Putins Jünger

Stoßtrupp und Kaderreserve Bei der "Naschi-Jugend" erinnert manches, aber nicht alles an den Komsomol von einst

Putin-Jugend? Nein, diesen Begriff mag Nikita Borowikow gar nicht, obwohl die von ihm geführte Organisation vom Kreml gegründet wurde und dafür kämpft, dass am 2. Dezember die Partei Einiges Russland triumphiert und Wladimir Putin als Ministerpräsident die Russische Föderation regiert. Schließlich sei das ein Politiker, dem das Volk vertrauen könne. Aber "Putin-Jugend", nein, das sagten nur Gegner. "Wer uns mag, nennt uns Naschis - wir sind patriotisch gesinnte Jugendliche."

Naschi klingt unverfänglich, und das gefällt Borowikow, der Jura studiert, so eloquent wie zugewandt erzählt und weiß, wie vorsichtig Begriffe zu gebrauchen sind. Naschi - "die Unsrigen" - das ist der Schlachtruf, mit dem russische Fußballfans ihre Nationalmannschaft anfeuern. Dieser Jugendverband will ein anderes, ein stärkeres und selbstbewussteres Russland als den heute von der Nationalelf vertretenen Staat. "Das Parteiensystem vertritt jedenfalls nicht die Interessen des russischen Volkes."

Demokraten hält Nikita Borowikow eher für destruktiv. Dazu zählt er den Republikaner Wladimir Ryschkow, den früheren Schachweltmeister Garri Kasparow und den 2004 von Wladimir Putin als Premierminister entlassenen Michail Kasjanow. "Die treten gegen die nationalen Interessen auf und wollen den Staat zerstören", meint er und warnt, wer Russland aufhalte, zur globalen Macht aufzusteigen, fordere Naschi heraus. Als konstruktiv rühmt er hingegen den exaltierten und um chauvinistische Sprüche nicht verlegenen Liberaldemokraten Wladimir Schirinowski. Öffentlich polemisiere der zwar gegen den Kreml, in der Duma aber votiere seine Fraktion stets mit der Präsidenten-Partei.

Was Naschi antreibt, ist die Angst, das Ausland könne die Wahlen manipulieren und mit der Macht des Geldes eine Revolution wie in der Ukraine auslösen. Auch um dies zu verhindern, gründete der Kreml bereits 2001 eine erste Jugendorganisation, später eine zweite - doch erst Naschi laufen die Mitglieder zu. Von Wladislaw Surkow, einem der Berater des Präsidenten, wurde die Bewegung vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Sie soll bereits 65.000 Unterstützer und 10.000 "Kommissare" haben. Der erste Naschi-Chef, Wassili Jakemenko, sitzt seit kurzem in der Regierung und kümmert sich um Jugendfragen.

An ihrem Patriotismus feilen die Naschis in Schulungs- und Trainingslagern. So trafen sich im Sommer gut 10.000 Jugendliche zwischen 18 und 22 in einem Camp nordöstlich von Moskau. Dort ging es fast so zu wie bei Attac: Junge Leute mit bunten Shirts und krausen Frisuren, die sich schulen ließen, zur Musik von Boney M. tanzten oder die Flamme am Mahnmal für den Unbekannten Soldaten bewachten.

Erfolgreich sind "die Unsrigen" auch, weil sie Sozialarbeit nicht scheuen, Blut spenden, Kinderheime renovieren - von Attacken auf Ausländer und Oppositionspolitiker redet Nikita Borowikow dagegen nicht. "Naschi rüttelt die Jugendlichen wach und zeigt, dass die Bürgergesellschaft erwacht", sagt Kremlsprecher Dimitri Peskow.

Naschi ist mächtig; und stolz schwenken ihre Mitglieder bei Aufmärschen die roten Fahnen mit dem weißen Kreuz. In Manifesten fordern sie eine "Revolution im Denken und Regieren", damit Russland als Weltmacht so ernst genommen werde wie einst die Sowjetunion. "Wir rütteln aber nicht an den Grenzen von 1945", beschwichtigt Borowikow und meint, die Ukraine und Belarus seien mit Russland ohnehin enger verwandt als mit Europa.

"Kommt uns doch an der estnischen Botschaft besuchen", sagt ein Naschi-Mädchen, die einen Strickpulli und wilde Strähnen trägt. Man wolle dort gegen die Regierung in Tallinn protestieren, die ein Denkmal zur Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg nicht mit der nötigen Ehrfurcht behandle. So etwas dürfe man nicht hinnehmen als eine antifaschistische Organisation.

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