Remix

Linksbündig Die demokratischen Präsidentschaftskandidaten wollen alle wie Kennedy aussehen

Unglaublich, aber war: Gleich sechs demokratische Kennedys und dazu ein Martin Luther King wollen die Wiederwahl von George W. Bush verhindern. Die weißen Kandidaten haben alle den gleichen, für Präsidenten in spe offenbar zeitlos kleidsamen Kennedy-Scheitel, wenn auch die meisten sich etwas grauer und schütterer präsentieren als das Original. Alle tragen sie das gleiche optimistische Strahlen zur Schau, mit dem JFK damals die Herzen der Wähler und vor allem der Wählerinnen eroberte; auch wenn dieses Strahlen auf manchen Gesichtern noch etwas verloren und wie festgeklebt wirkt - "manisch" nannte ein böser Kommentator gar das Dauerlächeln des Generals a.D., der von allen Präsidentschaftsanwärtern die weißesten Zähne hat.

Ein Kennedy also. Zieht man den chancenlosen Martin Luther King alias Al Sharpton und den weißen Prediger in Sachen allgemeine Krankenversicherung und kostenlose Schulen Dennis Kucinich ab, bleibt ein Quartett von Scheitelträgern, von denen jeder Partei nimmt für das "zweite Amerika", die große Mehrheit, die nicht von Bushs Steuergeschenken profitiert. Von denen jeder sich distanziert von den Spezialinteressen der Washington Lobby und vom sich abzeichnenden Debakel rund um den Irak. Von denen jeder so volksnah sein will, wie es die Wirklichkeit gar nicht zulässt. Wesley Clark etwa, der vom Filmemacher Michael Moore enthusiastisch als "Kriegsgegner" eingeführt wird, war immerhin jahrzehntelang kriegsführender General und befürwortet auch heute noch den Einsatz von Cluster-Bomben. John Edwards, der jugendlichste der Neokennedys, wird nicht müde, seine einfache Kindheit als Sohn eines Textilarbeiters zu betonen - "Auch ich bin ein ganz Armer" - und die späteren Jahre als US-Senator und erfolgreicher und millionenschwerer Anwalt bloß zu streifen; im Sinne von: er sei die Verkörperung des Amerikanischen Traums (ein ganzes Volk von millionenschweren Anwälten?) und Bush dessen Antidot. Howard Dean, der den ganzen Populismus in der Demokratischen Partei losgetreten hat, tut sich jetzt etwas schwer damit. Er verneigt sich vor den ungeschrieben Gesetzen der herrschenden Medien und zerrt seine Frau vor die Fernsehkameras, damit sie sein Image als unbeherrschter Schreihals weichzeichnet. Obendrein wechselt er die Kampagnenführung vom chaotisch improvisierenden Technofreak zum versierten Washington-Insider - was ist mit seinem Versprechen, den etablierten Politfilz in der Regierungshauptstadt aufzubrechen? Ein Teil der Deanbewegung sucht sich einen neuen Dean.

Der könnte nach 44 Jahren wieder JFK heißen: John Forbes Kerry. Der Senator, Vietnamveteran und Vietnamgegner aus Massachusetts flirtet ganz ungeniert mit den berühmten Initialen. Und nichts freut ihn mehr, als wenn das Publikum Kerry und Kennedy durcheinanderbringt. John Kerry lässt sich vom letzten der Kennedy Brüder, Edwards Kennedy, begleiten und als "einen von der Familie" empfehlen. Bisher hat der Kennedy-Faktor überraschend gut gespielt. Wer denkt da noch an Kerrys patrizische Jugend, seine reiche Frau Theresa (aus der Heinz-Ketchup-Familie). Wer erinnert sich gar daran, dass Kerry nicht bloß zur selben Zeit wie George W. Bush die Eliteuniversität Yale besucht hat, sondern dort auch wie Bush Mitglied eines elitär-elitären und heimlichtuerischen Yale-Clubs, mit Namen "Skulls and Bones" (Schädel und Gebeine) war. Heute gibt sich Kerry als Mann des Volkes oder zumindest ein Mann des "demokratischen Flügels der demokratischen Partei", eine Formulierung, die er sich von Dean geborgt hat.

Wenn sich die Demokratische Partei mit JFK identifiziert, meint sie nicht in erster Linie die alte Geschichte: den Antikommunisten Kennedy, der die Nation nach Vietnam und an den Rand des Atomkrieges brachte - auch wenn sich die Parteispitze niemals von dessen Militarismus und Nationalismus distanzieren würde. Angezapft wird der unsterbliche Mythos der frühen sechziger Jahre: Eine selbst für die USA ungewohnt jugendliche Hoffnung, das Gefühl von gesellschaftlicher Solidarität, die Aufbruchstimmung der Bürgerrechtsbewegung, eine gewisse weltgewandte Leichtigkeit des Seins. Was im Kennedy-Remix aber nicht vergessen werden sollte: Es war damals das Volk, es waren die sozialen Bewegungen, die John F. Kennedy an die Regierung brachten, und diese Bewegungen haben ihn auch überlebt und einen schönen Teil des sozialen Momentums weitergetragen. Gegen eine ganze Reihe von US-Präsidenten - mit und ohne Kennedy-Frisur.


00:00 06.02.2004

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