Rechte Hetze – nur für Klicks?

Hassrede Die Politologin Natascha Strobl bekommt Drohungen, seit der „Welt“-Blogger „Don Alphonso“ sie diffamierte. Der Fall zeigt, wie rechte Hass-Kampagnen im Netz funktionieren
Rechte Hetze – nur für Klicks?
Hinter dem Ruf nach Aufklärung verschanzt sich die heiße Luft

Foto: Christian Spicker/Imago Images

Mit rechten Shitstorms kennt sich Natascha Strobl wahrlich aus. Was der Wiener Rechtsextremismus-Expertin jetzt aber widerfährt, ist eine handfeste Hetz-Kampagne mit neuer Qualität. Seit Tagen wird Strobl, die auf Twitter mit ihren messerscharfen Analysen zu völkischen Wiederbelebungsphantasien, rechtem Agenda Setting, neurechten Zirkeln und Identitären fast 100.000 Follower:innen erreicht, mit Hass der rechten Fans und Follower:innen eines Bloggers der Welt überzogen.

Unzählige Drohungen gegen sie selbst und ihre Familie erhält Strobl, nachdem sich Rainer Meyer unter seinem Alias Don Alphonso in einem Blogbeitrag genauso diffamierend wie erschöpfend mit ihrer Personalie beschäftigt hat. „Solche Empörungen sind dazu da, um Personen zu markieren, die sind dann quasi für den Abschuss freigegeben“, analysiert Strobl die Methode in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau. Der aktuelle Fall ist kein Ausrutscher einer provokativen Kunstfigur, eher Prinzip. Der Soziologe Andreas Kemper, der auch schon von Meyer online angegriffen wurde, schreibt auf Twitter: „Don Alphonsos Funktion ist es, Namen zu nennen, die dann von Rechtsextremen bedroht werden. Die Inhalte sind egal.“

Auch im Fall Strobl befeuert Meyer wieder einmal den Schulterschluss zwischen konservativen und extrem rechten Akteur:innen. Nicht ausdrücklich, aber im Wissen, dass seine Beiträge von reaktionären und rechtspopulistischen Accounts wie der Werte-Union oder der AfD ebenso geteilt werden wie von Identitären und anderen Akteur:innen der extremen Rechten. Und dass dann oft genug Hetzkampagnen samt Drohungen, Gewaltphantasien und Mordaufrufen gegen jene folgen, die Mayer in seinen Artikeln angreift. Meistens trifft es Frauen, Nicht-Weiße, Linke, Feminist:innen, Antifaschist:innen.

Der Anlass für Meyers Ermittlungen zu Natascha Strobl ist auch fast egal, so egal wie es die Anlässe auch bei anderen rechten Hetz-Kampagnen waren, sei es mit oder ohne Don Alphonsos Zutun – nehmen wir etwa den entfesselten Hass unter dem Hashtag #OmaGate, den kleinere und größere rechte Influencer über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und einzelne Journalist:innen ergossen haben, nachdem der WDR-Kinderchor ein Liedchen satirisch neuinterpretierte und ein wachsweicher Intendant die Hetze noch zu legitimer Kritik adelte. Im Mordfall Walter Lübcke konnten dann alle sehen, wie aus Worten Taten werden: Dessen Statement zur Willkommenskultur wurde von bedeutenden rechten Twitter-Accounts – darunter jener der Vorsitzenden der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung Erika Steinbach – immer wieder aufs Neue in Umlauf gebracht. Das extrem rechte Kampagnen-Script kommt erst dann richtig in Fahrt, wenn Akteur:innen, die noch zur gesellschaftlichen Mitte zählen, es schweigend abnicken oder sogar mitmischen. Nur so kann sich die extrem rechte Trollarmee als Online-Vollstrecker eines imaginierten Volkswillens wähnen.

Die Debatte ist längst ins Niederträchtige gekippt

Jetzt also #PanoramaGate. Das ARD-Magazin hatte die Expertin Strobl gebeten, den Skandal um einen mutmaßlich rechtsextremen Social Media-Redakteur der Bundeswehr zu kommentieren. Ob seine Likes für identitäre Accounts oder den neurechten Antaios-Verlag sowie seine Verbindungen in jenes Milieu problematisch seien, hatte man Strobl gefragt, die das Offenkundige antwortete: Für einen Mitarbeiter der Bundeswehr sei das ein Skandal.

Ihre Analyse hält Autor Meyer in seinem Blogeintrag für aufgeblasen – die bereits gründlich recherchierten Verbindungen des Bundeswehroffiziers ins extrem rechte Milieu wischt er mit dem verharmlosenden Halbsatz „drei Likes bei einem mit den Thesen der Identitären sympathisierenden, flüchtigen Bekannten“ vom Tisch –, stattdessen knöpft er sich die Expertin Strobl vor. Meyer hat ein bisschen das Internet durchsucht und will Strobl eine Nähe zum sogenannten Linksextremismus attestieren. Die Verdachtsmomente halten ordentlichen Faktenchecks dann allerdings doch nicht stand – bei der Antifa in Kiel hat Strobl jedenfalls keinen Vortrag gehalten. Wäre Meyer der Journalist, für den er sich ausgibt, hätte er sich lieber an die Recherchestandards halten sollen, die er der Panorama-Redaktion wiederum wortreich abzusprechen versucht.

Von Richtigstellungen fühlen sich die Hetzer:innen in digitalen Hass-Kampagnen ohnehin nicht ausgebremst. Das wischiwaschi-liberale Diktum des Mit-Rechten-Redens entpuppt sich abermals als naiv. Auch die Debatte unter #PanoramaGate umgeht den argumentativen Schlagabtausch und ist längst ins Niederträchtige gekippt. „Sie haben jetzt die Gedenkseite meines Vaters entdeckt und hinterlassen dort Kommentare, die für alle seine Freund:innen, die Kinder, die Geschwister und die ganze Familie ersichtlich sind“, teilt Strobl auf Twitter mit.

Für die Politikwissenschaftlerin ist ihr eigener Fall ein Lehrstück: über Diskurszerstörung, wie sie es nennt. Das Problem mit Rechtsextremen in der Bundeswehr wird nicht diskutiert, dafür aber Strobls antifaschistische Haltung. Ihre Verbindungen in die linke Szene gelten als mindestens genauso schlimm wie wenn ein Bundeswehroffizier dem menschenverachtenden Weltbild der Identitären anhängt. Auf solche Ideen können nur Fans der allzu populären Hufeisentheorie kommen, die Rechts- und Linksextremismus fahrlässig für wesensgleich halten, rechte Gewalt kleinreden und Antifaschist:innen aus dem Diskurs auszuschließen versuchen.

Fans der Hufeisentheorie

Zahlreiche Betroffene haben sich in den vergangenen Tagen wieder zu Wort gemeldet, viele versuchen schon seit mehr als einem Jahrzehnt auf Meyers Methoden hinzuweisen. Immer wieder Frauen. Anne Wizorek zum Beispiel, die mit ihm laut eigenem Bekunden schon seit 2007 zu tun hat: „Die heftigsten Androhungen sexualisierter Gewalt bekam ich immer, nachdem er über mich geschrieben hatte“, twittert die Feministin. Wie rechte Ideologien mit Frauenfeindlichkeit, Antifeminismus und toxischer Männlichkeit eng verwoben sind – auch dafür liefern die von Meyer motivierten Hetzjagden massenhaft Belege. Die Kolumnistin Sibel Schick erinnert sich jetzt auf Twitter: „Niemals vergessen, dass bei mir die ersten Mord- und Vergewaltigungsdrohungen nach dem Text von Don Alphonso über mich reinströmten.“ Mehrfach sei Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt auf das Gebaren seines Kolumnisten angesprochen worden – jedes Mal habe er es ignoriert.

Es ist so ätzend wie banal: Der Schulterschluss, den Meyer befeuert, generiert auch Klicks für Springer. Hass und Hetze sind vielleicht nicht Teil des Geschäftsmodells, aber sie werden billigend in Kauf genommen.

Eva Berendsen ist Politikwissenschaftlerin und leitet die Kommunikation der Bildungsstätte Anne Frank. Sie ist unter anderem Mitherausgeberin von: Eva Berendsen, Katharina Rhein und Tom David Uhlig (Hg.) Extrem unbrauchbar. Über Gleichsetzungen von links und rechts

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06:00 06.08.2020
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