Santa Claus der Slums

Wyclef Jean If I was President: Der Musikproduzent und Sänger will als Kandidat der Präsidentschaftswahl in Haiti antreten

Seit gut einer Woche ist es amtlich: Wyclef Jean, Songwriter, erfolgreicher Produzent und ehemaliger Frontman der 1988 gegründeten Hiphop-Band The Fugees, kandidiert am 28. November für die Wahl des Präsidenten in Haiti. Der 37-jährige Musiker gibt sich bei seinen Werbeauftritten selbstbewusst und bescheiden zugleich: Er steht zu seiner ärmlichen Herkunft, vergleicht sich aber auch mit US-Präsident Barack Obama. Gegenüber dem amerikanischen Magazin Time erhebt er den Anspruch, sein zerstörtes Heimatland „ins 21. Jahrhundert“ zu führen, er will „den Santa Claus in die Slums bringen“ und behauptet ohne Zögern: „Ich repräsentiere alle Haitianer.“

Ganz buchstäblich stimmt das natürlich nicht. Der Sänger, der im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgewachsen ist und sich seit Beginn seiner Karriere in Wohltätigkeitsorganisationen engagiert, hat gerade einmal fünf Jahre seines Lebens in Haiti verbracht. Lange vor der Idee, sich dort für das Präsidentenamt zu bewerben, beschrieb er eine mögliche politische Karriere und deren Rezeption in einem Lied mit dem Titel If I was President: „Ich würde am Freitag gewählt werden, ermordet am Samstag, begraben am Sonntag. Und am Montag würden sie wieder zur Arbeit gehen.“ Zwar imaginierte Wyclef Jean mit diesen Zeilen ein Schicksal, das ihm als US-Präsident drohen würde, die politische Verkommenheit der in Haiti herrschenden Schicht scheint damit aber ebenfalls beschrieben: Viele Haitianer pflichteten ihm bei und halten ihn seither für einen der Ihren.

Schauspielernde Generalisten

Da kann man sich durchaus fragen, weshalb der Hiphopper, der ein millionenteures Anwesen in Miami Beach besitzt, den Hypothekenrückzahlungen vor zwei Jahren in arge Schwierigkeiten gebracht haben, eigentlich nicht als typischer Vertreter jenes US-amerikanischen Paternalismus wahrgenommen wird, der hierzulande fast schon automatisch angeprangert wird, wenn es um das Engagement der Amerikaner in Haiti geht? Aus Anlass der stümperhaften US-Hilfsmaßnahmen nach der jüngsten Erdbebenkatastrophe war jedenfalls allerorten von dem „Kolonialismus“ und der Arroganz der Amerikaner die Rede, die geradezu als prospektive haitianische Besatzungsmacht dargestellt wurden. Wyclef Jean dagegen figuriert in den Medien als autochthoner Haitianer. Insofern trifft der Vergleich mit Barack Obama etwas Richtiges. Wie Obama gerade deshalb als postmoderner Messias wahrgenommen wird, weil er sich permanent für die vermeintliche Hybris seines eigenen Landes entschuldigt und den schleichenden Rückbau des US-amerikanischen Universalismus betreibt, so erscheint Wyclef Jean nicht etwa als der Kapitalist, Großgrundbesitzer und Agent der Kulturindustrie, der er seinem sozialen Status nach ist, sondern als Outcast, der die Werte seines Landes als hohle Ideologie durchschaut hat und darum nicht nur besser als die Amerikaner, sondern auch besser als die Haitianer weiß, was dem potenziellen Wahlvolk gut täte.


Unabdingbare Zutat von Wyclef Jeans politischem Erfolg ist seine künstlerische Karriere, die einen völlig anderen Symbolwert besitzt als die eines Ronald Reagan oder Arnold Schwarzenegger. Dass in den USA beliebte Schauspieler auch beliebte Politiker werden können, ist fester Bestandteil jedes antiamerikanischen Ressentiments. Bestätigt es doch scheinbar die Oberflächlichkeit und mangelnde Bodenhaftung der US-amerikanischen Kultur. In Wahrheit sind die politischen Karrieren von Schauspielern in den USA ein Beleg dafür, dass man dort eher wenig für Volkstribunen und umso mehr für Universalisten übrig hat.

Nicht weil die Nation sie kennt und liebt, werden Schauspieler dort Gouverneur oder sogar Präsident, sondern weil sich die Mehrheit der Amerikaner mit einer Mischung aus Sachlichkeit und Abgebrühtheit darüber klar ist, dass schauspielerische Qualitäten tatsächlich zu den Kernkompetenzen jedes führenden Politikers gehören. Schauspieler sind es gewohnt, ihr Verhalten an ihr jeweiliges Umfeld anzupassen, sie wissen sich und ihre Sache gut zu verkaufen, sie können flexibel auf andere Menschen eingehen und leisten sich seltener einen Fauxpas als ein Farmer, der noch nie im Leben seine eigene Ranch verlassen hat. Darum ist der hierzulande übliche Sport, Politikern „Unredlichkeit“ und „Vertrauensunwürdigkeit“ zu unterstellen, in den USA weniger verbreitet. Ein guter Staatsmann muss dort vor allem einen effizienten Job machen und die Bevölkerung ansonsten nach Möglichkeit in Ruhe lassen; wie es in seinem Herzen aussieht, ist für seine Wähler uninteressant.

Emotionale Authentizität

Wyclef Jean dagegen verkörpert eine moralische Integrität und emotionale Authentizität, die mit dem Ursprungsmythos des Hiphop selbst zu tun hat: Da kommt ein Niemand irgendwo aus dem Ghetto, der Armut und Deklassierung kennt und weiß, wie „seine Leute“ ticken, um deren kollektive Wut den Herrschenden ebenso mutig wie lässig ins Gesicht zu schreien. Insofern wäre der Hiphopper als Präsident das Gegenteil des Schauspielers: stets Verkörperung der eigenen, prototypischen Biographie und mit allen Fasern Vertreter der richtigen Sache, dabei aber in seiner Coolness und Weltläufigkeit zugleich Bereiter einer besseren Zukunft – ein aus den USA importiertes authentisches Stück Antiamerikanismus und insofern tatsächlich ein Verwandter Obamas. Darin vor allem liegt Wyclef Jeans Vorteil: Der Schauspieler als Politiker erinnert seine Wähler stets auf unbequeme Weise an den halbseidenen Charakter seines Amtes. Der Hiphopper aber redet auch als Politiker Klartext und scheint keine Kluft zwischen Rolle und Ethos, zwischen Volk und Amt zu kennen. Deshalb jubeln ihm alle zu, als stünde er noch immer auf der Bühne.

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17:00 12.08.2010

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