Postkarten aus dem Westerwald

Leerstelle In Tillmann Rammstedts Roman "Der Kaiser von China" erfindet Keith seinem Großvater eine Biografie

Wir schreiben das Jahr 2008. In China wettstreiten die Olympioniken aus aller Welt gegeneinander. An seinem Schreibtisch in Prenzlauer Berg sitzt der Schriftsteller Tilmann Rammstedt, auch Sänger der Gruppe Fön, und kämpft mit seinem Roman. Er ist gedopt. Durch einen Doppelsieg. Mit einer vielversprechenden, professionell vorgetragenen Kompilation des noch nicht veröffentlichten Buches hat er soeben in Klagenfurt den Bachmann-Preis gewonnen und den Preis des Publikums dazu. Er sitzt und schwitzt, schwer gebeutelt von Vorschusslorbeeren und Abgabeterminen, und bemüht sich, so wenig über China wie möglich zu erfahren. Was schwer fällt in diesen Tagen.

Rammstedt sitzt mit seinem Protagonisten Keith Stapperpfennig unter dem Schreibtisch und schreibt Briefe von einer Reise durch ein phantastisch phantasiertes China, dessen Wunder und Merkwürdigkeiten allein von Informationen und Beschreibungen aus dem Reiseführer "Lonely Planet China" mit Realien unterfüttert und ausgeschmückt werden.

Warum sitzt der junge Stapperpfennig unter seinem Schreibtisch im heimatlichen halb renovierten Gartenhaus und verfasst fiktive Briefe, die er vermutlich nie abschicken wird? Er ist als Reisebegleiter des Großvaters ins Reich der Mitte ausgelost worden. Das Geburtstagsgeschenk der Geschwister. Aber Keith hat das Urlaubsgeld mit der Ex-Geliebten seines Großvaters im Kasino verspielt. Nun täuscht er im Wegducken sein Verreistsein vor und wartet darauf, dass er wieder auftauchen kann. Sein Großvater, der offenbar irgendwann ohne ihn und ohne Reisekasse losgefahren ist, dessen Abreise jedoch ganz im Dunkeln bleibt, schickt ihm Ansichtskarten aus dem Westerwald. Notdürftig mit Lotusblüten und ähnlichen Chinoiserien überklebt, kommen sie angeblich aus China und werden von Keith ungelesen unter alten Zeitungen versteckt.

Doch plötzlich meldet der Anrufbeantworter den Tod des alten Herrn. Statt im fernen Osten ruht er wohl in der Kühlschublade eines Krankenhauses irgendwo im Westerwald. Statt ihn zu identifizieren, beginnt der Protagonist die Daheimgebliebenen mit fabulierten Berichten zu versorgen und seinen Großvater aus dem Leben hinaus zu schreiben. Er schreibt ihn hinaus und sich hinein - auch wenn er sich nur wenig Platz einzuräumen scheint, in den herrlich poetischen, genial ersonnenen Reisebeschreibungen, die wie selbstverständlich in eine Lebenserzählung des Großvaters fließen und ausufern.

Aber Stapperpfennig fragt sich schon lange: Wer bin ich? Der ich irgendwie mit der Ex-Geliebten meines Großvaters liiert bin. Er kennt das Gesicht der Mutter von einem verwackelten Bild, den Vater gar nicht. Geschwister hat er vier. Seit er als kleiner Junge gelernt hat, dass sein Großvater nicht der Kaiser von China ist, hat er über seine Familie nichts mehr erfahren.

Der einarmige Großvater arbeitet mit immer jünger werdenden Geliebten gegen die Sterblichkeit an und spannt für´s ewige Leben Keith auch schon mal die Freundin aus. Und da er nichts über seinen Großvater weiß, erfindet er ihm eine Liebesgeschichte, die auf wundersame Weise selbst den Verlust des Arms erklärt. Die Liebe zu Lian, die in einem chinesischen Wanderzirkus als stärkste Frau der Welt auftrat, wird zum Dreh- und Angelpunkt dieser zärtlich erflunkerten Biographie. "Ich wusste, dass sich in einer Sekunde mein Leben ändern würde", so lässt er den Großvater atemlos im dunklen Zuschauerraum verharren. "Ich wusste nicht, ob zum Guten oder Schlechten, ob ich das wollte oder nicht, ich wusste nur, dass ich nichts dagegen würde ausrichten können."

Mit Rasanz werden die Leser durch derart kunstvoll ineinander geschnittene Erzählfolgen gejagt, dass sich die Romanfiguren wie eine chinesische Akrobatengruppe blitzartig zu lebenden Skulpturen aufbauen, stehen, aufleuchten und in sich zusammenbrechend neu formieren. So vergeht einem aber auch Hören und Sehen; nicht selten stellt sich das Gefühl ein, man habe den Faden verloren, als sei dies die Absicht des Autors. Schemenhaft bleiben in dieser Geschwindigkeit die Personen, die nur durch einzelne hervorstechende Eigenschaften, eher Marotten, ein bisschen markiert sind. Selbst Franziska, die letzte Geliebte des Großvaters, die vom Erzähler abgeworben oder übernommen wird, die doch starke, auch skurrile Auftritte hat, kommt und geht. Ob sie bleibt, ist nicht wichtig.

Wichtig für Tilmann Rammstedts Roman ist hingegen, dass Keith Stapperpfennigs Reiseberichte an die Geschwister ein sprühendes, farbenprächtiges, kurioses China schildern, und gleichzeitig ängstlich zögernd um den Tod des Großvaters kreisen, der eine Leerstelle bleibt. Mancher buddhistische Mönch ist schon an dem Koan "Triffst du Buddha, schlag ihn tot", verzweifelt. Tilmann Rammstedt hat ihn wenigstens getroffen.

Tilmann Rammstedt Der Kaiser von China. Roman. DuMont, Köln 2008, 192 S., 17,90 EUR

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 26.12.2008

Ausgabe 24/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare