Propagandaland

Literatur Können wir den Medien trauen? Gleich drei Bücher melden berechtigte Zweifel an

Allenthalben stehen Medien in der Kritik. Dass dies am wenigsten von jenen reflektiert wird, die dafür die Verantwortung tragen, versteht sich. Die Macher in Fernsehen, Hörfunk, Zeitungen kochen ja auch nur mit Wasser. Dass sie sagen, was ist, dass sie offizielle Verlautbarungen hinterfragen, geheime Machenschaften aufdecken und so weiter, mag man sich von ihnen erhoffen. Viele glauben auch von sich, dass sie es tun. Aber sind sie überhaupt in der Lage, das zu leisten? Ist die Vorstellung von einer „vierten Gewalt“ neben Exekutive, Legislative und Judikative unter den Bedingungen des entfesselten Neoliberalismus nicht überhaupt Illusion?

Staaten, gleich welcher Art, sind Machtmaschinen. Je stärker die Macht abgesichert ist, umso freizügiger gibt sich der Staat. Je bedrohter, krisenhafter die herrschenden Verhältnisse sind, umso rigider wird das System. Dass sich medienkritische Bücher in jüngster Zeit häufen, ist sicher kein Zufall und trifft das Lebensgefühl vieler Menschen. In einer Ich-Gesellschaft ohne Zukunftsversprechen, ja eigentlich überhaupt ohne Orientierung stehen sie mit ihrer Unzufriedenheit allein. „Wir können den Medien nicht trauen“ – zu diesem Fazit bietet Marcus B. Klöckner in Sabotierte Wirklichkeit viele Beispiele journalistischer Manipulation. Im Sinne von Aufklärung sind derlei Analysen wichtig. Die Forderung indes, „Wir brauchen ein neues Mediensystem“ – der Autor weiß es selbst –, muss Utopie bleiben angesichts realer Machtverhältnisse und der darin herrschenden Ideologie.

Marx wird verschwiegen

Wer im Osten aufgewachsen ist, muss sich mitunter wundern, wie wenig selbstverständlich in der heutigen Öffentlichkeit der Hinweis auf derlei Grundbegriffe und Zusammenhänge ist. Auch die Mächtigen in der DDR haben sich durch Ideologie geschützt, so fadenscheinig mitunter, dass sie leichter zu durchschauen war, als es die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ heutzutage ist.

Der Begriff soll nicht diffamiert werden. Er meint eine Absicht, der zuzustimmen ist. Man kann nicht so einfach sagen, dass sich Kapitalmacht dadurch lediglich kaschiert. Aber es gibt diese Macht. Jeder spürt sie in eigenen Abhängigkeitsverhältnissen und darin, dass die Verhältnisse im Ganzen immer fremder und undurchschaubarer werden. Dafür allein die Medien verantwortlich zu machen, greift indes zu kurz.

Es ist wirklich erstaunlich, dass selbst in sehr klugen gesellschaftswissenschaftlichen Analysen zumeist der Bezug auf Marx und Engels fehlt. Als ob damit ein Tabu berührt, man sich als altmodisch outen würde, was der Resonanz abträglich wäre. Generell wird das Thema Macht und Kapital gern ausgeblendet. Insofern mögen viele das Buch Die Machtelite, das vor über 60 Jahren in den USA erschien und jetzt wieder verlegt worden ist, wie eine Neuerscheinung lesen. Zwar bezog sich der Soziologe C. Wright Mills (1916 – 1962) in seiner Gesellschaftsanalyse auf die Realität der Eisenhower-Ära im Kalten Krieg, aber im Konkreten dürfte viel Allgemeines, Übertragbares stecken. Die von ihm untersuchte Machtelite meint einen inneren Kreis der oberen Gesellschaftsschichten, „ein mehr oder weniger festgefügtes soziales und psychologisches Ganzes“ – einflussreiche Personen aus Politik, Militär und Wirtschaft, die einander zum Teil schon aus Eliteuniversitäten kennen und auch anderweitig persönlich verbunden sind.

Wer solche Strukturen benennt und die entsprechenden machtkritischen Vermutungen äußert, kann schnell als Verschwörungstheoretiker und somit schon halb psychopathisch abgestempelt werden. Dabei war und ist es in vielen Staaten so, dass eine vergleichsweise kleine Gruppe, offen oder verdeckt, Entscheidungen trifft. Das kann effektiv funktionieren, kann aber auch leicht außer Kontrolle geraten. In seinem Buch Die Abgehobenen. Wie Eliten die Demokratie gefährden (Campus 2018) brachte der Soziologe Michael Hartmann die mehrheitliche Rekrutierung dieser Mächtigen aus den oberen vier Prozent in Zusammenhang mit der Krise des Neoliberalismus.

Wobei es nicht nur an ihrer Herkunft liegt, dass sie die soziale Spaltung als unproblematischer ansehen als die Mehrheit der Bevölkerung. Solche Blindheit, wenn es sie gibt, gehört zur Durchsetzung eigener Interessen „auf Teufel komm raus“. Derlei Machtausübung erfolgt weitgehend ohne demokratische Legitimation und empört manch einen. Hinzu kommt bei vielen ein Frust über mangelnde Teilhabe, gerade viele Kreative haben oft das Gefühl, vor verschlossenen Türen zu stehen. Wer arm ist, ist indes in einem noch größeren Maße ausgeschlossen. Wer arm ist, wirft nicht nur den sogenannten Eliten ihre Abgehobenheit vor. Sondern darüber hinaus auch diejenigen aus der Mittelschicht, die gern zu diesen Eliten aufsteigen würden.

Eine Glaubenslehre

Weil Journalisten mehrheitlich zu ebendieser Gruppe gehören, unterliegen sie einem Anpassungsdruck. Marcus B. Klöckner bezieht sich in seinem Buch auf die Feldtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu: Schon danach ausgesucht, ob sie in ein Medium „passen“, spüren die Mitarbeiter sehr schnell, welche Themen und Meinungen genehm sind und welche nicht. Hinzu kommt die Orientierung an sogenannten Leitmedien und die Abhängigkeit von der Deutschen Presse-Agentur dpa, die als „unabhängiger Dienstleister“ firmiert, dabei aber eine Vorauswahl trifft, was berichtenswert sein soll und was nicht.

In einer immer unübersichtlicher werdenden Welt müssen sich Journalisten täglich neu und schnell positionieren. Wenn Klöckner in diesem Zusammenhang von einer „Glaubenslehre“ spricht, sind damit die im jeweiligen Feld vorherrschenden Überzeugungen und Wertungen gemeint, die (so wirkt nun mal Ideologie) oft schon in Fleisch und Blut übergegangen sind. Diese Überzeugungen werden heute nicht selten mit einer Härte ins Feld geführt, die schon etwas Kämpferisches hat. Die oft heftigen Reaktionen auf linke Medienkritik, die perfide Art, sie in die Nähe eines rechten Spektrums zu rücken, sind ein Krisenzeichen.

Doch dieser Propagandatrick tut weh, bei manchen bis zum eingeschüchterten Verstummen: Niemand mag sich den Mund verbrennen. Außer vielleicht Albrecht Müller, der seit 2003 das Blog NachDenkSeiten betreibt, um politische und gesellschaftliche Themen zu kommentieren. Praxis einer Gegenöffentlichkeit – entsprechend hat auch sein Buch Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst“ den Vorzug der Praxisnähe. Weil er selber als SPD-Mitglied in der Öffentlichkeitsarbeit seiner Partei tätig war, unter anderem Willy Brandts Wahlkampf leitete, verfügt er über Erfahrungen aus der „Medienküche“, die andere nicht haben. „Keine der großen Entscheidungen der letzten Jahre ist ohne den Einfluss massiver Propaganda gefallen.“ Souverän argumentierend, setzt er sich mit Fällen von „Meinungsmache“ auseinander. Zum Beispiel wie die Losung „Wir sind das Volk“ in „Wir sind ein Volk“ verwandelt wurde, wie die staatlich geförderte private Vorsorge der Versicherungswirtschaft und den Banken zugutekam, wie es gelang, die Finanzkrise zur Staatsschuldenkrise umzudeuten, wie die Agenda 2010 vorbereitet und begleitet wurde, wie die Propaganda gegen Russland eine gefährliche Konfrontationspolitik begleitet und, und, und.

„Man sollte die Methoden der Manipulation studieren“, sagt er und bietet von „Sprachregelung“ bis zu „Konflikte nutzen und inszenieren“ in 17 kurzen Kapiteln aufschlussreiches Material. Nicht nur für Zuschauer, Hörer, Leser, sondern auch für Meinungsmacher, damit sie ihr Sensorium schärfen, ideologische Verzerrungen erkennen, Nachrichten hinterfragen, innere Zweifel ernst nehmen.

Medien stehen unter Verkaufsdruck und reagieren mit zwanghafter Aufregungsproduktion. Für den Moment gesehen, wird zögerliche Nachdenklichkeit für Journalisten zur Not. Dabei ist es eine Tugend, die kaum zu überschätzen ist. Denn der jetzt schon vorhandene Vertrauensverlust von Medien hat weitreichende Folgen.

Info

Glaube wenig. Hinterfrage alles. Denke selbst. Wie man Manipulationen durchschaut Albrecht Müller Westend 2019, 144 S., 14 €

Sabotierte Wirklichkeit oder: Wenn Journalismus zur Glaubenslehre wird Marcus B. Klöckner Westend 2019, 240 S., 19 €

Die Machtelite C. Wright Mills Björn Wendt/Michael Walter/Marcus B. Klöckner (Hg.), Westend 2019, 576 S., 29,99 €

06:00 04.03.2020

Ausgabe 13/2020

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