck aus Frustration, Anderssein und Resignation. Ja, er zieht sich in seine geistigen Gemächer zurück. Aber es ist mehr ein Fürsichsein als Einsamkeit. So scheint es. »Ach«, bemerkt er nach einer langen Gesprächspause, »ich bin eigentlich viel zu selten draußen«. Als ich ihn allein lasse in seinem Zimmer sagt er noch: »Mach bitte das Licht aus, wenn du gehst.« Er braucht es nicht.

00:00 14.02.2003

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