Roh, nicht medium

Gelüste Menschenfresserei ist ein beliebtes Trashfilmthema. Die modernen Kannibalinnen sind anders

Essen ist ein Grundbedürfnis, doch unser Verhältnis dazu ist kompliziert. Was, wie und wie viel wir essen, ist mit Bedeutung aufgeladen. Wer wir sind und welche Stellung wir haben – im Verhältnis zu anderen Menschen oder Tieren –, drückt sich auch durch Appetit und Verzehr aus.

Essstörungen sind heute weit verbreitet. Kaum jemand isst unbeschwert. Der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott bemerkte einmal: „Störungen des Appetits sind bei psychischen Erkrankungen eine geläufige Begleiterscheinung, die ganze Bedeutung des Essens wurde aber noch nicht erfasst.“ Wie seltsam es doch ist, eine Kreatur zu sein, deren Bedürfnisse zugleich so klar und undurchschaubar sind.

In den USA ist gerade der umstrittene Film Raw (Originatitel: Grave) der Französin Julia Ducournau angelaufen. Er erzählt von der ehrgeizigen, etwas ängstlichen Tiermedizinstudentin Justine, die an der Universität mit gesellschaftlichen Erwartungen, akademischen Anforderungen und neuen grausamen Gelüsten zurechtkommen muss. Das Institut entpuppt sich als geschlossene Gesellschaft mit demütigenden Aufnahmeritualen und unbegrenztem Zugang zu Tierkadavern. Justine schafft es nicht, sich zugehörig zu fühlen. Während des ersten Rituals wird sie gezwungen, eine rohe Leber zu essen, und entwickelt prompt einen brennenden, schuppigen Ausschlag, den sie heimlich unter der Bettdecke wie manisch kratzt. Bei einem Partyspiel schreckt sie vor der Umarmung ihres Partners zurück. Dann beißt sie seine Lippe ab.

Raw ist nur das jüngste Beispiel für ein Subgenre anspruchsvoller Filme, die sich mit Kannibalismus auseinandersetzen. Während die meisten Kannibalenfilme – und es gibt Hunderte – drastische, billig produzierte Trashfilme sind, wird das extreme Ausgangsszenario in diesen Filmen subtiler eingesetzt. Sie sind tendenziell langsam und nachdenklich, ästhetisch mitreißend und nur mit raren Ausbrüchen von Blut und Gewalt gespickt. Die Kannibalen sind hier selbstkritische, neugierige Individuen, deren gestörtes Verhältnis zu dem, was sie essen möchten, uns vertraut vorkommt. Sie können ihre Gelüste nicht zuzulassen, gleichzeitig sind sie weder in der Lage noch gewillt, sie zu ignorieren. Auffallend ist, dass es sich bei fast allen diesen Kannibalen um junge Frauen handelt, die auf der Suche nach etwas sind.

Keine zwei Kannibalinnen sind gleich. In einigen Filmen geht es um Frauen, die lernen, was sie wollen und dies anzunehmen; andere zeigen Frauen, die von Neid und dem Verlangen nach etwas, das sie nicht haben können, zerrissen werden; manche versinnbildlichen die Ablehnung von Kapitalismus und Konsumismus; wieder andere erkunden das weibliche Begehren in einem Patriarchat. Gemein ist ihnen die Idee oder auch Fantasie, dass menschliche Bedürfnisse sich auf beängstigende Art unbeherrschbar anfühlen können, so sonderbar und maßlos, dass für sie kein Platz in der menschlichen Welt ist. Diese Kannibalinnen tragen innerliche Konflikte aus – geplagt von Scham, Schuldgefühlen, Ekel – oder sie stehen in Konflikt mit dem Rest der Welt – isoliert, auf der Flucht, verstummt.

Wenn es stimmt, wie Donald Winnicott schreibt, dass es im Grunde ein Rätsel bleibt, welche Rolle die Nahrung wirklich für das menschliche Leben spielt, dann muss jedes Individuum, jede Familie und jede Kultur für sich selbst aushandeln, welche Bedeutung es für ihre Humanität hat, was und wie gegessen wird. Wenn es um Liebe, Sex und Tod geht, sind wir uns einig, dass die Geschichten, die wir uns erzählen, alle Facetten und Extreme aufzeigen sollten. Warum sollte das nicht auch für Filme über unsere Gelüste gelten?

In Nicolas Winding Refns Film The Neon Demon (2016) sucht das junge Model Jesse ihren Weg in L. A. Eine Visagistin begehrt sie, während zwei blonde Gazellen scharf sind auf das, was Jesse hat: dieses Etwas, das die komplette Modebranche durchdrehen lässt. Als Jesse dem Verlangen der Frauen nicht nachgibt, töten sie sie und essen sie auf. We Are What We Are (2013) handelt von Rose und Iris, den Töchtern einer kannibalischen Familie. Einer uralten Tradition folgend kümmern sich die Frauen auf Geheiß der Männer um das Schlachten und Kochen. Als die Mutter an Kuru stirbt (einer neuronalen Störung, die von Kannibalismus rührt), fordert der Vater von den widerwilligen Töchtern, dass sie die Tradition fortführen. Als sich die Gelegenheit zur Flucht ergibt, töten sie den Vater aber nicht nur: Sie verschlingen ihn bei lebendigem Leib bis auf die Knochen. Letztlich wollten sie also nur der Dominanz des Vater entkommen – und seiner Vorstellung, wie sie ihre Gelüste ausleben.

Katz und Maus

Der beste dieser Filme ist Claire Denis’ Trouble Every Day (2001). Er enthält zwei Erzählstränge, die sich kreuzen: der eine handelt von Dr. Shane Brown und der angestrengten Beziehung zu seiner frischvermählten Frau, der andere von seiner Bekannten Coré und ihrem unbeherrschbaren Drang, Menschenfleisch zu verzehren. Der Film ist schwer zu kategorisieren. Er ist düster und zäh, untermalt von einem schwermütigen Soundtrack der Band Tindersticks. Diese Atmosphäre wird zweimal von extremen Gemetzeln unterbrochen, die einem den Magen umdrehen.

Die packendste und am schwierigsten anzusehende Szene zeigt Coré und einen Lover/Opfer: Was als süßes, hingebungsvolles Rendezvous beginnt, kippt spielerisch in Aggression und dann nahtlos in einen Mord, der gleichzeitig brutal, liebevoll, kindisch und psychopathisch ist. Coré reißt Fetzen aus seinem Fleisch und küsst die Wunde mit mütterlicher Sanftmut; sie umarmt ihr Opfer und stupst es, wie eine Katze eine noch lebendige Maus, als wollte sie es aufwecken, um mit ihm zu spielen; als ertrüge sie nicht, dass der andere von ihr getrennt bleibt. Dalles stumme Performance nimmt einem den Atem, sie zeigt den Übergang von Liebe und Lust zu Wahnsinn und Folter – nicht für diese Rolle, sondern auf eine Art, die uns bekannt vorkommt. Immanuel Kant definierte den sexuellen Trieb als „Appetit“ auf ein anderes menschliches Wesen. Coré schien dies zu wissen und ausgelebt zu haben, leben kann sie damit nicht.

Das Verlangen nach menschlichem Fleisch ist grotesk und monströs. In dieser Hinsicht erscheinen uns diese Figuren entweder über- oder untermenschlich – jedenfalls als etwas, das auf beruhigende Art anders ist als wir. So ist es sicher kein Zufall, dass Drew Barrymore als Hauptfigur der jüngst angelaufenen Netflix-Komödie Santa Clarita Diet, die ihren Appetit auf Menschenfleisch entdeckt, ein Zombie sein muss. Vertraut und nur zu menschlich ist jedoch, von einem Bedürfnis überwältigt zu werden, das man nicht im Griff hat. Wenn Coré unter dem Druck ihres Verlangens – Verbundenheit zu fühlen – implodiert, oder wenn Justine auf ihr neues Begehren reagiert, indem sie sich betrinkt, sich versteckt und weint, weil sie viel zu viel will, dann ist das ein Exzess, den wir kennen. Ein echtes Verlangen zu haben kann eine Bürde sein. Es ist schon merkwürdig, als wie belastend wir unsere Bedürfnisse empfinden. Wie befreiend müsste es sein, ihnen nachzugeben. Und so ist die Szene, in der Justine das erste Mal ihren Gelüsten nachgibt, nicht nur grausam und unaussprechlich ekelhaft – sie hat gleichzeitig etwas Feierliches. Wer es aushält, hinzuschauen, sieht eine junge Frau, die erkennt, wie wichtig es ist, zu essen und ihre Wünsche nicht zu verleugnen.

Doch selbst wenn dieses Nachgeben als emanzipatorisch gezeigt wird, hat es stets einen Preis, und das sind echte menschliche Beziehungen. Justine verletzt die eine Person, die sie wirklich lieben könnte, Rose und Iris müssen alles Bekannte hinter sich lassen, Coré opfert sich selbst. Der französische Film In My Skin (2002) zieht die logischste Konsequenz aus dieser Beziehungsunfähigkeit, aus Kannibalismus wird Selbstzerfleischung.

Bei allen Unterschieden haben diese Filme gemein, dass die Welten, in denen die Charaktere leben, abgelehnt werden – das Patriarchat, die Kernfamilie, die Konsumgesellschaft, der Spätkapitalismus. Auch hier unterscheidet sich die Komödie Santa Clarita Diet, in der das Mantra lautet: Die Familie muss aufrechterhalten werden, um jeden Preis. Die anderen Filme legen nahe, dass diese Welten nicht für menschliche Bindungen gemacht sind. Indem sie Frauen ins Zentrum stellen, weisen sie darauf hin, dass Frauen allgemein die Last dieser kaputten Welten auf besonders unangenehme Weise tragen, wohl wissend, dass es etwas anderes bräuchte, um ihr Verlangen zu stillen.

Francey Russell promoviert an der University of Chicago in Philosophie. Eine längere Fassung dieses Texts ist auf lennyletter.com erschienen

Übersetzung: Christine Käppeler

06:00 29.03.2017

Kommentare 3