Potemkins Park

Rummel Street-Art-Millionär Banksy hat an der britischen Küste Dismaland errichtet. Dort kulminiert, was an dem Kulturunternehmer schon immer falsch war
Jonathan Jones | Ausgabe 35/2015
Potemkins Park
Auf Fotos sieht Dismaland sehr viel besser aus, als wenn man dort ist

Foto: Zuma Press/Imago

Alles wirkt desolat: der baufällige Pub, das ramponierte Riesenrad, die Promenade. Der Ort hat etwas Unwirkliches. An diesem bewölkten Augustmorgen verkörpert Weston-super-Mare die Melancholie britischer Küstenorte in Vollendung. In dieser Stadt hat nun der Street-Art-Künstler Banksy seinen Freizeitpark Dismaland errichtet. „Dismal“ heißt übersetzt düster oder auch trostlos.

Entlang der Promenade stehen sie seit Stunden Schlange. An die Weston-super-Marer wurden 1.000 kostenlose Tickets ausgegeben. Zwei Sicherheitsschleusen sind zu passieren, eine echte und eine falsche. Die falsche ist mit das Lustigste, was es in Dismaland zu sehen gibt. Errichtet hat sie der kalifornische Künstler Bill Barminski. Wir passieren Röntgengeräte aus Pappkarton und Tische, auf denen Pappgegenstände liegen, die anderen Besuchern vermeintlich abgenommen wurden. Auf die gelungene Parodie folgen jedoch echte Sicherheitsleute, die unsere Taschen durchleuchten und streng fragen, ob einer Messer mit sich führt, oder – kein Witz – Sprühdosen. Jedes Graffiti in Dismaland muss ein offizielles Graffiti sein.

Eine Fresse ziehen

Am Eingang des Parks grüßen Menschen, die Mickymausohren tragen und T-Shirts, auf denen DISMAL steht. Keiner zwingt sie, den ganzen Tag zu lächeln. Stattdessen müssen sie eine Fresse ziehen. Einige sind so gut darin, dass sie aufrichtig genervt wirken, was ziemlich ansteckend ist. Während ringsum die Handykameras in Stellung gebracht werden, erdrückt mich noch immer die Trostlosigkeit von Weston-super-Mare. Banksy hat etwas ungemein Deprimierendes hierhergesetzt. Das Herzstück ist ein Märchenschloss, halb zerfallen, gammelig, umgeben von einem See, aus dem eine Fontäne spritzt. Sie schießt aus einem Polizeiwasserwerfer. Mich übermannt die Leere. Im Schloss ist Aschenputtels Kutsche verunglückt, Blitzbirnen erleuchten den Unfallort, Paparazzi schießen Bilder. Herrje! Wie beim Tod von Diana! Das lebensgroße Tableau hat Banksy selbst geschaffen, es ist ein einziges süffisantes Grinsen. Aber Moment. Er hat ein Schloss gebaut. Er führt uns hinein. Hierfür? Seien wir ehrlich: Der Witz ist zu abgedroschen.

Vor einem Campingwagen stehen die Menschen wieder Schlange, drinnen klären Slogans über unseren faschistischen Polizeistaat auf. Außerdem steht dort ein Modell eben jenes faschistischen Polizeistaats, winzige Polizeiautos überall, Blaulicht zuckt über die Kulisse einer nächtlichen Stadt. Die Ironie der doppelten Sicherheitsschleuse am Eingang setzt sich im Inneren des Parks fort. CCTV-Kameras sind ein typisches Banksy-Motiv; der Park wird trotzdem überwacht. In Dismaland kulminiert, was an Banksy schon immer falsch war. Es soll den Besucher „zum Denken anregen“, will sich der Konsumgesellschaft, der Freizeitgesellschaft und der Kommodifizierung des Spektakels widersetzen. Disneyland vermarktet Träume, Dismaland bietet eine Überdosis Wirklichkeit.

Aber es ist ein reines Medienphänomen, etwas, das auf Fotos sehr viel besser aussieht, als wenn man dort ist. Und dort zu sein, bedeutet letztlich auch nur, Banksys Prominenz etwas näher zu kommen. Man besucht Dismaland, um sagen zu können, man sei da gewesen. Das Erlebnis selbst ist blass. Eine Farce, in der alle so tun müssen, als wäre der Witz besser, als er in Wahrheit ist. Denn selbst die irren Rummelplätze, die rund um Musikfestivals aufgebaut werden, sind subversiver – weil man sich dort trotz allem amüsiert. Dass Dismaland daran scheitert, ist sein größtes Problem. Vergnügungsparks sind unheimliche, raue Orte, spätestens seit Tod Brownings Horrorfilm Freaks (1932) und Strange Days (1967) von den Doors wissen wir das. Banksy hat dem nichts Neues oder Interessantes hinzuzufügen. Von nahem betrachtet ist Dismaland ein potemkinscher Themenpark. Eigentlich ist es nur eine Kunstausstellung. Eine mit ziemlich schlechten Werken.

Banksys Gemälde einer Mutter und eines Kinds zum Beispiel, die jeden Moment von einem Tsunami überrollt werden. Seine grobe Technik ist peinlich. Noch unangenehmer ist der Mangel an Empathie. Wir sollen offensichtlich denken, es sei lustig, dass die Welle diese Strandgänger umbringen wird. Sie haben Sonnenmilch und andere Produkte dabei. Überbleibsel des Konsumkapitalismus. Seht, wie die Zukunft sie hinwegfegt! Diese herzlose Allegorie hätte das Zeug zu maoistischer Propaganda, als Kunst verfehlt sie ihre Wirkung. Banksys Polemiken fehlt die Poesie, es fehlen Unschärfen, alles wirkt kraft- und teilnahmslos. Aschenputtel stirbt, und keinen juckt es. Der beste Witz des Parks ist, dass er zeigt, was für ein gewiefter Kulturunternehmer Banksy ist. Die meisten Künstler, die er neben sich ausstellt, sind so eindimensional wie seine Visionen.

Nur ein Bild hat mich gepackt. Lange habe ich mich nicht mehr so gefreut, einen Damien Hirst zu sehen. Aber hier strahlt seine Vitrine mit dem Einhorn etwas Eigentümliches aus. Es moralisiert nicht und ist nicht selbstgerecht, seine Faszination lässt sich nicht einfach erklären. Es ist eine echte Jahrmarktsattraktion. Dismaland braucht mehr Einhörner. Dasselbe gilt für Weston-super-Mare. Und für uns alle.

Jonathan Jones ist Kunstkritiker des Guardian

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06:00 09.09.2015

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