Raufasertapete

A–Z Während sich draußen der Kampf um Mieten zuspitzt, tobt drinnen ein Kulturstreit: Kann man noch mit einer „Erfurt“ leben? Ein Lexikon von Alltagsanthropologe Hannes Klug
Hannes Klug | Ausgabe 18/2015 2

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Architektur Funktionalität und Wirtschaftlichkeit waren das Credo der Bauhaus-Bewegung in den 20er Jahren. Neue Klarheit und Strenge sollten her, geschult an den Zweckformen von Technik und Industrie. Schluss mit Ottomane, Perserteppich und kaukasischem Dolch, mit der „seelenlosen Üppigkeit des Mobiliars“, wie sie Walter Benjamin dem ausgehenden 19. Jahrhundert beschied, „mit seinen riesigen, von Schnitzereien überquollenen Büffets, den sonnenlosen Ecken, wo die Palme steht, dem Erker, den die Balustrade verschanzt und den langen Korridoren mit der singenden Gasflamme“. An den Wänden prangten schwere Tapeten mit exotischen Mustern, Landschaftspanoramen und, mit Heraufkunft des Jugendstils, Blättern, Blüten und Ranken. Art déco brachte dann Geometrie und Abstraktion ins Spiel, eine neue Sachlichkeit, die der Raufaser das Feld öffnete. Die Schocktherapie kam für das Bürgertum mit dem ersten Raum ganz in Weiß, den der Bauhaus-Architekt Le Corbusier 1929 präsentierte. Eintontapeten, unifarbene Wände, puristisch bis in die Poren – was für eine Befreiung!

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Do it yourself Die Raufaser ist bis heute der Deutschen liebste Wandbekleidung, aber sie gilt auch als die graue Maus unter den Tapeten. Selbst die europäische DIN-Norm sagt, sie sei „unfertig“. Lange wurde ihr Status als Tapete höchst offiziell bestritten, ja, sie wurde in der Branche sogar als „Halbprodukt“ diffamiert. Ihr weltweit größter Produzent, die Papierfirma Erfurt & Sohn in Wuppertal (➝ Erfinder) stellte außerdem noch ein zweites, nicht minder markantes Produkt her: die schwarz-weiß marmorierten Papiere, mit denen die Firma Leitz ihre Aktenordner beklebte.

Dann kam das Jahr 1969. Zum wichtigsten Verbündeten der Raufaser wurde der Heimwerker, neudeutsch auch Do-it-Yourselfer oder DIY genannt. Dessen angestammte Jagdgründe sind die Baumärkte, die plötzlich überall dort entstanden, wo vorher nichts war, am Rande der Städte, auf Gewerbebrachen. Die Firma Erfurt beschloss, die Raufaser direkt an diese neuen Märkte und damit unmittelbar an die Verbraucher zu liefern. Das Produkt war billig, praktisch und wohngesund, wie es so schön hieß. 1970 fand als PR-Maßnahme die erste deutsche Tapeziermeisterschaft statt. Bei einer Tombola gab es etwa einen Gefrierautomat Novofrost GT 3000, 20 Nordmende-Transistorgeräte, zehn Klappräder, 20 Kodak-Instamatic-Fotoapparate und 25 Philips-Filterkaffee-Automaten zu gewinnen.

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Erfinder „Was verdankt die Welt nicht alles den Deutschen!“, rief Prinz Asfa-Wossen Asserate einmal begeistert aus. Zu den „deutschen Tugenden“ (nun ja) zählt er in seinem gleichnamigen Buch auch den Erfindergeist. Neben dem Büstenhalter, dem Panzer und dem Kühlschrank hat die Welt ihm auch die Raufasertapete zu verdanken: Hugo Erfurt, eigentlich Apotheker, experimentierte 1864 mit Papier und Holzspänen, auf der Suche nach einer neuartigen, strukturierten Dekoration für Schaufenster. Heute besteht die Tapete aus Altpapier und den Schnipseln einheimischer Fichten. Alles wird eingeweicht (➝ Wupper), das Ergebnis ist ein grauer, warmer Brei. Wenn man im Vorbeigehen hineingreift, quillt einem eine schleimige Brühe durch die Finger. Dann ab damit in die Maschine, dahinten in das dunkle Loch, Fotografieren streng verboten. Denn, wie Marketingleiter Ulrich Türk sagt: „Wettbewerber könnten dies nachbilden.“ Kam alles schon vor, es gab tatsächlich diverse Plagiatsverfahren. Die Holzbrösel werden zwischen drei Lagen Papier eingepresst. Ist die Körnung gleichmäßig? Deckend? Keine Batzen? Es dauert, bis die Restfeuchtigkeit entwichen ist. Wie ein guter Käse braucht die Raufaser eine Reifezeit von mehreren Wochen.

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Geschmack Im Norden und Westen der Republik ist die Raufasertapete am beliebtesten, während sie im Süden mit Putzstrukturen konkurriert, sozusagen Kopf an Kopf liegt. Auch Polen, Franzosen und Engländer kleben fleißig Raufaser an ihre Wände. Im Song Disco 2000 besingt die englische Band Pulp das kleinbürgerliche Zuhause einer gewissen Deborah: „Your house was very small, with woodchip (Raufaser) on the wall, when I came around to call, you didn’t notice me at all.“ Enge, Spießigkeit, Vergeblichkeit – und eben Raufaser: Kann Jugend trostloser klingen? (➝ Zeitgeist)

Die Installation Totes Haus u r, die der Künstler Gregor Schneider 2001 bei der Biennale in Venedig im Deutschen Pavillon präsentierte, zeigt das Innere seines Elternhauses in Mönchengladbach-Rheydt: deutsches Wohnen zur unheimlichen Raumskulptur umgebildet. Und natürlich durfte die Raufaser auch hier nicht fehlen. Nur die Russen, obschon begeisterte Heimwerker (➝ Do it yourself), mochten sich mit der groben Körnung deutscher Wandbeläge erst nicht so recht abfinden. Extra für sie hat die Erfinderfirma Erfurt neben sieben Tapetentypen mit Namen wie Romantic, Classico oder Avantgarde das Modell Sprint entwickelt. Es zeichne sich durch besonders feine Körnung aus, heißt es.

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H, stummes Das verlorene H fehlt der Rau(h)fasertapete sehr. Es gehört nun mal zu einer vergangenen Zeit. Das H erzählte vom Atemholen, von einer gewissen Erleichterung, mit der die Sorgen und die Hektik der Welt draußen von den Nachhausegekommenen abfielen, vom Ausziehen der Schuhe, vom kurzen Schließen der Augen, vom wohligen Abstand zwischen Ich und Welt. Das H war ein Puffer, ein Stoßdämpfer – wie die Tapete selbst, ein Stück Trost, ein Buchstabenkissen. Und heute? Ohne das milde, das verständnisvolle, nachsichtige H kann man die Tapete doch gleich ganz abkratzen! Dann starrt man halt die bloße Wand an, mit all ihren Rissen, Dellen und scharfkantigen Unebenheiten (➝ Zeitgeist). Endlich sieht man die Welt, wie sie ist: grausam und herzlos, ohne Kosmetik und tapetenen Schleier, und davor die eigene, wurmgleiche Existenz, die kalte, nackte Wahrheit.

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Krieg „Im Ersten Weltkrieg sinkt die Tapetenproduktion drastisch ab“, heißt es 2014 in einem Text zum Thema „125 Jahre VDT“ in der Zeitschrift Das Objekt. Der VDT ist der Verband der Deutschen Tapetenindustrie. „Im Zweiten Weltkrieg wird die Tapete erneut als nicht kriegswichtig eingestuft“, steht da mit gekränktem Unterton. Doch die Alliierten haben die Produktionsstätten in Wuppertal (➝ Wupper) bombardiert, weil sie sie für eine Waffenfabrik hielten. Heute ist im VDT kein Raufaserproduzent mehr vertreten. Erfurt & Sohn trat unter Protest aus, nachdem andere Hersteller Preisabsprachen getroffen hatten, die vom Bundeskartellamt 2014 mit Geldbußen bestraft wurden. Schon 1969 gab es Zores um den VDT. Der bot mit dem pseudowissenschaftlichen „Schöneberger Institut für programmierte Instruktion“ Fortbildungen zum „Wohnberater“ an. Die Verkäuferschulung erklärte, wie man es verhindert, dass der Kunde die „individuelle Tapete ablehnt“ und sich stattdessen für die schlichte Raufaser entscheidet. „Unlauterer Wettbewerb“, befand das Landgericht Hamburg.

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Ost-West-Konkurrenz „Und wat wollt ihr mir an die Wand klatschen, hä? Aber nischt Modernes, det sage ich euch gleich!“ So giftet die alte Ostberlinerin im Kinofilm Meier, einer Ost-West-Tapetenkomödie von Peter Timm von 1985. Zum Glück hat die Malerbrigade geschmuggelte Raufaser aus dem Westen dabei! In der DDR war sie begehrte Mangelware. Eine Zeit lang gab es sie in Intershops, bis sie mit einem Importstopp belegt wurde, weil die DDR-Tapetenfabrik Coswig mit der eigenen Raufaserproduktion begonnen hatte. Wobei die Holzschnipsel von der Ostversion angeblich nur so herunterrieselten. Das kann auch böswillige West-Propaganda gewesen sein. An einem Aktionstag der Westfirma mit dem Ostnamen – Erfurt – in Thüringen im Jahr 1990 reihten sich die Käuferschlangen jedenfalls bis zu hundert Metern auf.

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Surrogat Die Velourstapete war die Vorgängerin der Raufaser. Sie fühlte sich flauschig an, war aber verhältnismäßig teuer. Kleine Wollfäden wurden auf Papier aufgestäubt, was dem Material eine samtige Oberfläche verlieh. Ein kostengünstiges Ersatzprodukt zu entwickeln, war das Ziel. Die Wollfasern wurden im späten 19. Jahrhundert durch gemahlenes Holz ersetzt, woraus später das Raufaserprinzip entstand (➝ Erfinder). Die Raufasertapete entstammt also demselben Surrogatgeist wie etwa der Malzkaffee oder die Glasperle. In der Phase des Wiederaufbaus der 50er Jahre hatten die Mieter genug von vorgegebenen Mustern, die Bauherren begannen, Raufaser zu verwenden, die selbst gestaltet werden konnte (➝ Do it yourself), durch einfaches Überstreichen im gewünschten Ton.

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Wupper Die Fabrikanlage von Erfurt & Sohn liegt links und rechts der Wupper. Beide Seiten sind durch fünf Brücken verbunden, das Verwaltungsgebäude zieht sich 400 Meter am Fluss entlang, die Gänge wirken wie ein kolossales Spiegelkabinett. Gegründet wurde das Unternehmen 1827 als Papiermühle, die Grundmauern aus alten Fluss- und Feldsteinen bestehen noch heute. Im großen Konferenzraum hängt eine Galerie der sieben Unternehmergenerationen in Öl – natürlich vor Raufaser. Eine Frau ist auch dabei: Frau Johann Gottfried Heinrich Erfurt, geborene Auguste Clementine Braselmann, leitete die Firma nach dem Tod ihres Mannes von 1856 bis 1871.

Papierherstellung braucht viel Wasser und ist energieintensiv. Die Firma betreibt daher ein eigenes Blockheizkraftwerk. Die Produktionshallen durchziehen silbergraue Röhren, Kessel und Walzen, es dröhnt und pocht und riecht süßlich. Die Arbeiter tragen gelbe Ohrstöpsel. Der Staplerfahrer brüllt „Mahlzeit“, wenn er vorbeisaust. Als es an der Wupper noch Textilindustrie gab, die Färbemittel ungebremst in den Fluss leitete, bekam die Tapete je nachdem mal einen Gelb-, Grün- oder Lilastich. Das ist vorbei.

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Zeitgeist Ihr größtes Imageproblem hat die Raufasertapete bei jungen Erwachsenen, in der Altersgruppe von 26 bis 35. Das hat die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt. 18 Prozent jener Gruppe empfinden die Raufaser demnach als „altmodisch“, allgemein sehen das nur 13 Prozent der Verbraucher so. Für manchen steckt in der Raufaser der Muff von zwar nicht 1.000, aber doch von 100 Jahren. Sie gilt als Verwandte von verschalten Heizkörpern und abgehängten Decken. Nur sechs Prozent der Befragten aller Altersgruppen sagten, die Raufaser liege „im Trend“. Weitere sechs Prozent finden sie „modern“, 76 Prozent halten sie wenigstens für „zeitlos“.

Der natürliche Feind der Raufasertapete ist heute der Hipster, der ihr mit Spachtel und Tapetenigel zu Leibe rückt. Wer sich als Mieter Rohputz oder gespachtelte Wände wünscht, muss dafür oft draufzahlen. Ein spezifisches Westberliner Phänomen des späten 20. Jahrhunderts war die schwarz gestrichene Raufasertapete. Nach der Wende brach sich die sogenannte Wischtechnik Bahn, bei der mehrere Farben mit einem Schwamm aufgetragen wurden. Sollte jenes ehrgeizige Renoviervorhaben scheitern, gibt es Rat in Onlineforen: „Wenn es schiefgeht, kannst du immer noch Raufaser kleben.“

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06:00 13.05.2015

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