Regulierung per Mappe

Vergleich Deutschland - Schweiz Um den Sektor Weiterbildung transparent zu gestalten und die Zugangsschwellen zu senken, haben die Eidgenossen nicht nur über modulares Lernen, sondern auch über den schwierigen Umgang mit einer Vielfalt von Zeugnissen nachgedacht

Lebenslanges Lernen", das ist heute scheinbar kein Problem mehr. Das Weiterbildungsangebot in Deutschland reicht von der privaten Kleinanzeige für Russischstunden bei der Muttersprachlerin Alina bis zum Abendstudium in Meteorologie an einer Fernuni. Allein die Berliner Virtuelle Weiterbildungsdatenbank umfasst mehr als 1.000 Angebote zum Selbststudium, die Zentralstelle für Fernunterricht in Köln zählt bundesweit über 800 Institute, und auch hier geht die Zahl der zugelassenen Lehrgänge in die Tausende.

Der Sektor wächst; und zwar stark und unübersichtlich. Glaubt man einer Studie, die die Unternehmensberatung Arthur Anderson im Auftrag des Bundesbildungsministeriums erstellt hat und die im Juni veröffentlicht wurde, dann wächst er deswegen sogar an der Nachfrage vorbei. Trotz hoher inhaltlicher Qualität seien die Weiterbildungsangebote zu lokal ausgerichtet, es fehle an marktfähigen nationalen und europäischen Abschlüssen, beklagt das Papier. Es geht um die Frage, wie ein potenzieller Arbeitgeber das Zeugnis einer Weiterbildungsmaßnahme lesen soll, insbesondere wenn diese Qualifizierung auf einem offenen, kaum regulierten Markt geschieht. Kurz: Es geht um "flexible Zertifizierung", wie Bildungspolitiker das Problem unter sich nennen. Denn bisher haben nur Bundesländer ein Weiterbildungsgesetz, das hier Vorgaben machen könnte. Überlegungen für eine Rahmenregelung, die vor zwei Jahren noch das Haus von Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn beschäftigten, hat man inzwischen wieder fallen gelassen.

In der Schweiz hat man da ganz neue Wege beschritten. Erst vor kurzem hat der Nationalrat im Rahmen eines Berufsbildungsgesetzes auch die Weiterbildung geregelt. Nach den Vorbildern Frankreich und Skandavien, hier vor allem Dänemark, sind darin die modulare Baukastenqualifikation geregelt, darüber hinaus haben sich die Eidgenossen aber auch ein Instrument zur flexiblen Zertifizierung ausgedacht - das Schweizer Qualifikationshandbuch. Von beidem versprechen sich die Schweizer eine Demokratisierung des Weiterbildungsbereichs.

Das Ausgangsproblem: "Vom gerne deklamierten ›lebenslangen Lernen für alle› sind wir noch weit entfernt", sagt André Schläfli, Direktor der Schweizerischen Vereinigung für Erwachsenenbildung (SVEB), dem größten Dachverband für Weiterqualifizierung in der Schweiz. Dort sieht man es als Problem an, dass sich nur 40 Prozent, etwa zwei Millionen Menschen institutionell weiterbilden lassen. Die Schere zeigt sich insbesondere bei den Geschlechtern. Schläfli: "Weil innerbetriebliche Weiterbildung finanziell besser abgestützt ist, profitieren davon vor allem Männer. 70 Prozent müssen Weiterbildung nicht selber bezahlen." Umgekehrt ließ sich 70 Prozent der Frauen außerbetrieblich, also auf eigene Kosten, weiterbilden. Ein Gefälle besteht auch zwischen den gut und schlecht Ausgebildeten: Je höher die Bildung, desto größer die Chance, sich mit der Weiterbildung auf dem Laufenden zu halten. Vor allem Arbeitnehmer mit Abitur oder Fachhochschulabschluss werden zur Weiterbildung geschickt, kaum aber weniger qualifizierte Arbeitskräfte.

Deswegen haben die Schweizer nicht nur versucht, den Zugang zur Weiterbildung mit dem Modularsystem von Geschlecht, Status und Einkommen unabhängig zu machen, sondern auch die Intransparenz der Zertifizierung von Qualifizierungsmaßnahmen anzugehen, was sich bei über 80 Prozent privaten Anbietern als enormes Problem darstellte. Die Lösung war schlicht: Das nun gesetzlich eingeführte Qualifikationshandbuch ist nicht mehr als eine Nachweismappe. Jugendliche, Studenten, Berufseinsteiger, Berufstätige und Wiedereinsteiger sollen darin anhand eines Leitfadens alle Qualifikationsnachweise - formeller wie auch informeller Art - aus Beruf und Privatleben systematisch sammeln. Aber, so die Idee: Das fördert bewusste Reflexion über eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen, strukturiert die Dokumentation und regt zu kontinuierlicher Weiterentwicklung an. Dabei kommt es besonders auf die Nachweise über so genannte soft-skills, etwa Teamfähigkeit, an. Sie sollen auch öffentlich den Stellenwert bekommen, den sie in der Berufswelt praktisch schon haben.

Fehlende Transparenz des Weiterbildungsangebotes ist auch in Deutschland ein Problem. In einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln aus dem vergangenen Jahr benennen dies 60 Prozent der befragten Unternehmen als drängendes Manko. Doch hierzulande dreht sich die Diskussion mehr um eine andere Art von Transparenz- und Qualitätssicherung: die Stiftung Bildungstest. Ähnlich der Stiftung Warentest soll sie stichprobenartig und verdeckt Weiterbildungsveranstaltungen überprüfen und so die Qualitätsentwicklung bei den Einrichtungen forcieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 06.07.2001

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare