Reger Pendelverkehr

CURRICULUM VITAE EINES KRIEGSVERBRECHERS Der Eichmann-Vertraute Alois Brunner konnte nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands seine Karriere nahezu unbehelligt fortsetzen

Am 2. März beginnt in Paris ein Prozess gegen den in Syrien vermuteten einstigen SS-Obersturmbannführer Alois Brunner. Es soll in Abwesenheit des Angeklagten verhandelt werden. Als enger Vertrauter Adolf Eichmanns war Brunner 1943/44 einer der Hauptverantwortlichen für die Deportation jüdischer Bürger Frankreichs nach Auschwitz, Treblinka und Majdanek. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Brunner jahrelang unbehelligt im Ruhrgebiet aufhalten können, bevor er in den Nahen Osten abwanderte.

Ich bin am 8. 4. 1912 in Rohrbrunn (Burgenland) als viertes von sieben Kindern des Bauern Brunner Josef geboren. Besuchte von 1918 - 25 die Volksschule, von 1925 - 27 absolvierte ich drei Klassen Bürgerschule in Fürstenfeld und trat beim Kaufmann Loidl (Fürstenfeld) in die Lehre ein. Im Mai 1931 wurde ich, 19 Jahre alt, in die illegale NSDAP aufgenommen."

Das Rassehauptamt SS befürwortet im November 1938 Brunners Eheschließung mit einem arischen Mädchen in Wien. Wohlwollend wird vermerkt, dass der oben zitierte Rassebogen "ausführlich, eigenhändig und mit Tinte geschrieben" ist. Bis dahin hat Alois Brunner das Schicksal vieler Jungnazis geteilt. Er wird in den frühen dreißiger Jahren Ortsgruppenkassier, tritt der SA bei und verliert seine Arbeit, als er gegen den Pfarrer, der gegen die Nazis wettert, während der Messe das Wort ergreift. Er zieht daraufhin nach Graz und besucht eine private Kriminalschule - ein getarntes Trainingscamp für braune Schläger. Da aber unterläuft dem jungen Idealisten eine Panne: Am 1. März 1933, einen Monat nach der Machtergreifung Hitlers, wird er aus der NSDAP ausgeschlossen - die Mitgliedsbeiträge, monatlich einen Schilling und 80 Groschen, stehen aus. Als das Malheur ruchbar wird, ist Brunner gerade als Mitglied der Österreichischen Legion in Deutschland, wo er unter anderem mit Eichmann und dem Vater Jörg Haiders in den Lagern der SA militärischen Schliff erhält. Immer wieder bittet Brunner um Wiederaufnahme in die Partei, doch erst nach einem langwierigen Verfahren wird sie ihm gewährt.

Gesellenstück in Berlin

Dann aber, im August 1938 kommt Adolf Eichmann nach Wien und zieht in das "arisierte" Rothschild-Palais in der Wiener Prinz-Eugen-Straße. Die "verjudetste" Stadt des Reiches, so Heydrich, wird - im Sinne des Kraus'schen Wortes - zur Versuchsstation des Weltuntergangs: Zehntausende Menschen - gejagt, in Lager gepfercht, geschlagen, entwürdigt und schließlich deportiert. Auf der Suche nach willfährigen Helfern erinnert sich Eichmann an Alois Brunner, den er einst im SA-Trainingslager kennen und schätzen gelernt hatte, und holt ihn als persönlichen Sekretär nach Wien. Bald ist er so zufrieden mit dessen Arbeit, dass er ihm 1939 de facto und 1941 offiziell die Leitung der Zentralstelle anvertraut. Aus einem jungen Mann am Rande der Gesellschaft wird der Liquidator einer ganzen Kultur, der Jahrhunderte lang gewachsenen Kultur des jüdischen Wien.

Ab 20. Oktober 1939 gehen vom Anspanger Bahnhof wöchentlich zwei Züge mit je rund 1.000 Inhaftierten nach dem Osten. Brunners Taktik ist immer dieselbe: Er gaukelt den Erniedrigten und Hoffnungslosen vor, sie würden nach Polen geschickt, um dort zu arbeiten. Diesem Zweck dient der Zwangsumtausch von polnischen Zloty, die Juden sollen glauben, in Polen eine neue Existenz aufbauen zu können.

Brunner tut sich besonders bei der Lösung von "Zweifelsfällen" hervor. Alle werden von ihm deportiert; auch Alter, Krankheit, unklare Beweislage oder diplomatische Verwicklungen schrecken ihn nicht. Bei all dem ist Brunner nicht nur Schreibtischtäter, gern legt er selbst Hand an, wenn es darum geht, Namen und Verstecke aus den verängstigten Opfern herauszuprügeln oder Standhafte zu ermorden. Einer der Zweifelsfälle ist der gefeierte Operettentenor Louis Treumann. Hitler liebt Operetten, besonders Lehárs Lustige Witwe - er freut sich über die persönliche Widmung, die ihm der Komponist in einer Taschenpartitur zukommen lässt. Auf dem Titelbild prangt Louis Treumann als Danilo. Brunner lässt den Sänger verhaften und ins Sammellager Sperlgasse einliefern, als einen von 40.000, die durch diese Vorhölle gehen. Am Abend spricht der Schauspieler Theo Lingen bei Brunner vor und ersucht diesen, den kranken Treumann freizulassen, was Brunner auch zusagt. Tatsächlich wird Treumann enthaftet - aber nur für wenige Stunden. Kaum ist Lingen gegangen, wird der Unglückliche erneut festgenommen. Die vorgesehene Judenanzahl des nächsten Transports soll exakt eingehalten werden, der schwerkranke Treumann geht in Theresienstadt elend zugrunde.

Noch 1938 bezieht SS-Obersturmbannführer Brunner, der eine arische Schreibstubenhilfe geheiratet hat, eine beschlagnahmte Villa in Döbling. Der systematische Raub von Wohnungen, Möbeln und Kunstwerken begleitet sein Wirken von Anfang bis zum Ende. Binnen dreier Jahre hat der Bauernbub aus dem Burgenland seine Arbeit in Wien vollendet, am 9. Oktober 1942 verlässt der letzte Deportationszug die Stadt, darin 800 Kranke, Alte und Kinder. Wien, das vor dem Einmarsch 180.000 jüdische Bürger zählte, ist "judenfrei".

Umgehend wird Brunner von Eichmann nach Berlin beordert. Das Unglaubliche ist eingetreten: Eichmann hat Schwierigkeiten, die Aushebung der Berliner Juden voranzutreiben, Brunner muss helfend einspringen. Im Herbst 1942 liefert Brunner innerhalb weniger Wochen sein Gesellenstück; Häuserblock um Häuserblock wird durchkämmt, zwei Schreibkräfte müssen Tag und Nacht Dienst verrichten, um die Registratur der Juden vorzunehmen. Ende Januar 1943 verlässt Brunner die Stadt wieder. Stolz kann Eichmann den "Abgang" von 56.000 Berliner Juden vermelden.

"Frankreich-Feldzug" - 23.000 Deportierte

Der nächste Einsatz führt Brunner nach Saloniki - der Kommune mit der größten sephardischen Gemeinde Europas, rund 50.000 Menschen. Im Februar 1943 trifft er ein, im März sind die logistischen Vorbereitungen für die Deportationen beendet, die ersten Züge rollen in die Vernichtungslager. Wieder wendet Brunner seinen bewährten Trick an, er zwingt seine Opfer, Zloty umzutauschen, so dass die Verschickten allen Gerüchten zum Trotz sich daran klammern, das Leben werde weitergehen. Und wiederum entscheidet er im Zweifelsfall für die Deportation. Jede Nacht nimmt er persönlich an der Menschenjagd teil, wie besessen geht er jedem Hinweis auf Verstecke nach, einzig das Organisieren von geraubten Möbeln und Kunstwerken für seine Familie und Mitarbeiter vermag ihn kurzfristig von der Menschenhatz abzubringen. Selbst vor Juden italienischer, spanischer oder anderer Nationalität macht er nicht halt, auch sie werden ungeachtet diplomatischer Komplikationen deportiert.

Nach dem Sturz Mussolinis und der Besetzung Südfrankreichs kann Brunner mit seinem Kommando auch dort auf Jagd gehen. Im September "arbeitet" er in Lyon und Marseille, danach in Nizza und Grenoble. Immer mehr Kinder füllen die Transporte - Brunner wird schließlich 11.000 französische Kinder auf dem Gewissen haben. Unter seinen Opfern befindet sich auch Serge Klarsfelds Vater; Brunners Angebot, in der "Judenpolizei" für die Aushebung von Schicksalsgenossen zu arbeiten, wird von diesem ausgeschlagen - er endet in Auschwitz. Aber hinter einer zweiten Wand in Klarsfelds Wohnung überleben der kleine Serge und seine Schwester. (Ihrem Einsatz und der unermüdlichen Arbeit einiger weniger anderer Überlebender ist es heute zu danken, dass die "Akte Brunner" noch offen ist.)

Am 17. August 1944 räumen die Deutschen Paris. Drei Eisenbahnwaggons lässt Brunner mit Beutestücken füllen und setzt sich nach Berlin ab. Die Bilanz seines "Frankreichfeldzugs": 23.500 Deportierte, von denen nicht einmal ein Prozent überlebt. Eichmann schickt Brunner daraufhin nach Bratislava, wo die Deportationen, die unter dem antisemitischen Regierungschef Tiso gut anliefen, seit einiger Zeit jedoch stocken. Geschickt nutzt Eichmann hier die seit Jahren bestehende Konkurrenz Brunners zu seinem SS-Kollegen Wisliceny aus, der in Ungarn als Judenjäger erfolgreich war, in der Slowakei aber trotz eifriger Mitarbeit der antisemitischen Bevölkerung hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Brunner brennt darauf, Wislicenys Rekord zu übertreffen. Bis das Deutsche Reich längst an allen Fronten zusammenbricht, fahren die Deportationszüge - zwei Drittel der slowakischen Juden, rund 55.000 Menschen, werden abtransportiert.

Nach der Kapitulation Deutschlands nennt sich Brunner "Alois Schmaldienst" und arbeitet als Fahrer für die Amerikaner in München und Österreich. Zweimal wird er in Österreich verhaftet, kommt aber jeweils nach kurzer Zeit wieder frei. Als sein ehemaliger Mitarbeiter Anton Brunner im Mai 1946 in Wien angeklagt und nach kurzer Verhandlung, die unbeschreibliche Grausamkeiten zu Tage bringt, hingerichtet wird, halten die Behörden den Fall für abgeschlossen.

Rattenlinie in den Nahen Osten

1947 setzt sich Alois Brunner ins Ruhrgebiet ab, wo er als Bergmann arbeitet, geht dann aber als Kellner nach Essen. Seine Hoffnung, im Umkreis von einstigen Nazi-Größen in der FDP unterzukommen, zerschlagen sich. Also ändert er seinen Namen erneut und reist nach Rom, wo der österreichische Bischof Alois Hudal die Flucht von Naziverbrechern nach Südamerika oder in den Nahen Osten organisiert.

Einer, der zu dieser Zeit ebenfalls bemüht ist, Kriegsverbrechern neue Betätigungsfelder zu eröffnen, ist der Großmufti von Jerusalem, Amin el-Husseini. Zusammen mit Eichmann hatte Husseini Auschwitz besucht das Kriegsende in Deutschland erlebt. 1946 taucht er in Kairo wieder auf und verhilft vielen untergetauchten Nazis zur Flucht. Die Feinde seiner Feinde sind seine Freunde. Manche der solcherart Untergetauchten konvertieren zum Islam, was den Vorteil eines arabischen Namens mit sich bringt. Wie im Falle von "Amin ben Omar", der in leitender Funktion im ägyptischen Informationsministerium arbeitet, vormals Johannes van Leers hieß und enger Goebbels-Mitarbeiter war. Oder wie bei "Ali Mohammed", Brunners Name in dieser Zeit. Andere arbeiten unter ihrem richtigen Namen weiter, so der berüchtigte Buchenwalder KZ-Arzt Hans Eisele oder dessen Kollege Heribert Heim, Lagerarzt in Mauthausen, der sich bei der ägyptischen Polizei verdingt.

Nach einiger Zeit reicht Husseini Brunner nach Damaskus weiter, wo seine Familie bereits einen anderen österreichischen Kriegsverbrecher untergebracht hat: Franz Stangl, den ehemaligen Kommandanten von Treblinka. Rasch lebt Brunner sich in der neuen Umgebung ein, er betätigt sich im Exportgeschäft, eine Tarnung für den Handel mit Waffen, der in diesen Jahren floriert. Brunners Firmen versorgen beispielsweise die algerische FLN mit Waffen aus der DDR. Gleichzeitig etabliert sich Brunner als Vertreter der Dortmunder Aktienbrauerei in Damaskus und importiert Sauerkraut und schwarzes Brot nach Syrien, was ihm in der deutschen Kolonie zu Ansehen verhilft. Er ist stets doppelt abgesichert. Neben Husseini hält auch die CIA ihre schützende Hand über ihn, tritt aber nicht selber in Erscheinung, sondern bedient sich der Organisation Gehlen, die auf lange bestehende Kontakte in den arabischen Raum zurückgreifen kann - bereits 1938 war Eichmann in Palästina und Ägypten auf einer Erkundungsmission unterwegs.

Als Gamal Abd el-Nasser 1954 in Ägypten an die Macht kommt, ersucht er die Amerikaner um Hilfe beim Aufbau der Sicherheitsbehörden. Gern nimmt Ägypten den Rat deutscher Fachkräfte in Anspruch. Unter den Helfern befindet sich auch Alois Brunner, der in einem regen Pendelverkehr im Nahen Osten unterwegs ist. Anfang der sechziger Jahre stellt Brunner dann sein Folterwissen der syrischen Geheimpolizei zur Verfügung. Unter seiner Anleitung lernen viele Geheimdienstoffiziere sogar Deutsch, allerdings mit österreichischem Akzent.

Dr. Georg Fischer in Damaskus

Nach der Festnahme Eichmanns plant Brunner dessen Befreiung aus dem Gefängnis in Haifa. Beabsichtigt ist, Eichmann im Austausch gegen Nahum Goldmann, den Vorsitzenden des Jüdischen Weltkongresses, freizupressen, der während eines Kongresses in Wien von Otto Skorzeny, dem Mussolini-Befreier, entführt werden soll. Nur durch einen Zufall scheitert der Plan. Obwohl Brunner vom syrischen Geheimdienst gut abgeschirmt wird, gelingt es dem Mossad, einen Agenten in Brunners Nähe zu platzieren. Unglücklicherweise wird der Mann aber enttarnt und 1965 in Damaskus öffentlich hingerichtet. Die Urheberschaft für eine Briefbombe, die Brunner vier Finger wegreißt und seine Augen verletzt, wird vom Mossad geleugnet.

1985 gibt Brunner der Bunten ein Interview, in dem er aus seinem Leben erzählt. Er bereue nichts. Juden seien für ihn "Dreckszeug", das vernichtet gehört. Das Interview strotzt derart vor antisemitischen Ausfällen, dass die Bunte nur eine zensierte Fassung veröffentlicht. In den siebziger Jahren wird Syrien von der österreichischen Außenpolitik hofiert, kleinlaut vorgetragene Erkundigungen nach Brunner werden von den Behörden abgetan, der Gesuchte sei nicht in Syrien. In Wirklichkeit lebt "Dr. Georg Fischer" unangefochten in Damaskus. Er lebt so geheim, dass es ohne weiteres möglich ist, ihn telefonisch - auch aus dem Ausland - zu erreichen.

1993 ist der letzte Kontakt zu Brunner überliefert. Er wird von Touristen in einem Café erkannt, stellt sich mit seinem alten Namen vor und plaudert angeregt. Danach trollt er sich mit seinem Schäferhund und fährt in sein neues Domizil - ein Gästehaus Assads in den Bergen nahe Damaskus. Er sei mit seinem Leben zufrieden und würde, bestünde die Möglichkeit, alles noch einmal so machen, sagte Brunner im Interview mit der Bunten. Nur eines ärgert ihn: Dass noch immer Juden in Europa leben.

s. Hafner/Schapira: Die Akte Alois Brunner. Warum einer der größten Naziverbrecher noch immer auf freiem Fuß ist. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2000.

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