Prinzessin rettet Prinz

Cartoon Superman, Donald, Asterix? Bis in die 1990er zeichneten meist Männer für Männer. Eine Ausstellung in Berlin zeigt, wie 30 Frauen seitdem den Comic prägen
Prinzessin rettet Prinz
Neulich beim Superheldinnen-Stammtisch – Illustration von Helena Janecic

Abb.: Helena Janecic

Die berühmtesten Charaktere und Helden der Comic-Geschichte sind so gut wie durch die Bank männlich. Von Asterix bis Superman. Und die Rolle der Frauen wirkt in den Welten, in denen sich diese Figuren bewegen, zumindest aus heutiger Sicht doch arg rückschrittlich. Während beispielsweise Asterix und Obelix und die anderen Gallier aus ihrem Dorf ständig die Römer vermöbeln dürfen, müssen die Frauen brav daheim bleiben und sich um den Haushalt kümmern. Wenn sie dann doch mal halbwegs präsent sind, die Frauen, wirken sie meist zickig und nervig. Daisy Duck etwa ist äußerst flatterhaft und wenn es darauf ankommt, geht sie doch lieber mit dem ewigen, aber schmierigen Glückspilz Gustav Gans aus als mit Donald. Und Lucy von den Peanuts fällt nichts besseres ein, als ständig den armen Charlie Brown zu ärgern und Schroeder davon abzuhalten, ein Klaviervirtuose zu werden. Hunde (Idefix und Snoopy) und ein Pferd (Lucky Lukes Jolly Jumper) sind in den Universen der Comic-Klassiker jedenfalls größere Sympathieträger als irgendwelche Frauen.

Sicherlich, die Comic-Kultur hat auch ein paar ikonische Frauenfiguren hervorgebracht, etwa Wonder Woman oder Tank Girl. Beide sind stark und brauchen bei ihren Abenteuern keine Typen, die sie aus brenzligen Situationen retten müssen. Erfunden wurden aber auch diese Heldinnen von Männern. Es ist eben so, wie im Begleittext zur Ausstellung Vorbilder*innen – Feminismus im Comic und Illustration geschrieben wird: „Das Zeichnen und Lesen von Comics war bis Ende der 1990er-Jahre eine stark männlich geprägte Domäne.“ Dass dies aber freilich immer weniger gilt und zunehmend auch Frauen im Bereich Comic tätig sind und diesen mit eigenen Figuren mitprägen, das will die kleine, aber feine Ausstellung im Berliner Museum für Kommunikation belegen.

Mit dem Titel Vorbilder*innen wird in der vom Internationalen Comic-Salon Erlangen erarbeiteten Schau darauf abgehoben, wie wichtig es für feministisches Empowerment ist, eine eigene, weibliche Tradition zu entwickeln. Erfolgreiche Fußballerinnen zeigen jungen Kickerinnen, was möglich ist in einem männlich geprägten Sport. Frauen am DJ-Pult vermitteln weiblichen Nachwuchs-DJs das Gefühl, sich auch in der Männerdomäne der Plattendreher durchsetzen zu können. Und Comic-Autorinnen, die bereits erfolgreich gezeigt haben, dass in ihrem Medium auch aus weiblicher Perspektive ansprechend erzählt wird, können eben junge Frauen ermutigen, selbst zur Tuschfeder zu greifen. So einfach ist das.

Dabei findet die Thematik mit den Vorbilder*innen vielgestaltig Ausdruck in der Ausstellung. Von Anke Feuchtenberger, einer der bekanntesten Comic-Autorinnen Deutschlands, gibt es ein paar großformatige Portraits zu sehen, von Rosa Luxemburg oder Angela Davis. Die Botschaft: Sich an politisch bedeutsamen Frauen zu orientieren, hilft auch der eigenen Entwicklung als feministische Zeichnerin und Autorin. Die schwedische Comic-Autorin Natalia Batista wiederum berichtet, wie stark sie von der Manga-Figur Sailor Moon bei ihrer eigenen Arbeit beeinflusst wurde. Die im feministischen Sinn positiv gedeuteten Sailor-Kriegerinnen haben sie inspiriert, ihre eigene Fantasy-Reihe Sword Princess Amaltea zu kreieren, in der die Prinzessin den Prinzen retten muss und nicht umgekehrt. „Gender Reverse“ nennt sich dieses Subgenre, in dem Geschlechterstereotype auf den Kopf gestellt und dadurch entlarvt werden.

Und dann hängen da noch Original-Zeichnungen von längst etablierten Comic-Pionierinnen wie Julie Doucet und Alison Bechdel, beide Autorinnen haben Comic-Geschichte geschrieben. Zweifelsohne echte Vorbilder*innen, auch was Erfolg, Themensetzung und künstlerischen Einfluss angeht. Doucet mit ihren punkig feministischen und teils bis an die Schmerzgrenze gehenden persönlichen Arbeiten, Bechdel mit ihren queeren Comics und vor allem mit Fun Home, einem internationalen Bestseller. Nebenbei geht auf einen ihrer Comics auch der oft zitierte „Bechdel-Test“ zurück, mit dem gemessen wird, ob in einem Spielfilm interessante Frauencharaktere auftauchen oder bloß wieder Männer unter Männern die wirklich wichtigen Dinge hinsichtlich der voranschreitenden Handlung klären. Schön wären an dieser Stelle noch ein paar Panels von Marjane Satrapi (der Freitag 6/2021), die mit Persepolis einen Meilenstein der Graphic Novels geliefert hat. Aber derartige Lücken sind in der ansonsten vorbildlich kuratierten Ausstellung zu verkraften.

Eine Message: Bildet Banden

Doucet und Bechdel, aber auch Satrapi wurden mit ihren autobiografischen Comics berühmt. Der persönliche Zugang ist in diesem Medium, vor allem im Independent-Comic, ziemlich beliebt, besonders in Form von Coming-of-age-Storys. Wenn nun vermehrt aus der Sicht von Frauen die eigene Sozialisation behandelt wird, macht das die Comic-Kultur insgesamt um einiges reicher und vielfältiger. Es sind schließlich auch andere Themen, Sexismus oder Vergewaltigung etwa, die hier verhandelt werden. Über künstlerisch bereits zigfach durchdeklinierte Erfahrungen, zum Beispiel die erste Liebe, wird anders erzählt. Von der in Berlin arbeitenden Ulli Lust etwa, einer der wenigen international bekannten deutschsprachigen Comic-Künstlerinnen, sind Panels aus ihrer Kurzgeschichte Lulu und die Scham zu sehen, die davon handelt, wie ihr als Kind im Elternhaus ein völlig verklemmter Umgang mit der eigenen Vulva und letztlich Sexualität eingetrichtert wurde. Eine der Filmdokumentationen, die in der Ausstellung gezeigt werden, führt in das Werk der japanischen Künstlerin und Manga-Zeichnerin Rokudenashiko ein. Auch sie beschäftigt sich in ihren Arbeiten intensiv und humorvoll mit der Vulva und wirkt damit deren Tabuisierung entgegen. Rokudenashiko hat sogar Handy-Hüllen in Vulva-Form entwickelt, im Film paddelt sie in einem von ihr entworfenen Kanu im Vulva-Design umher.

Auch ein Mittel, um als Comic-Autorin auf sich aufmerksam zu machen: Bildet Banden! Diese Message vertritt das kurze Portrait über Die goldene Discofaust. Die Comic-Künstlerinnen, die sich zu dieser Gruppe zusammengeschlossen haben, geben an, als Kollektiv lauter auftreten und leichter Aufmerksamkeit generieren zu können als einzeln. Und auch eher mal von den Comic-Festivals eingeladen zu werden, von denen man als Frau auch gerne mal übersehen wird. In der von männlicher Dominanz geprägten Comic-Szene hat sich schließlich auch eine Struktur etabliert, die Frauen nicht nur mit offenen Armen empfängt. „Girls Clubs“ können diesem Missstand, so die Autorinnen von Die Goldene Discofaust, leichter gegensteuern.

Nach dem Rundgang durch die Ausstellung bekommt man Lust, die Comics, mit denen sich hier beschäftigt wird, zu lesen. Auch daran wurde gedacht mit der bestens bestückten Auswahlbibliothek, durch die man sich im Berliner Museum für Kommunikation schmökern kann. Zusammengestellt wurden ausschließlich Comics von Frauen. Wenn man anfängt, sich hineinzulesen, hat man keine Sekunde lang das Gefühl, es würde hier irgendetwas fehlen.

Info

Vorbilder*innen. Feminismus in Comic und Illustration, Museum für Kommunikation Berlin, bis 10. Oktober

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06:00 29.08.2021

Ausgabe 38/2021

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