Georg Seeßlen
Ausgabe 2214 | 02.06.2014 | 06:00 29

Rechter Terror, Tiefer Staat

NSU-Skandal Stefan Aust und Dirk Laabs haben eine 800 Seiten starke Chronik des Versagens vorgelegt

Wäre dies ein Kriminalroman, sagen wir von einem deutschen Leonardo Sciascia, man würde ihn wohl dafür kritisieren, zu dick aufgetragen zu haben. Ein „Tiefer Staat“, in dem Ex-Nazis ausgerechnet im Verfassungsschutz eine Organisation innerhalb der Organisation errichten können. Eine untergehende DDR, in der möglicherweise von der Staatssicherheit die wachsende Bewegung der Nazi-Skins als „stille Reserve“ gegen Bürgerrechtler und Linke benutzt wurde. Eine „Wiedervereinigung“, in der ein ökonomisches und soziales Vakuum entstand, das die neuen Nazis leicht füllen konnten, in dem genügend Kinder aus kaputten Verhältnissen und mit krimineller Energie zu Totschlägern und Mördern werden und in dem Stadtteile und Landstriche, die dem neuen Geld nicht dienen, sich selbst überlassen werden. Schließlich ein Bundesamt, das ganz auf das Konzept von „Quellen“ setzt, mit denen es die Szene des rechten Terrors durchsetzen will – um im Gegenzug Geld, Informationen, Logistik in ebenjenes Milieu zu pumpen.

Eine Szene, in der die Existenz von Verrätern, V-Männern und Doppelagenten als nützlich empfunden wird, weil sich jeder vor Strafe schützen kann, indem er sich als „Quelle“ andient. Loyalität ist da eine Verhandlungssache. Dazu kommt eine Politik, die nicht nur auf dem rechten Auge blind ist, sondern nach Kräften die Angst vor „Asylanten“ und „Überfremdung“ schürt. Was Stefan Aust und Dirk Laabs in ihrem Buch Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU schildern, ist auch eine Strategie westdeutscher Behörden, ihre Problemfälle in den Osten abzuschieben.

Man muss sich das vorstellen: Junge Menschen, die ihre Erfahrungen mit einem sogenannten Stasi-Staat hatten, driften in eine Gewalt-Szene, in der noch viel mehr Spitzel unterwegs sind und in der jeder jeden verrät, wenn es dem eigenen Vorteil dient. Polizei, Geheimdienst und Justiz ersticken derweil in gegenseitiger Blockade, Korruption, Ignoranz und Unfähigkeit.

Und dann gibt es ein Trio von Neonazis, eine junge Frau und zwei Männer, die Banken überfallen und eine Serie von Morden begehen, deren neonazistischer Hintergrund nicht zur Kenntnis genommen wird. Und als sie endlich, eher durch Zufall, in der Falle sitzen und die beiden Männer offensichtlich Selbstmord begehen, wird beim Verfassungsschutz von einem gewissen Lothar Lingen (ein Arbeits- und Tarnname) die Vernichtung der entsprechenden Akten und Datenträger veranlasst.

Innerhalb von sieben Monaten werden Hunderte von Akten geschreddert, auch in Landesämtern von Berlin, Niedersachsen, Sachsen und Thüringen. Hinweisen wird nicht nachgegangen, Gewalttäter werden auf freien Fuß gesetzt oder, wenn inhaftiert, mit absurden Privilegien versorgt. Lingen verweigert bislang die entscheidenden Aussagen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss bringt nur die Ungereimtheiten und die Willkür zutage, mit denen vorgegangen wurde. Und der Vorhang senkt sich über den Ermordeten, den Tätern – und dem „Tiefen Staat“, in dem die Macht- und Herrschaftsinstrumente jeglicher demokratischen, staatlichen oder auch nur rationellen Kontrolle entzogen sind.

Wie ein schlechter Krimi

Wie es sich für eine politische Kriminalgeschichte gehört, gibt es auch hier einen aufrechten Polizisten, der den Kampf gegen dieses Geflecht aufnimmt, einen Kampf, den er nicht gewinnen kann. Im Buch wird er „Bulldozer“ genannt, und als Leser stellt man sich einen Lino-Ventura-Typen vor. Aber das ist kein Krimi und kein Film, es ist die Wirklichkeit.

Diese deutsche Wirklichkeit wird von Aust und Laabs auf über 800 Seiten akribisch aufgearbeitet: mit dem vorhandenen Material, mit Interviews, die die Autoren geführt haben, und den Ergebnissen des Untersuchungsausschusses. Dankenswerterweise gibt sich die Darstellung weder mit einem Statement wie „Polizei und Justiz waren auf dem rechten Auge blind“ zufrieden noch damit, die Vorgänge mit Unfähigkeit, Ignoranz oder organisatorischer Groteske verharmlosend zu erklären.

Es ist evident: Eine große Zahl von Menschen, die im rechtsextremen Terrorismus Schlüsselpositionen innehatten (und innehaben) sind Quellen des Verfassungsschutzes – und ihnen wurde von ihren Führungsbeamten alles Entscheidende „erlaubt“: die Beteiligung an Gewalttaten, die Organisation neuer Gruppierungen, die Rekrutierung von Mitgliedern. Das Konzept „Wirkungsschutz vor Quellenschutz“, das vorsieht, die Verhinderung oder Aufklärung einer Straftat vor die Aufrechterhaltung der Tarnung zu stellen, wurde wohl genauso wenig eingehalten wie man auf Quellen verzichtete, die „aus dem Ruder liefen“.

In Heimatschutz geht es auch darum, wie die Szene des rechten Terrors zu einer so massiven Bedrohng werden konnte. Nur einige Aspekte dabei: Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung wurde eine Reihe westdeutscher Nazi-Täter aus dem Gefängnis entlassen. Sie konnten mit der neuen Generation neue Verbindungen gründen. Die Führer des Ku-Klux-Klans, der Blood & Honour-Bewegung und anderer faschistischer Gruppierungen aus den USA und Großbritannien hinterließen bei ihren Besuchen in Deutschland Impulse zum Strategiewechsel. Sie regten ausdrücklich zur Bildung kleiner Terrorgruppen zwischen drei und zehn Mitgliedern an und verbreiteten das Konzept der „leaderless resistance“: „Arische“ Kämpfer sollen demnach nicht mehr auf den „großen Führer“ warten. Es entstand eine Mischung aus Rassist, Mörder und „Outlaw“, ein Typus, der Polizei und Öffentlichkeit entging, weil diese sich den Neonazi noch nach altem Bild vorstellten.

In einschlägigen Klan-Fanzines war die Strategie freilich klar nachzulesen. Da war vom Aufbau von Kleingruppen die Rede, vom „Bunkern“ von Waffen und von der Schaffung „finanzieller Sicherheit“, etwa durch Erpressungen und Überfälle. All das begründete die Form des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ – und schon 1989 verwendet Michael Kühnen diesen Begriff zum ersten Mal in einer Botschaft an seine Anhänger. Rechtsrock-CDs und Fanzines bieten überdies eine sprudelnde Einkommens- und Rekrutierungsquelle für die dritte Generation des neofaschistischen Terrors. Da sind außerdem Gerichte, die im Bemühen, den politischen Charakter und den Organisationsgrad der Nazi- und Skin-Gewalttaten herunterzuspielen, zu milden Urteilen tendieren. Und da sind offenbar auch Querverbindungen zur Polizei, die nur selten an die Öffentlichkeit kommen. Die Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter durch den NSU im April 2007 war nach allem, was man nun wissen kann, wohl keine „Zufallstat“. Man war biografisch und durch das Milieu miteinander verbunden, die Spuren in den braunen Maquis sind auch hier so offensichtlich wie unaufgeklärt. Besonders gravierend erscheint, dass „die Behörden im Osten ein Sammelbecken für westdeutsche Beamte wurden, die in ihrer alten Heimat das eine oder andere dienstliche Problem hatten“, wie Aust und Laabs schreiben.

Dummstellen geht nicht mehr

Als „Heimatschutz“ haben Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos sich selbst und ihre „Kameraden“ begriffen, in einer verqueren Reminiszenz an einen historischen Begriff. Austs und Laab’s Heimatschutz ist vor allem eine Fleißarbeit, die, wie bei diesen Autoren zu erwarten, durchaus populär aufbereitet ist. Das Duo weiß, wie man Spannung aufbaut und die Leser durch einen ungeheuren Berg von Fakten und einen noch größeren von offenen Fragen führt. Immer wieder gibt es Figuren wie den aufrechten Polizisten, die sich als Identifikationsvehikel für die eigene Fassungslosigkeit anbieten, ob der geballten Ladung von Fehlverhalten und Vertuschung.

Zweierlei ist mit diesem Band geglückt: Er gibt einen Einblick in Struktur und Innenleben des rechten Terrors. Und er zeigt eben die Konstruktion und das Wirken des „Tiefen Staats“ auf. Die 800 Seiten sind gebaut aus dem, was wir wissen, und aus dem, was wir nicht wissen. Der Leser erkennt bei der Lektüre genug von dem, was er nicht wissen soll. Und fragt sich unweigerlich: Wem könnte er da noch trauen?

Die Materialfülle, das kritische und selbstkritische Sichten der Fakten und möglichen Erklärungen sichert das Buch gegen den Verdacht, Stoff für Verschwörungsfantasien zu sein. Es präzisiert Fragen – es verbietet, sich weiter unwissend und dumm zu stellen. Es ist, so verstehen es die Autoren ausdrücklich, nicht Abschluss, sondern Beginn einer Aufklärungsarbeit, die bis an die Grundlagen unseres Staates und unserer Gesellschaft reichen muss.

Heimatschutz. Der Staat und die Mordserie des NSU Stefan Aust und Dirk Laabs Pantheon 2014, 864 S., 22,99 €

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/14.

Kommentare (29)

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Ehemaliger Nutzer 02.06.2014 | 10:18

Die 800 Seiten marschieren am Thema vorbei. Sie sind der geschickte Versuch, die These vom rechten NSU Terror aus scheinbar kritischer Position (böser tiefer Staat) neu zu beleben.

Propaganda im Schafspelz. Sachliche Prüfung sieht anders aus. Sie würde zunächst die Fakten der Täterschaft von BMS prüfen. Null Indizien an den Tatorten, Null auf dem Video.

Der rechte Terror ist eine vom Staat finanzierte Veranstaltung, allein in den Thüringer Heimatschutz wurden 1,5 Mio DM bar über V-Leute gepumpt. Den THS hätte es ohne den TVS nie gegeben und die ganze NSU Story auch nicht. Den Skript dazu haben die Dienste geschrieben, eine Mordserie reingepackt und jetzt blamiert man sich vor dem OLG in München, weil überhaupt keine echten Indizien die Anklage stützen.

Und den falschen Ansatz stützt das Buch und gehört damit in die Reihe der anderen Märchenbüher zum NSU.

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Ehemaliger Nutzer 02.06.2014 | 12:45

"Den Skript dazu haben die Dienste geschrieben, eine Mordserie reingepackt und jetzt blamiert man sich vor dem OLG in München..."

Ganz so ist es wohl nicht. So wie der deutsche Staat durch das V-Mann-System rechte Kriminelle pampert und fördert, wird das auch mit der organisierten Kriminalität, linken Krimminellen und anderem Abschaum praktiziert.

Ich werde niemals den Satz eines deutschen Innenministers (vor einigen Jahren im O-Ton und fassungslos gehört) vergessen: "Wir (Deutschland) brauchen einen gewissen Grundstock an Kriminalität, um unsere Arbeit und unsere Personalstärke zu rechtfertigen". Das ist das Denken in den Amtstuben, deshalb wundert mich das Verhalten der deutschen Sicherheitsbehörden zum Thema NSU überhaupt nicht.

Soloto 02.06.2014 | 14:19

und die beiden Männer offensichtlich Selbstmord begehen

Etwas mehr Mühe bei der Recherche bitte! Dann wüssten sie auch, dass Mundlos und Böhnhardt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht Selbstmord begangen haben.

So lag Böhnhardt mit dem Kopf ins Innere des Wohnmobils, ist also entgegen die Schussrichtung gefallen. Und Mundlos soll, nachdem er sich mit einem ein Meter langen Repetiergewehr bereits erschossen hatte, noch die Patronenhülse aus dem selbigen rausgenommen und auf den Boden abgelegt haben. (Quelle)

Nach diesem ersten Dominostein kippen natürlich viele weitere Gewissheiten. Also macht euch mal die Mühe und bleibt wirklich am Ball. Telepolis und andere können das auch.

Sinan A. 02.06.2014 | 14:49

Man sollte die IPs von all diesen Naziverstehern und sonstigen Schwaadlappen speichern und mal grundlich überprüfen. Ich bin überzeugt, da sind einige dabei, die ganz tief in der Szene drinstecken. Und im Internet spielen sie dann den besorgten Bürger und schreiben von "Unschuldsvermutung" und "Schauprozess". So verschlagen und durchtrieben, von dem rechten Gesocks können sogar die Islamisten noch lernen.

apatit 02.06.2014 | 18:37

Der Feind hatte damals und heute Links zu stehen. Wer hat denn die Verfassungsschutzämter im Osten aufgebaut? Kalte Krieger und wenig mit – tut mir Leid – Verstand. Thüringen war doch das beste Beispiel, wie Nazis durch Gelder von Staat gefördert wurden, Ergebnisse die die Spitzel lieferten = 0! Vertuscht und verharmlost und zu oft weggesehen – das förderte diese Typen, die dann zur NSU wurden. Kein Zufallsprodukt, wer das noch nicht begriffe hat, na ich lass es mal. Da war doch eine Mitarbeiterin vom VS, die die Akten Vernichtung stoppen wollte, nun in der Klapsmühle oder Dienstunfähig?! Und auch die Polizei ist da nicht ganz ohne Schuld. So läuft es eben und der Rechtsstaat – Pustekuchen, einfach nur schlimm.

apatit 02.06.2014 | 18:42

"Die Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter durch den NSU im April 2007 war nach allem, was man nun wissen kann, wohl keine „Zufallstat“. Man war biografisch und durch das Milieu miteinander verbunden, die Spuren in den braunen Maquis sind auch hier so offensichtlich wie unaufgeklärt. Besonders gravierend erscheint, dass „die Behörden im Osten ein Sammelbecken für westdeutsche Beamte wurden, die in ihrer alten Heimat das eine oder andere dienstliche Problem hatten“, wie Aust und Laabs schreiben." So ist es - aber warum fragt da keiner richtig nach? Frau Kisewetter hätte nicht sterben müssen und und auch die andren Menschen! Es sind schon zu viele in Deutschland gestorben durch Rechtsextremisten!

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Ehemaliger Nutzer 02.06.2014 | 19:19

Nein hat er nicht.

Die Morde, die andere Täter haben, wurden nur an die NSU Story verhökert. Es ist eben auch Aufgabe von Diensten Bedrohungsszenarien zu inszenieren, die die ausufernde Kontrolle der Bürger rechtfertigen. Und natürlich die Existenzberechtigung der Dienste.

So turnen beim BND 5.000 Leute rum. Kriegen zwar nicht mit, dass das Handy ihrer obersten Chefin abgehört wird, aber sonst bestimmt ganz tolle Truppe, denken wir nur an die gefährlichen Sauerlandbomber, ok die Zünder hat der Geheimdienst geliefert und er hat die jungen Männer auch für eine Gehirnwäsche zum Haßprediger geschickt, damit sie wissen das sie Bombenleger werden wollen. Das der Haßprediger jetzt jahrelang V-Mann der Geheimdienste war, ok, wen interessieren schon Details ...

A-Deiport 02.06.2014 | 21:16

Die Milliarden, die nach der Wende jährlich in den Osten gepumpt wurden, haben nicht nur blühende Landschaften geschaffen, sondern es sind dort Landschaften entstanden, in den es nur so von Nazis wimmelt. Dass die irgendwann auf diese perfide Art und Weise über auf Menschen mit Migrationshintergrung losgehen, war es nur eine Frage der Zeit.(siehe Rostock-Lichtenhagen)

Kein Wunder, dass bei der Fußball-Weltmeisterschaften 2006 wurden ausländische Besucher davor gewarnt, in den Osten zureisen, weil die Reise für sie gefährlich sein könnte. Na ja als die Mauer fiel, wusste man nicht so genau nicht, wer alles über die Mauer geklettert kommt.

apatit 03.06.2014 | 07:54

"So turnen beim BND 5.000 Leute rum. Kriegen zwar nicht mit, dass das Handy ihrer obersten Chefin abgehört wird" (?) - Warum ist auf den BND Beamtentoiletten immer dreilagiges Klopapier? Weil sie von immer zwei Durchschläge brauchen. Die haben das schon mitbekommen - aber so etwas meldet man doch nicht weiter, wegen der Solidarität mit den USA und dann was hat Herr Gehlen gemacht, als der Laden gegründet wurde? Richtig - " Die Organisation Gehlen war ein im Juni 1946 von US-amerikanischenBesatzungsbehörden in der Amerikanische Besatzungszone aus deutschem Personal, bestehend aus Resten der 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres, der Abteilung Fremde Heere Ost, gebildeter Nachrichtendienst. " Und hat infos für die USA gesammelt!

kaygeebee 03.06.2014 | 10:49

"Seltsamerweise" gehen uns auch langsam die Zeugen aus. Mittlerweile sind sieben Zeugen tot. Corelli, der letzte, ist angeblich an Diabetis gestorben und die Selbstmorde werfen mehr Fragen auf als sie Antworten liefern.

Räumt der Staat hinter sich auf? Auf englisch würde man das als "tying up loose ends" bezeichnen.

Eins ist klar: Sobald es um staatlich finanzierten rechten Terror geht versteht der Staat keinen Spaß mehr. Wer zur Last wird verschwindet oder wird mundtot gemacht. Und warum? Um einen völlig aufgeblähten Überwachungsapparat mit tausenden von überbezahlten und unterbelichteten Beamten sowie äußerst zweifelhaften V-Männern zu rechtfertigen? Ein bisschen wie der Feuerwehrmann der Feuer legt, um es dann löschen zu können.

Reimers 03.06.2014 | 13:18

Parallel zum deutschen NSU-Prozess läuft in Luxemburg ein ähnliches Verfahren, dort sind Polizeibeamte im Zentrum der Untersuchung.

Aus meiner Sicht haben wir nach dem 2. Weltkrieg eine fortlaufende Unterwanderung des Staates von miteinander vernetzten Diensten, die im Geheimen arbeiten. Die Auftraggeber sind längst nicht nur im Inland zu suchen. Als Beispiel sei hier der ehemalige MI6-Agent von Thadden angeführt, der eine vorzügliche Ausbildung erhielt.

Die Gladio-Aktionen, unter denen ich (bei weitem nicht nur ich) persönlich die NSU-Morde, die damaligen "extremistischen" Vorgänge in Luxemburg, den Flugzeug-Absturz der polnischen Führung in Russland und noch einiges mehr verbuche, sind seit Bestehen des "Westens" integraler Bestandteil hoheitlicher Politik mit anderen Mitteln im Verborgenen, einer "Politik der Spannung", wie man es so schön nennt. Natürlich zählen alle früheren Anschläge in Italien dazu, die Türkei ist zentraler Akteur im internationalen Parkett in Zusammenarbeit westlicher Geheimdienste (incl. Israel). Sibel Edmonds weiß hierüber vieles aus eigener Erfahrung zu berichten.

Die Morde an Herrhausen und Rohwedder stehen als weitere Anschläge auf dem Gladio-Konto der Terrorakte auf deutschem Boden (Eine RAF3 hat es definitv nie gegeben, das Gerücht selbst kam von den Diensten). Sie waren beide im Wege beim großen Klau - einmal auf nationaler Ebene beim Treuhand-Coup und auf der internationalen Ebene beim IWF-Coup gegen die 3. Welt, sowie auch die physisch vernichtete polnische Führung, die westlichen (EU) Vorstellungen nicht entsprach und sich nicht eines anderen bekehren ließ.

Die wichtigsten Sub-Unternehmen der westlichen Dienste im alltäglichen Geschäft sind auf der rechten Seite zweifellos die NPD und ihre Ausläufer, auf der Linken wären hier insbesondere die Quertruppen und die eingeweihten Teile der Autonomen zu nennen, deren Wirkungsfeld sich augenblicklich stark erweitert hat im Zusammenhang mit der EU-Wahl, bei der sich gezeigt hat, daß ihre inoffizielle Basis sich von Teilen der Linken nun auch auf die Grünen erweitert hat. Grundsätzlich werden sie überall dort eingesetzt, wo sich wirklicher Widerstand gegen den Abbau demokratischer Rechte, gegen massiven und staatlich legitimierten Betrug am Volk entwickelt.

Wer wirklich einmal in einer Gruppe (Umweltgruppe, Friedensgruppe Bildungskreis zu ökonomischen oder sozialen Theorien, lokale Initiativen verschiedenster Art usw.) aktiv war, weiß aus eigener Erfahrung wie schnell sich Agenten dazugesellen und ihr Ausspäh- und Zersetzungswerk zielgerichtet ins Werk setzen.

Aus diesem Grunde ist es interressant, oben zu lesen, daß gerade die Organisierungsform in kleinen Gruppen, mit Teilnehmern, die sich alle gegenseitig kennen als "Markenzeichen" gefährlicher rechtsextremer Umtriebe angeführt wird. Alle hierarchisch organisierten - also großen Gruppen - können mit Leichtigkeit und unter Verwendung weltweit bekannter und vielfach bewährter Methoden "umgedreht" werden. Eine Aufzählung erübrigt sich hier, denn diese Methode der verdeckten Herrschaft ist so alt wie Machtstrukturen selbst.

Man könnte hierzu viel mehr sagen, denn vieles ist bereits über die Jahre bekannt geworden - zumindest in interessierten Kreisen. Was das hier besprochene Buch angeht, so sehe ich hierin zuallererst eine Feuerwehr-Funktion: Es muß unter allen Umständen verhindert werden, daß weitreichendere und grundsätzlichere Schlußfolgerungen und nicht gewünschte Einsicht in weitreichende Verbindungen gezogen werden. Vor allen Dingen, wenn sie von Personen gezogen werden, die solche Informationen und Schlußfolgerungen nichts anzugehen haben- also wir alle.

P.S.: Falls sich einmal die Gelegenheit ergeben sollte, könnte ich einmal über meine Erfahrungen mit dem Bundeskriminalamt während der RAF-Zeit berichten (fast wie im Krimi) und wie ich hinter die Auftraggeber kam. Interessant wäre auch, wie Freunde und ich in den Siebzigern einen Verfassungsschutzmann auf einer Autobahnraststätte "verbrannt" haben. Soviel sei gesagt: Es hat Spaß gemacht.

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Ehemaliger Nutzer 03.06.2014 | 17:23

Die Attentate auf Herrhausen und Rohwedder haben etwas besonderes, weshalb sie nicht direkt in den politischen Dreckskübel passen. Das Attentat auf Herrhausen war aus dem, was man dazu öffentlich zugänglich zu lesen bekam, von sehr hoher Präzision, zu hoch für Semi-Profis. Der Fall Rohwedder liegt noch völlig anders, da würde ich, informativ angeregt durch den Tod eines ehemaligen Grenzschutzbeamten im Raum Göttingen - eher auf etwas tippen, was als Unkraut im Richtungsumfeld von ISOR und OKV nach der Wende wild wuchs.

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Ehemaliger Nutzer 03.06.2014 | 21:50

Eine "Chronik des Versagens"? Mir schwillt zunehmend die Halsschlagader, wenn ich das Wort "Versagen" höre! Aber auch die Annahme, es sei die Politik der herrschenden Klasse Deutschlands gemeint, wenn vom "tiefen Staat" die Rede ist, ist ein Trugschluss! "Der tiefe Staat" ist ein Geschöpf der USA und Großbritanniens, und so müssen wir diese Geschichte begreifen! http://wipokuli.wordpress.com/2012/07/05/verfassungsschutz-und-nsu-der-skandal-der-nicht-begriffen-werden-soll/

Andreas Schlüter

Soziologe

Berlin

Johannes Renault 04.06.2014 | 00:35

Die Auftraggeber sind längst nicht nur im Inland zu suchen. Als Beispiel sei hier der ehemalige MI6-Agent von Thadden angeführt, der eine vorzügliche Ausbildung erhielt

Michael Fuchs (CDU: "Unser Fuchs für Deutschland") ist ein gern gesehener Gast in Grossbritanien gewesen und, gut bezahlt worden. (SZ.:Abgeordnetenwatch ermittelte den wahren Auftraggeber: Hakluyt & Company - eine von ehemaligen MI6-Mitarbeitern gegründete Firma ...)

Gladioartige Verbrechen ziehen sich seit dem Weltkrieg wie ein roter Faden durch die Grenzregionen des Kalten Krieges. Von den kalten, mit Fichten dominierten Regionen des Nordens, bis in die milden, von Zypressen gesäumten alten Strassen der römischen Antike und deren moderne Nachfolger, seit der Renaissance entwickelter Ballungszentren. Und, alles was dazwischen liegt.

Viel kann man lesen wenn man im Internet liest. Viel wird infolge dessen in Haupt-Parteien-Medien salopp wieder aufgegriffen, um die Korrespondenz im Netz zu 'begleiten'. Natürlich ist das ärgste Jahrhunderte im Kokon, bis eventuell, das Gesetz, dass Regime und Herrschaftsformen zwar wechseln, die Methoden der Verheimlichung jedoch die selben bleiben, gebrochen wird.

Daher auch die alte Weisheit aus alten Breakbeat-Mellodeien der ehemaligen Sklaven und kolonialisierten Schwarzen der angelsächsischen Handels- und Kriegs-Nomenklatura, "can't beat the system? - go with the flow!".

Reimers 04.06.2014 | 01:18

Danke, Ihr Link ist ebenfalls ausgezeichnet.

Eine interessante Ergänzung: Aus meiner Sicht durch die gesamte Geschichte eine unzertrennbare Verbindung zwischen Banken-Dynastien (vorher Geldverleiher, siehe Venedig) und Geheimdiensten.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Zu Zeiten des 1. Weltkrieges gab es zwei einflußreiche Warburgs: Einer war der Geheimdienstchef des deutschen Kaisers und der andere der Chef eines großen amerikanischen Bankhauses.Die Dulles-Brüder eignen sich hierfür gleichermaßen, um in der jüngsten Vergangenheit zu bleiben.

Reimers 04.06.2014 | 01:29

England ist sicherlich ein ganz besonderer Fall. Wohl nicht ohne Grund sind die wirklich wichtigen Akten bezüglich der Zeit vor und während des 2. Weltkrieges auf Weisung der englischen Regierung auf weitere 65 Jahre verschlossen worden.

Deutschland ist seit Kohl bekanntlich groß im Löschen und Schreddern von möglicherweise kompromittierenden Akten, hier geht so ziemlich alles.