Protest als Mittelschichtprojekt

Teilhabe Wolfgang Kraushaar zeigt in „Der Aufstand der Ausgebildeten“, dass neue soziale Bewegungen aus Abstiegsangst und Perspektivlosigkeit entstehen

Früher, da war das Demonstrieren noch gemütlich. Die Gefahr existierte zwar, aber sie war abstrakt. Gut möglich, dass damals, in den achtziger Jahren, die Welt inmitten all der Pershings und SS 20 im atomaren Feuer verglühen könnte, aber sicher war es nicht. Ein wenig konnte man noch vertrauen auf die Einsicht derer, die in Ost und West an den Schaltknöpfen der Höllenwaffen saßen, und wirklich, am Ende ging es noch mal gut. Die Raketen blieben am Boden, die Atomköpfe zündeten nicht, und alle kamen noch mal davon.

Heute ist das Demonstrieren weniger idyllisch, denn die Gefahr ist konkreter. Wer auf die Straße geht, kennt sie, entweder selbst oder vom Hörensagen. Die Gefahr heißt „sozialer Abstieg“. Oder sie besteht darin, gar nicht erst so hoch zu kommen, dass man fallen kann. Dann heißt sie „Perspektivlosigkeit“. Diese, erklärt der Hamburger Protestforscher Wolfgang Kraushaar in seinem Buch über den Aufstand der Ausgebildeten, prägt das zentrale Anliegen der derzeitigen Aufstände. Denn rund um den Globus verfolgen die, die sich ihm anschließen, vor allem eines: „materielle Interessen“.

Dazu haben sie allen Anlass. Kraushaar unternimmt einen Rundgang durch die verschiedenen Orte des Protests und schaut zunächst auf den Geburtsort des neuen Einspruchs, die arabische Welt. Und von dort nach Peking, Santiago de Chile, Tel Aviv, New York und die europäischen Zentren des Widerspruchs: Madrid, Lissabon, Frankfurt. London lässt er aus, denn dort habe der Protest die Form klassischer „riots“ angenommen; ebenso Athen, wo eine extreme Ausnahmesituation Rückschlüsse nur bedingt zulässt. Überall sonst kann man aber feststellen, dass es vor allem gut ausgebildete Menschen sind, die auf die Straße gehen, Menschen, deren Problem es ist, dass ihre Ausbildung nicht dahin mündet, wohin sie lange Zeit führte: in eine befriedigende, angemessen bezahlte Arbeit.

Und das heißt auch: Die aktuelle Protestbewegung ist zu großen Teilen ein Mittelschichtprojekt. In den arabischen Ländern etwa, wo die meist ohnehin hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen und insbesondere unter Akademikern noch einmal in die Höhe springt. So haben in Marokko etwa 20 Prozent der Hochschulabsolventen keine Arbeit; in Ägypten verfügt ein Drittel der 15- bis 29-Jährigen zwar über ein Fachabitur, doch zugleich bildet dieses Drittel die Hälfte der Arbeitslosen dieser Altersgruppe.

Knallharte Auslese

Dramatisch sieht es auch in China aus: Dort wurden etwa von den 4,15 Millionen Hochschulabsolventen des Jahres 2008 nur 1,66 Millionen vom Arbeitsmarkt aufgenommen. Der große Rest bildet „Ameisenstämme“. Heerscharen von Akademikern leben am Rande der Städte: ohne Arbeit, mit einem Durchschnittseinkommen von umgerechnet rund 220 Dollar. Allein in Peking und Shanghai fristen auf diese Weise jeweils gut 150 000 Menschen ihr Dasein. In Chile hingegen protestieren die Menschen gegen die ungleichen Bildungschancen: Nur 25 Prozent der Bildungskosten werden dort noch vom Staat übernommen. Studiengebühren von mehreren tausend Euro pro Jahr treffen eine knallharte Auslese scharf entlang der sozialen Bruchlinien. In Israel gehen die Menschen gegen kaum mehr bezahlbare Mieten und den fast völligen Stillstand des sozialen Wohnungsbaus auf die Straße. Das Geld, das in früheren Zeiten für sie verwendet wurde, wandert nun in die Siedlungen im besetzten Westjordanland. Auch in Europa haben junge Menschen Anlass zu protestieren: In Portugal leiden sie unter einer Arbeitslosenquote von mehr als 13 Prozent, während in Spanien gar 48 Prozent der unter 25-Jährigen keine Arbeit haben.

Wenn es den Demonstranten sämtlicher Länder auch um Reformen, allen voran des Finanzsystems geht, so wäre es doch, schreibt Kraushaar, „ein Missverständnis, diese Zielsetzung als irgendeine Form von Idealismus zu begreifen“. Der Protest ist konkret: Es geht um Chancen und Teilhabe.

Aus all dem erklärt sich auch, warum in Deutschland die ganz großen Proteste bislang ausblieben. Die Arbeitslosenzahlen sind – wie die wirtschaftliche Lage überhaupt – bei Weitem (noch) nicht so desaströs wie in den anderen Ländern. Während in Frankreich gut 24 Prozent der unter 25-Jährigen ohne Arbeit sind, und in Italien und Portugal rund 30, sind in Deutschland mit 8,5 Prozent vergleichsweise wenige Menschen betroffen. Entsprechend hilflos sind auch die Forderungen der Demonstranten, schreibt Kraushaar: „Occupy Deutsche Bank“ oder „Occupy Frankfurt“ – solche Slogans klängen ebenso hilf- wie einfallslos. Und dass die Demonstranten in Frankfurt ihr Lager ausgerechnet vor der EZB aufgeschlagen haben, der man ja manches vorwerfen kann, nur nicht, gegen das Gemeinwohl zu spekulieren – diese Ortswahl wirft ein merkwürdiges Licht auf die Weltsicht derer, die da demonstrieren. Bislang, beobachtet Kraushaar, hat der Protest sich erst einmal artikuliert. Nun, zitiert er am Schluss seines klugen Buches einen Aktivisten der ersten Stunde, braucht es nur noch „ein politisches Programm mit kristallklaren Forderungen“.

Der Aufstand der Ausgebildeten. Vom arabischen Frühling zur Occupy-BewegungWolfgang Kraushaar Hamburger Edition, 2012, 253 S., 12

Kersten Knipp schreibt regelmäßig über die arabische Welt

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11:35 07.05.2012

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