Pflicht zur Wahrheit

Der deutsche Papst in Auschwitz Das "mea culpa" kam nur in der Liturgie vor

Vom zuverlässig durch eine AWACS-Maschine bewachten Himmel kam diesmal der Heilige Geist in Regenströmen nieder. Was hatte das Unwetter nur zu bedeuten? Vor 27 Jahren, als Johannes Paul II. in Warschau die Messe las, strahlte über dem heutigen Pilsudski-Platz die Sonne und "unser Heiliger Vater" beschwor den Herrn, sein geliebtes Volk "stark im Glauben" zu halten, damit es "das Antlitz der Erde, dieser Erde" verändern könne. Wie es verwandelt wurde, ist inzwischen allzu gut bekannt.

Nun also Benedikt XVI., der irdische Vertreter des schon himmlischen Vorgängers, mit dem Ruf: "Bleibt stark im Glauben!" Dass Joseph Ratzinger von den katholischen Polen erwartet, sie als Vorbild der Treue zu Rom und des ungebrochenen Glaubens an das Evangelium der ganzen Welt empfehlen zu können, hat er während der viertägigen Pilgerreise "in den Fußstapfen von JP2" in mehreren Homilien wissen lassen. Eine bloß "sentimentale Reise" war es mithin nicht, eher ein integriertes missionarisches Unterfangen in einer säkularisierten "skeptischen und zynischen Welt" (Benedikt). Polen schien dafür der richtige Ort. Man darf dem Papst glauben, dass er es als ein Bedürfnis des Herzens empfand, all die Orte aufsuchen, die Johannes Paul II. so lieb waren. Gewisse taktische Überlegungen des Vatikans für eine Strategie zur Missionierung Europas sollten dabei nicht verkannt werden.

Für den innerpolnischen Gebrauch schienen während dieser Tage zwei Äußerungen beachtlich: Der Priester sei für den Kontakt zwischen Gott und Mensch zuständig, er habe keine Aufgabe als Spezialist für Ökonomie oder gar Politik - ein klares Wort gegen eine erkennbare Politisierung des Klerus. Aufsehen erregte auch die Mahnung Benedikts XVI., man solle es unterlassen, sich in die Pose eines Richters zu begeben, um über die Vergangenheit von Menschen zu richten. Womit offenkundig die Jagd auf Priester und Ordenspater gemeint war, denen in jüngster Zeit vermehrt Zuträgerdienste für das sozialistische Regime vorgeworfen werden.

Entscheidend aber war der Aufenthalt im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Es stimmt schon, dass der vom Grauen des Ortes beeindruckte deutsche Papst vor den Überlebenden der Shoah um Vergebung und die Gnade der Versöhnung mit den Opfern der grauenhaften Verbrechen bat. Doch wie er das tat, hat viele Juden, aber auch manch polnischen Katholiken mit dem Kopf schütteln lassen. Das "mea culpa" nämlich kam nur in der Liturgie vor. Es fehlte in der Auschwitz-Rede eines Menschen, der zur Generation der Flakhelfer gehörte und als Stellvertreter Christi (der in Gestalt von Pius XII. einst zum Holocaust schwieg) für die universale römisch-katholische Kirche sprach.

Als Benedikt XVI. fragte, wo denn damals Gott geblieben sei, verlor er sich bei der Antwort in Mystik und Metaphysik. Er wurde auch ein wenig historisch: Die Deutschen seien ein Volk gewesen, "über das eine Schar (!) von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen, mit der Verheißung von Größe, des Wiedererstehens der Ehre der Nation und ihrer Bedeutung, mit der Verheißung des Wohlergehens und auch mit Terror und Einschüchterung Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens ... gebraucht und missbraucht werden konnte". Sollte man sich Gedanken über eine derartige "Historiografie" machen? Und darüber, dass als leuchtendes Beispiel in dunkler Nacht die zum Christentum konvertierte, deutsche Jüdin Edith Stein angeführt wurde? Seinerzeit schauten der Papst und die Kirche doch zu, als die Philosophin zuerst aus Köln fliehen musste und dann aus den Niederlanden nach Auschwitz verschleppt wurde. Diese "theologische Dialektik" als Ausdruck der "Pflicht zur Wahrheit", wie sie der Papst bemühte, kann nur verwundern.


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