Pferde bei Gewitter

Alltag II Die Angst vorm Erben

Irgendjemand hat beschlossen, dass wir, also die heute etwa 40-jährigen, die "Generation der Erben" wären. Klingt gar nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass es vielen von uns seit dem Studium nicht so recht gelungen ist, sich Wohlstand und eine rundum abgesicherte berufliche Existenz zu schaffen. Die Zeiten sind nicht mehr danach, da kommt uns das Erben wie gerufen. Das stimmt natürlich. Aber zu einfach darf man sich das auch nicht vorstellen. Denn das Erben hat einen Haken: es ist mit dem Ableben unserer Eltern verbunden. Sehr unangenehm. Und was vor dem Ableben kommt, ist nicht viel besser. Wir müssen - meistens aus der Ferne - mitansehen, wie unsere Eltern in ihren Häusern alt werden. Und auch die Häuser sind nicht mehr, was sie einmal waren. Es fallen Reparaturen an, aber Handwerker machen auch in der Provinz vor keinem Pfusch halt. Anstatt sich darum zu kümmern, lächeln unsere Väter abwesend und sehen dabei zu, wie im Garten die Katze das Vogelhäuschen überfällt und Meisen meuchelt. Unsere Mütter tun so, als wäre nichts, aber beginnen sich kleine Nachlässigkeiten zu gönnen und vergessen beim Putzen die Brille aufzusetzen. Hier und da sind plötzlich Spinnweben zu sehen, wenn man eine Schublade aufzieht, kann man sein blaues Wunder erleben und im Keller stapeln sich Einmachgläser mit Reneclauden von 1978.

Meine Freundin Elisabeth zum Beispiel sieht mit wachsendem Entsetzen, wie ihren Eltern die Beherrschung des 70er Jahre Bungalows entgleitet. Es scheitert schon an Kleinigkeiten. Zum Beispiel die Programmierung der Digitaluhr am neuen Ceran-Herd. Sie konnte das Ding nicht einstellen, er auch nicht. Ein Jahr lang blinkten drei Nullen im Sekundentakt. Jetzt hat Elisabeths Vater das Ding einfach mit grünem Isolierband überklebt. "Nichts blinkt mehr, aber es sieht auch echt beschissen aus", sagt Elsabeth. "Er repariert jetzt überhaupt alles mit grünem Isolierband, wahrscheinlich wird das ganze Haus nur noch von grünem Isolierband zusammengehalten. Wir werden uns noch wundern."

Was werden wir erben? Wir erben reparaturbedürftige Einfamilienhäuser aus den sechziger, siebziger Jahren. Wird man die angesichts der demographischen Entwicklung noch brauchen? Und wir erben vollgestopfte Dachböden und Vitrinen, Keller und Kleiderschränke. Was soll man mit einem kompletten Satz Winterjacken von fünf Familienmitgliedern aus zwei Jahrzehnten? Was nützt mir ein Bowleset für sechs Personen, auch wenn es in den sechzigern noch so schick gewesen ist? Und was soll ich mit dem Ölbild meiner Eltern machen, auf dem eine aufgebrachte Pferdegruppe bei schlechtem Wetter zu sehen ist? Als ich Kind war, hing das Bild über dem Ehebett meiner Eltern. Es heißt "Pferde bei Gewitter" und ich habe bis heute keine Ahnung, was das düstere Szenario im Schlafzimmer eines damals jungen Paares zu suchen hatte. Neulich fand ich das Gemälde (in Wahrheit ein Druck) im Keller meiner Eltern wieder. Tagelang dachte ich darüber nach, was damit später einmal (Sie wissen schon...) geschehen sollte. Ohje. Wahrscheinlich bin ich unter den "Pferden bei Gewitter" gezeugt worden. "Das würde mich nicht wundern", kommentiert Elisabeth (mit den Isolierband-Eltern) den Sachverhalt. Sehr lustig.

Ich beneide meinen Kollegen Mike aus Dresden. Seine Eltern leben in einer Dreizimmerwohnung, da passt nicht soviel rein. Jedes Mal wenn er sie besucht, zeigt ihm sein Vater die lose Küchenfliese unter dem Spülschrank. Da hat er das Guthaben der Familie versteckt: Goldmünzen! Weil der Alte immer noch davon überzeugt ist, dass man den Banken sein Geld nicht anvertrauen kann, weil da nur Verbrecher am Werke sind. Und die monetäre Katastrophe in Deutschland nur eine Frage der Zeit ist - seit wir die D-Mark aufgeben haben. Mal abgesehen von derlei Belehrungen ist Michael mit dem Erben jedenfalls fein raus. Das Gold kann er verkaufen und die Dreizimmerwohnung ist an zwei Tagen leergeräumt.

Mein Freund Dietmar hat nach dem Ableben seiner Eltern vor seiner Verwandtschaft kapituliert. Am liebsten würde er das Haus verkaufen. Damit würde er aber dem Bruder seines Vaters das Herz brechen. Der Onkel hat seinerzeit beim Bau geholfen. Er hebt seine Arme und sagt: "Jeder Dachziegel ist durch diese Hände gegangen. Das Haus gehört zur Familie." Aber was es von der Familie noch gibt, ist verteilt auf Alten- und Pflegeheime im Schwäbischen. Dietmar ist alsEinzelkind aufgewachsen und lebt heute in Berlin, er ist Mitte vierzig und so homosexuell, dass Nachwuchs so wahrscheinlich ist, wie ein Vulkanausbruch in der Sächsischen Schweiz. Erklären sie das mal einem achtzigjährigen Schwaben. Und weil die Verwandtschaft sehr genau darauf achtet, was Dietmar mit dem Ererbten anstellt, hat er es längst aufgegeben, das Haus leerzuräumen. Er würde sich für jeden alten Küchenstuhl, von dem er sich trennen wollte, rechtfertigen müssen. Er versucht das Haus möbliert zu vermieten, obwohl er mit der leergeräumten Immobilie im Ballungsraum Stuttgart Traumpreise erzielen könnte. Wenn das keine Kapitulation ist.

Nach der wundersamen Begegnung mit den "Pferden bei Gewitter" im Keller meiner Eltern habe ich beschlossen, rechtzeitig einen Anfang zu machen. Vielleicht kann man ja erben üben, es kommt doch auf einen Versuch an, oder? Ich habe also das Bild abgestaubt und nach Berlin verfrachtet. Meine Eltern waren irritiert, freuten sich aber doch, dass ihr Geschmack der jungen Jahre zu späten Ehren kommt. Nun hängen die aufgeregten Viecher in meiner Wohnung. Vielleicht wäre alles einfacher, wenn ich mehr moderne Möbel hätte. Habe ich aber nicht. Das Bild wirkt sehr ernstgemeint zwischen meinen Sachen und die Freunde schütteln die Köpfe. "Wem ist damit gedient", fragt meine Schwester. Mein Freund Alexander sagt: "Man muss nichts von Kunst verstehen, aber du kennst doch Leute, die du fragen könntest." Lange Pause. Dann: "Oder?"

Aller Anfang ist schwer.

Ende


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00:00 01.07.2005

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