Ruferin aus dem Schacht

Porträt Aslı Erdoğan könnte rein rechtlich ausreisen. Doch der Pass wird der Schriftstellerin vom türkischen Staat verweigert
Gerrit Wustmann | Ausgabe 35/2017
Ruferin aus dem Schacht
Unter dem Regime der AKP droht der kritischen Autorin Aslı Erdoğan lebenslange Haft

Foto: Ozan Kose/AFP/Getty Images

Die Frankfurter Buchmesse 2016 wurde mit einem Brief eröffnet, den die türkische Autorin und Journalistin Aslı Erdoğan aus dem Gefängnis geschrieben hatte: „Hinter Steinen, Beton und Stacheldraht rufe ich – wie aus einem Brunnenschacht – zu euch: Hier in meinem Land lässt man mit einer unvorstellbaren Rohheit das Gewissen verkommen. Dabei wird gewohnheitsmäßig und wie blind versucht, die Wahrheit zu töten.“ Zwar ist Aslı Erdoğan inzwischen für die Dauer ihres Prozesses auf freiem Fuß. Doch die Anklage fordert weiterhin lebenslange Haft. Die Ausreisesperre, die inzwischen standardmäßig über fast jeden verhängt wird, der aus politischen Gründen angeklagt ist, wurde allerdings aufgehoben. Rein rechtlich betrachtet dürfte sie das Land verlassen. Und noch immer besteht die leise Hoffnung, sie auf der diesjährigen Buchmesse begrüßen zu können. Doch juristische Beschlüsse haben in der Türkei heute keine Bedeutung mehr. Das Innenministerium stellt der Schriftstellerin keinen neuen Pass aus. Und ihr Anwalt Erdal Doğan rechnet nicht damit, dass das in absehbarer Zeit geschehen wird. „Es ist eine Zermürbungstaktik aus Schikane und Willkür“, sagte er vor einer kleinen Runde geladener Journalisten jetzt in Köln.

Wer ist die Autorin, die den Zorn des türkischen Machtapparates auf sich zieht? Geboren 1967 in Istanbul, ging sie zunächst den naturwissenschaftlichen Weg. Sie studierte Physik, arbeitete am CERN in Genf, lebte dann in Brasilien, wo ihr Roman Die Stadt mit der roten Pelerine entstand. Schon in den frühen 1990ern erhielt sie Preise und war eine wirkmächtige Stimme der jungen türkischen Literatur. Ihre Texte sind düstere, wütende, dabei fragile und verletzliche Anklagen gegen das Unrecht. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt den Minderheiten und Unterdrückten, seien es afrikanische Communitys in ihrer Heimatstadt Istanbul, seien es die Kurden in der Türkei und darüber hinaus. Neben Romanen schrieb sie Kolumnen und Artikel, die literarische Kleinode sind, geprägt von einer sehr emotionalen, aber auch sehr genauen und poetischen Sprache. Wer diese Texte liest, wird mitten hineinversetzt in den blanken Schrecken über das, was Menschen anderen Menschen antun.

Ihre Bücher wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. In der Türkei aber wurde sie immer wieder unter der Gürtellinie angegriffen, auch von anderen Schriftstellern und Journalisten. Man versuchte sie zu diskreditieren, aber erreichte damit stets nur das Gegenteil. „Jede Person, die sich heute zur kurdischen Frage äußert, erleidet den gesellschaftlichen Tod. Ihr wird schlagartig vor Augen gestellt, dass Titel, Ansehen, Identität und dergleichen weniger Bestand haben als ein Atemzug“, schrieb sie über die ständigen Attacken regierungstreuer Autoren, denen sie auch vor der AKP-Zeit schon ausgesetzt war. Sie setzt sich für Frauenrechte ein, gegen Folter und die Herrschaft der alten bärtigen Männer, die Religion als Machtinstrument korrumpieren. Auch in der Hoffnungslosigkeit werde sie ihren Weg weitergehen, sagte sie einmal. Der Satz steht momentan programmatisch nicht nur für sie selbst, sondern für die gesamte türkische Opposition.

Im Oktober wird der Prozess gegen sie fortgesetzt. Eine erneute Verhaftung ist nicht auszuschließen. Man wirft der Autorin, die zu einer Ikone des Widerstands gegen das AKP-Regime geworden ist, Terrorpropaganda und Unterstützung von Terrororganisationen vor. Die von der Staatsanwaltschaft vorgebrachten Argumente: Aslı Erdoğan arbeitete für die inzwischen verbotene kurdische Tageszeitung Özgür Gündem. Und sie hat geschrieben: Texte über die Verbrechen der türkischen Armee im kurdisch geprägten Südosten des Landes, aufrüttelnde Kolumnen über Menschenrechtsverletzungen und Staatsgewalt. Die Texte liegen unter dem Titel Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch auf Deutsch vor. Eine Gruppe unabhängiger türkischer Juristen nahm im Winter 2016 die Anklage auseinander und analysierte jeden Text. Sie kamen zu dem Ergebnis: Nichts daran ist strafbar. Aber Aslı Erdoğan ergeht es wie den meisten kritischen Stimmen am Bosporus. Der Staat versucht, sie einzuschüchtern und mundtot zu machen. Sonderlich erfolgreich ist er dabei nicht. Zwar werden Existenzen zerstört, Journalisten, Schriftsteller, Oppositionelle zu Tausenden weggesperrt. Deren Botschaft aber wird dadurch von umso mehr Menschen gehört. Wer dieses Jahr die Buchmesse besucht, wird feststellen, dass mehr Bücher als je zuvor aus dem Türkischen übersetzt werden.

In den letzten Monaten wurde Aslı Erdoğan mehrfach mit Preisen geehrt: Im Mai erhielt sie den Osnabrücker Remarque-Preis, der Leipziger Medienpreis wurde ihr und dem in der Türkei inhaftierten Journalisten Deniz Yücel zugesprochen. Im Juli kam der Stuttgarter Friedenspreis hinzu, und auch der diesjährige Bruno-Kreisky-Menschenrechtspreis ging an die Autorin, die sich beständig für die Rechte der Kurden einsetzt, was ihr nicht nur deshalb Anfeindungen einbringt, weil sie selbst keine Kurdin ist. Keinen dieser Preise konnte sie persönlich entgegennehmen. Viel Hoffnung gibt es nicht darauf, dass sich die Dinge bald zum Guten wenden. Eines aber ist sicher: dass Aslı Erdoğan sich nicht kleinkriegen lässt, weiterhin schreiben und die Stimme erheben wird. Sie kann sich der Solidarität sicher sein. Als Özgür Gündem verboten wurde, machten jene Kollegen, die in Freiheit blieben, umgehend weiter. Sie gründeten die Zeitung Özgürlükçü Demokrasi (Freiheitliche Demokratie) und schrieben Aslı Erdoğans Kolumne fort, Woche für Woche, bis sie aus den düsteren Mauern des Frauengefängnisses Bakırköy in den Istanbuler Morgen trat.

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06:00 17.09.2017

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