Sag´, wo die Soldaten sind ...

Regen aus Stahl Bisher wurde vom Pentagon die Zahl der während des Krieges getöteten irakischen Militärs verschwiegen - nun waren erstmals "Zielunterlagen" einzusehen

Obwohl George W. Bush im Mai an Deck des Flugzeugträgers Abraham Lincoln das offizielle Ende der Kampfhandlungen für die Operation Iraqi Freedom verkündet hat, dauert das Töten und Sterben im Land zwischen Euphrat und Tigris an. Wie viele Menschenleben der Irrsinn bis heute gefordert hat, darüber gab und gibt es bislang keine verbindlichen Angaben. Gesichert ist allein die Zahl der gefallenen Soldaten in den Reihen der alliierten Streitkräfte, nämlich 357 - so der Stand vom 26. September 2003.

Auf den Internetseiten des Pentagons wie des britischen Verteidigungsministeriums kann jeder Interessierte weltweit die Verlustlisten einsehen, auf denen die vor und nach dem Irak-Krieg ums Leben gekommenen Amerikaner und Briten mit Bild und biographischen Angaben aufgelistet sind. Weitaus spärlicher sind Mitteilungen über die verwundeten, verstümmelten und psychisch traumatisierten Soldaten in den Reihen der Invasionstruppen. Amerikanischen Presseberichten zufolge summiert sich deren Zahl mittlerweile auf mehr als 8.000. Täglich werden Verwundete nach Deutschland ins pfälzische Landstuhl ausgeflogen, um nach einer ersten medizinischen Versorgung weiter in die Vereinigten Staaten gebracht zu werden. Hinter den Mauern gigantischer Militärhospitäler wie dem Walter Reed Army Medical Center oder dem National Naval Medical Center in Bethesda bleiben die im Irak Traumatisierten der Aufmerksamkeit kritischer Medien und einer interessierten Öffentlichkeit weitgehend entzogen.

Wir zählen keine Gefallenen

Während sich die alliierten Verluste im Irak relativ genau beziffern lassen, war bisher für die Opferzahlen auf irakischer Seite eher das Gegenteil der Fall. Dies vorausahnend hatten bereits vor Kriegsbeginn Medien- und Kommunikationswissenschaftler aus mehreren Staaten ein interdisziplinäres Projekt konzipiert, mit dem eine Prognose zu erwartender "Kollateralschäden" unter der Zivilbevölkerung abgegeben wurde. Unter der Bezeichnung Iraq Body Count wird seither eine fortlaufend aktualisierte Schätzung auf einer gleichnamigen Internetseite veröffentlicht. Mittlerweile ist dort von 7.352 bis 9.152 durch Kampfhandlungen und deren Folgen getöteten Männern, Frauen und Kindern unter der irakischen Zivilbevölkerung die Rede - Stand: 28. September 2003. Die Zahl der verletzten Zivilisten wird auf 20.000 veranschlagt.

Handelt es hierbei um realistische Analysen, die sich auch mit Angaben internationaler Hilfsdienste decken, konnte über die Verluste der irakischen Streitkräfte bislang nur spekuliert werden. Während des Krieges waren bei den täglichen Lagebeurteilungen des U.S. Central Commands in Qatar nur selten entsprechende Aussagen zu hören. Am 5. April beispielsweise war lediglich von "mindestens 2.320 irakischen Soldaten" die Rede, die am 5. April während des US-Vormarschs auf Bagdad gefallen seien. Ansonsten gab es nur Äußerungen einzelner Militärs, so etwa gegenüber der New York Times am 10. April: "Bei der Bombardierung der verschiedenen Divisionen waren die Zerstörungen furchtbar. Komplette Divisionen wurden vernichtet ..." Generalmajor Stanley McCrystal ging davon aus, dass Tausende, wenn nicht Zehntausende in den irakischen Stellungen Bomben und Raketen der U.S. Air Force zum Opfer gefallen waren. Bestätigt wurden derartige Angaben vom Combined Force Air Component Commander, Lieutenant General Michael Moseley, der am 5. April den Zustand der Bagdad verteidigenden Truppen wie folgt beschrieb: "Die Republikanischen Garden außerhalb Bagdads sind nun tot ... wir weichen ihren Widerstand nicht auf, sondern wir töten sie." Diese Einlassungen waren ob ihrer Deutlichkeit schon deshalb bemerkenswert, weil zu Kriegsbeginn General Tommy Franks als Oberkommandierender verfügt hatte: "We don´t do body counts" - "wir zählen keine Gefallenen".

Wo lagen die Gründe für das verordnete Schweigen? Von Seiten des Pentagons wurde immer wieder geltend gemacht, die Dynamik der Operationen habe eine hinreichend genaue Ermittlung gegnerischer Verluste verhindert. Außerdem sei es während der Gefechte viel zu riskant gewesen, getötete Gegner auf dem Schlachtfeld zu zählen. Glaubwürdig waren derartige Behauptungen angesichts der viel zitierten Informationsüberlegenheit der US-Armee - Stichwort "gläsernes Schlachtfeld" - keineswegs. Im Gegenteil: Wohl nie zuvor in der Geschichte der Kriegführung sah sich ein Angreifer so detailliert und umfassend über seinen Gegner informiert wie die US-Streitkräfte bei diesem Feldzug. Es gab Satellitenaufklärung, Luftraumüberwachung per AWACS, Zielerfassung mit ferngesteuerten Drohnen, elektronische Aufklärung, Laserzielbeleuchtung aus der Luft und durch die Special Forces am Boden. Erstmals voll integriert in die Bodenkriegführung war auch ein fliegender Feuerleitstand mit der Bezeichnung JSTARS. Mit diesem System wurden irakische Truppenbewegungen Tag und Nacht und bei jedem Wetter - selbst durch tobende Sandstürme hindurch - präzise erfasst und die Zieldaten in Echtzeit an die Air Force sowie die weitreichende Raketenartillerie übermittelt. Angesichts der unvorstellbaren Feuerkraft der abgeworfenen Streu- und Napalmbomben und der von Raketenwerfern verschossenen Bomblet-Munition blieben anrückende irakische Einheiten ohne die geringste Chance von Gegenwehr - die wenigen Überlebenden nannten das Inferno, das sie getroffen hatte "Regen aus Stahl".

10.000 Zivilisten - 60.000 Militärs

Die US-Luftwaffe rühmte sich, dass sie dank der neuen Aufklärungs- und Überwachungstechnologien zur Doktrin des "Effects-Based Bombing" übergehen konnte. Hierdurch sei es möglich gewesen, den Waffeneinsatz so selektiv und genau zu steuern, dass die beabsichtigte Wirkung im Ziel eintrat, während früher nur ein maximales Schadensausmaß angestrebt worden sei. Unabdingbare Bedingung einer derartigen Kriegführung freilich war nicht nur die erwähnte umfassende Kenntnis des Gegners, sondern ebenso der Auswirkungen des eigenen Waffeneinsatzes - im Militärjargon "Battle Damage Assessement" genannt.

Demzufolge war und ist davon auszugehen, dass im Pentagon mittlerweile recht genaue Informationen darüber vorliegen, wie viele irakische Soldaten und Zivilisten dem alliierten Waffeneinsatz zum Opfer gefallen sind. Während des Krieges hatte die Öffentlichkeit davon kaum etwas erfahren, da Korrespondenten nicht einmal am Rande der Schlachtfelder zugelassen oder - wie im Falle der "eingebetteten" Berichterstatter - strikten Zensurbestimmungen unterworfen waren. Außerdem kam auch ein Embedded Journalist kaum je bis in die vorderste Frontlinie, da er dort sowohl sich selbst als auch den Auftrag der begleiteten Truppe gefährdet hätte. Darüber hinaus erfolgten die Operationen gemäß der neuartigen Doktrinen zumeist blitzschnell und teilweise über enorme Distanzen hinweg, so dass eine mediale Dokumentation kaum möglich schien. Wenn Reporter oder auch Mitarbeiter humanitärer Hilfsorganisationen schlussendlich den Ort des Geschehens erreichten, waren auf den Schlachtfeldern oft die grauenhaftesten Hinterlassenschaften der Kampfhandlungen schon beseitigt.

All das erlaubte es der US-Armee, eine Strategie zu verfolgen, die eine Minimierung eigener Verluste nicht zuletzt durch eine Maximierung von Schäden und Opfern beim Gegner zu bewirken suchte - ein klarer Verstoß gegen das Kriegsvölkerrecht. Diesem zufolge ist stets das Prinzip der Verhältnismäßigkeit zu beachten, was bedeutet, dass immer nur das Mindestmaß an Gewalt angewendet werden darf, das benötigt wird, um ein militärisches Ziel zu erreichen.

Mittlerweile ist nun der Druck auf Rumsfeld und sein Ministerium, mehr über den tatsächlichen Kriegsverlauf an Euphrat und Tigris mitzuteilen, derart gestiegen, dass unabhängigen Forschern erstmals Einblick in die Zielunterlagen des Pentagons gewährt wurde. Bisherigen Erkenntnissen zufolge beläuft sich die Zahl der irakischen Opfer bei Zivilisten auf mindestens 10.000 und bei Soldaten auf 60.000 - das heißt, auf einen gefallenen US-Soldaten kommen etwa 33 ums Leben gekommene irakische Zivilisten und ungefähr 200 getötete irakische Militärs - eine geradezu monströse Disproportionalität. Kein Wunder, dass sich die US-Generalität dazu bisher in Schweigen hüllt.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.

00:00 03.10.2003

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