Barbara Schweizerhof
24.09.2004 | 00:00

Richter der Großstadt

Im Kino Was bedeutet Betriebsunfall, wenn man als Profikiller arbeitet - Michael Manns melancholische Nachtfahrt "Collateral"

Eigentlich hat man ihn im Kino schon ein bisschen zu oft gesehen: den Profikiller mit kaltem Herzen, aber guten Umgangsformen, den Mann, der so gut ist in seinem Job, dass man gar nicht wahrhaben will, welch anti-humanes Metier er betreibt, der im Gegenteil mit seiner Lebenserfahrung derart besticht, dass man fast verführt wird, seinen Rat anzunehmen. In Michael Manns Collateral ist es der schwarze Taxifahrer Max (Jamie Fox), der recht schnell erkennen muss, dass sein ungemein smarter Fahrgast Vincent (Tom Cruise) ein Berufsmörder ist. Gerade erst hatte er eine Staatsanwältin, eine Klassefrau, durch Los Angeles kutschiert, hatte durch unaufdringliches Nett-Sein deren kalte Herablassung durchbrochen, sie in ein echtes Gespräch verwickelt und war mit ihrer Visitenkarte belohnt worden. Max wähnt sich in einer Glückssträhne, als danach Vincent zu ihm ins Taxi steigt und ihn nach einer kurzen Kennenlernphase für gutes Geld für die ganze Nacht engagiert, er habe fünf verschiedene Stationen abzufahren. Doch schon beim ersten Halt landet die Leiche mit Getöse auf seinem Taxidach und ab da kann er Vincent verständlicherweise nicht mehr wirklich sympathisch finden.

Die Konstellation ist also nicht ganz neu, ihr hängt der dunkle Pessimismus des Film Noir an, aber die darin verborgene Frage, ob nämlich im Kapitalismus nicht letztlich der Profikiller das Urbild aller Berufe ist, macht sie immer wieder aktuell. Nicht umsonst spielt der Titel, Collateral, auf einen bekannt gewordenen sprachlichen Versuch in neuerer Zeit an, "menschlichen Schaden" gegenüber einem Profit anderer Art kleinzurechnen.

Mehr noch als Tom Cruise mit ungewohnt grauen Haaren sind es in Michael Manns Film die Details und die Sorgfalt der Inszenierung, die den Zuschauer dazu verführen, sich ein weiteres Mal für das Stereotyp zu interessieren. Mit dem ihm eigenen und unverkennbaren Manierismus setzt Mann den Groove der Stadt Los Angeles in Szene; fast meint man die Außentemperatur dieser Nacht zu fühlen, so gut fügt sich hier das milchige Licht, der dunkle Asphalt und der Geräuschpegel mit dem Schweiß auf den Gesichtern zu einem Ganzen zusammen. Manns Stil ist alles andere als naturalistisch; eine sprunghaft sich bewegende Kamera zoomt sich immer wieder auf die einzelnen Figuren ein, dem Objektiv eines Paparazzo nicht unähnlich; einerseits wie hungrig, mehr zu erfahren, bewahrt sie andererseits immer auch eine gewisse Distanz, sie wird nicht interrogativ, sondern lässt den Figuren die Möglichkeit, ihre Coolness zu bewahren. Hinzu kommt der dramatisch ungeheuer geschickte Umgang mit Geräuschen: In Collateral übertönt nicht die Musik die schnellen oder langsamen Schnitte, sondern wird gleichsam unterlegt; sie scheint stets unmittelbar aus dem Film zu kommen und sich aus seinem Rhythmus zu ergeben. Zwischendurch hört man manchmal nichts anderes als das reine Geräusch von rollenden Reifen auf Asphalt; man kann sich kein spannenderes vorstellen.

Während der Plot seinen vielleicht allzu vertrauten Wendungen bis hin zum Showdown mit Verfolgungsjagd in der U-Bahn folgt, fesselt die dramaturgische Fülle die Aufmerksamkeit des Zuschauers. In einem Kaleidoskop von Nebenfiguren fächert der Film ein Soziotop der Stadt auf, jedoch sind die "typischen" Figuren durch präzise Charakterzeichnung gegen den Strich gebürstet. Mark Ruffalo gibt als Polizist zum Beispiel einen so empfindsamen Verfolger, dass man nicht anders kann, als seinen vergleichsweise anonymen Tod in einer Massenschießerei als sehr unverdient anzusehen.

Außerdem gibt es statt der genreüblichen flotten Sprüche in Collateral jede Menge Dialog. Und fast mit jedem Satz verschiebt sich die Situation ein wenig in die eine oder andere Richtung. Sie werden nie wirklich buddies, Max und Vincent, aber aus der Reihe von intimen Momenten, die sie notgedrungen miteinander teilen - schließlich geht es um Leben oder Tod -, zeichnet sich ein Verhältnis zwischen ihnen ab, das sie vor allem uns Zuschauer in neuem Licht erscheinen lässt. Tatsächlich haben sie gute Voraussetzungen, beste Freunde zu werden, sind sie doch beide geradezu Pedanten in ihrem Handwerk. Wo Max für sein sauberes Taxi gelobt wird, hat Vincent den Ruf, so clean zu arbeiten, dass niemand sein Gesicht kennt. Doch Pedanterie ist nicht gerade der Stoff, der Männer zu Helden macht. Es ist also keinesfalls eine gegenseitige Bewunderung, die aus ihrer Zwangsgemeinschaft eine Beziehung formt, sondern das Erkennen der eigentlichen Mittelmäßigkeit ihrer Begabungen. Allzu oft hat man schon gesehen, wie der Killer am Ende zum Biest mutiert, damit der positive Held ihn ohne moralischen Zwiespalt töten kann. Vincent aber wird, je weiter die Handlung voranschreitet, immer menschlicher. Sein Ende ist von einer Melancholie, die das Reden vom "Kollateralschaden" so gerne leugnen möchte.