Prophet

Verkündigung Seltene Begegnung mit Fred Düren, früher Schauspieler, heute Religionslehrer

Am 9. November, auf dem Weg ins Theater 89 zu einem Abend mit dem Schauspieler Fred Düren. Am 9. November vor 15 Jahren bin ich hier an der Kreuzung Chausseestraße/Hannoversche zum Grenzübergang gelaufen und übergelaufen. Jetzt biege ich in die Torstraße ein, ehemals Wilhelm Pieck Straße. Eine Dame fragt mich, wo das kleine Theater sei. Ich zeige es ihr. "Ich bin auch Schauspielerin", sagt sie. Sie finde es jetzt viel wichtiger, das Evangelium zu verkünden als Theater zu spielen: "Denn nur wenn Gott wieder seine Hand über dieses Land hält, kann es besser werden".

Ein Abend mit "biblisch-talmudisch-literarischen, auch eigenen Texten", dort, wo ich immer meinen Fluchtpunkt heller Aufklärung fand. Wird Fred Düren, seit 1988 in Israel lebend, der Versöhnung der Religionen dienend, am Gedenktag unseres Durchbruchs durch die Mauer das Evangelium verkünden? Er begrüßt alle freundlich und will einfach etwas vorlesen, Gleichnisse, weil ihn Freunde darum gebeten haben. Er liest Tucholsky, der hat mit dem Evangelium wenig zu tun, Ratschläge für einen schlechten Redner: "Wenn einer spricht, müssen die anderen zuhören - das ist deine Gelegenheit. Missbrauche sie!" Aber da sitzen seine Freunde, manche sind erfahrene Künstler. Lachen sie, um dem Freund eine Freude zu machen oder weil sie alles sofort auf ihn beziehen? Es kommt bald eine Artigkeit des Zuhörens auf wie in einer Sonntagsschule.

Dürens Stimme ist gealtert, aber sie hat ihr Format nicht verloren. Der Hintersinn, die explodierende Artikulation, die Teilung der Worte in ihre Bestandteile, bis sie durchsichtig werden, der Übergang zum Singsang, das alles ist immer noch Vergnügen für die Hörer. Es war diese Stimme, die uns einst zu höchstem Genuss am Theater hinauf trug. Düren als Trygaios vor vierzig Jahren im Frieden von Peter Hacks Aristophanes-Version, der listige Mensch besiegt um seiner Lust willen den Kriegsgott: "Wenn ich deinen Honighintern erst in meinen Händen halte". Düren als Ödipus-Tyrann, welch aufrichtiger Jammer, weil er der Polis, seiner Gemeinde, nicht gerecht werden kann. Düren als Faust in der epochalen Inszenierung von Dresen und Heinz: "Weh! steck ich in dem Kerker noch?". Er sprach damals auf leerer Bühne, und ich sah die Welt. Jetzt spricht er, und ich sehe zu wenig Welt. Er trägt ein Bekenntnis zur "fortwährenden Wirksamkeit Gottes ... in den höheren Naturen" vor. Wir sollen den Autor erraten. Es ist Goethe, 1832 zu Eckermann.

Das Gleichnis von dem Mann auf der Insel, der in seinem reichen, königlichen Jahr nichts tut, als dass er vorsorgt für die Zeit, da er entthront und ausgesetzt wird, gefällt mir nicht. Aber die Ballade vom Jona, der nicht nach Ninive will, die gefällt mir sehr. Es ist das Beste an diesem Abend, und natürlich ist Düren selber dieser Jona, der nicht für Gott nach Ninive wollte, der nicht einer Sache dienen wollte. Und dann musste er doch nach Israel und einer Sache dienen. Das versteht man, wenn es so fröhlich und ironisch klingt. Die Demut, das Wissen von unserer Nacktheit im Tode, das Wunder der Menschenliebe, der Gnade und der Vergebung, die Freude am Geschenk des Lebens, was da aus den Texten der Bibel über uns kommt, dem will ich gerne folgen. Die großen Gleichnisse tragen die Dichter für uns weiter, so verlieren wir sie nicht. Die Stimme des Schauspielers Fred Düren steigt bei der Geschichte vom Jona wieder in den schönen Singsang.

Aber dann soll ich auf einen wirklich und wahrhaftig eingreifenden Gott vertrauen und auf einen Messias meine Hoffnungen bauen und mich in einen göttlichen Ratschluss fügen? Da möchte ich lieber an meiner"reinen, von Vorurteilen freien Liebe", die ich "ererbt von meinen Vätern hab", festhalten. So entferne ich mich von dem alten Schauspieler, der einst Helligkeit in meinen Kopf und mein Herz getragen hat, und jetzt im frommen Rock geht und mich nicht richtig erreicht. Ein Prophet ? Nein, ein alter Spielmann, der unsere Liebe wieder finden möchte in seiner neuen Rolle. Wir sollen durch ihn Gott erkennen? Wir erkennen ihn, den anderen Fred Düren. Wir und er sind endlich und eitel, wie er selber aus der Bibel vorliest.

Man sagt, Fred Düren sei immer listig gewesen. Sein Programm, wenn es überhaupt gebaut war, war so gebaut, dass es den Widerspruch in sich versteckte. Warum sonst Tucholsky? Am Ende liest er eine Geschichte von Georg Hermann vor, in der ein Kind um alle versprochenen Freuden betrogen wird. Sollte das heißen, wir und er sind um eine Freude betrogen? Hat er deshalb den letzten Satz so verschluckt, als der Onkel das Kind nicht einmal für einen Groschen durch den Guckkasten die Welt sehen lässt? "Is´ mir zu teuer."


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00:00 19.11.2004

Ausgabe 39/2020

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