Schatz ohne Fratzen

Werkschau Lotte Laserstein malte in den 20ern lässige, selbstbewusste Frauen, 1937 floh sie ins Exil. Es war das Ende einer steilen Karriere

Sie geht nah ran, sie schaut ganz genau. Und malt präzise wie die alten Meister. Ein Kind im weißen Kleid, die Faltenwürfe, der blonde Bubikopf, die blauen Augen. Ein Doppelporträt, Ich und mein Modell betitelt, zeigt, wie sie an der Leinwand steht, den Pinsel in der Hand, der Blick geradeaus. Ihr Modell, die unzählig oft von ihr porträtierte Traute Rose, ist hinter ihr. Rose legt ihr die Hand sanft auf den Rücken, es ist ein intimer und ruhiger Moment. Die Tennisspielerin, 1929 gemalt, trägt einen weiten, gestreiften Rock, die Arme hat sie über dem Schläger verschränkt. Sie verfolgt das Spiel hinterm Zaun und erscheint als androgyner Tomboy, als Frau einer neuen Zeit. Staunend, überwältigt, berührt läuft man durchs Frankfurter Städel Museum. Was für ein Werk, was für eine Wiederentdeckung. Es ist die erste große Retrospektive der Künstlerin Lotte Laserstein. Lange, viel zu lange war sie in Vergessenheit geraten. Die Bilder, dicht an dicht gehängt im den dunklen Ausstellungsräumen der Graphischen Sammlung, stammen aus den 20er und 30er Jahren. Entstanden sind sie in Berlin und im Stockholmer Exil.

Lotte Laserstein, 1898 geboren, war eine der ersten Frauen in Deutschland, die Kunst studierten. 1921 schrieb sie sich an der Akademischen Hochschule für die Bildenden Künste in Berlin ein, erst zwei Jahre zuvor hatten sich die Akademien für Studentinnen geöffnet. Schon vorher hatte sie privaten Unterricht, zunächst, damals noch in Danzig, bei ihrer Tante Elsa Birnbaum, die eine kleine Malschule betrieb, später beim Maler Leo von König. An der Akademie stürzte sich Laserstein auf die Kunst des Aktzeichnens. Nur an diesem Ort war es Frauen überhaupt gestattet, männliche Aktmodelle zu studieren und zu zeichnen. Mit Akribie widmete sie sich den Körpern, entwickelte ein genaues Gespür für die Proportionen, die Formen. Der akademische Stil, von vielen Künstlern der Zeit längst verpönt, war für Laserstein noch Neuland. Aus ihm entwickelte sie ihre ganz eigene Bildsprache, aus ihm schuf sie zarte, oft auch schwermütige Porträts und Selbstporträts. Lasersteins Bilder zeigen selbstbewusste, emanzipierte Frauen. Sind sie nackt, dann wirkt es natürlich, aus den Porträtierten machte die Künstlerin keine Objekte. Ihre Begeisterung für die Spätimpressionisten, für den Realismus eines Wilhelm Leibl oder eines Adolph von Menzel ist nie zu übersehen, trotzdem sind diese Malereien neu, modern, Bilder der Zeit.

„Hoffnungslos altmodisch“

Laserstein war früh erfolgreich. 1928 stellte sie bei der Frühjahrsschau der Preußischen Akademie der Künste neben Oskar Kokoschka, Ernst Ludwig Kirchner und Willi Baumeister aus. Ihr dort gezeigtes Gemälde Im Gasthaus wurde für die städtische Kunstsammlung erworben. Die junge Künstlerin tat vieles, um ihre Karriere zu befeuern. Sie gab ihre Werke an Magazine wie Die Dame oder Der Bazar, die sie gerne druckten, sie beteiligte sich an Kunstwettbewerben, sie engagierte sich im Verein der Berliner Künstlerinnen. In der Galerie Gurlitt und im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart hatte sie Einzelausstellungen. Max Osborn, der bekannte Kunstkritiker der Vossischen Zeitung, und viele andere schwärmten von ihrer Kunst.

Wie konnte diese aufstrebende, eigensinnige Malerin trotzdem so schnell ins Abseits geraten? Natürlich spielte ihre Vertreibung eine große Rolle. Christlich getauft, aber wegen ihrer Vorfahren von den Nationalsozialisten als Jüdin kategorisiert, erfuhr Laserstein schon kurz nach der Machtergreifung Diskriminierung. An der Kunstakademie durfte sie nicht mehr für ihre private Malschule werben, die ihr den Unterhalt sicherte, 1935 musste sie die Schule schließen. Zwei Jahre später verhalf ihr eine Ausstellung in der Stockholmer Galerie Moderne zur Flucht. Mit einem Großteil ihrer Werke konnte sie das Land verlassen. Eine Scheinehe, vermittelt von der Jüdischen Gemeinde in Stockholm, sicherte ihr das Aufenthaltsrecht in Schweden. In einem Seitenflügel der Frankfurter Ausstellung hängen einige der Gemälde, die in den ersten Jahren ihrer Emigration entstanden sind, darunter auch ein Porträt des ebenfalls aus Berlin geflüchteten jüdischen Juristen Walter Lindenthal. Der Emigrant, lautet nüchtern-sachlich der Titel. Resigniert sitzt der Geflüchtete da, die Hände gefaltet, eine wuchtige Decke auf dem Schoß. Die Augenpartie hat die Malerin verwischt. Er erscheint wie ein Geist, wie einer, der langsam verschwindet, sich auflöst. Auch Laserstein wurde im skandinavischen Exil zur Unsichtbaren.

An ihre frühe Karriere konnte sie aber auch nach dem Kriegsende nicht wieder anschließen. Von ihrer Kunst konnte Laserstein zwar immer gut leben, als Porträtistin war sie gefragt, doch außerhalb von Schweden fand sie keine Beachtung mehr. Ihr Stil passte nicht mehr zum Zeitgeist, der allem Figürlichen misstraute. Während sie weiter an ihren Porträts arbeitete, dominierte in Deutschland längst der Informel, schuf Jackson Pollock seine Drip-Paintings und feierte Yves Klein mit seinen monochrom-blauen Flächen Erfolge. „Hoffnungslos altmodisch“, beschrieb Laserstein sich damals selbstironisch. Und auch später, als die Künstler der „Neuen Sachlichkeit“ wieder in den Fokus gerieten, profitierte Laserstein davon nicht. Man zählte ihre Werke, die zeitgleich und aus einem verwandten Geist entstanden sind, nicht einmal dazu. Gefeiert wurden die Fratzen und Satiren, die kühlen und glatten Figuren von Christian Schad und Otto Dix, das Schrille, das Schockierende. Dieses Goldene-Zwanziger-Klischee aus Glamour, Opium und Prostitution haben Lasersteins Gemälde nie bedient. Aber auch die expressiver arbeitenden Künstlerinnen der „Neuen Sachlichkeit“ wie Elfriede Lohse-Wächtler, Kate Diehn-Bitt oder Jeanne Mammen gingen im Vergleich mit den Männern unter. Was Geschlechtergerechtigkeit angeht, war die Kunstwelt nur selten Avantgarde.

Offensichtlich politisch waren Lasersteins Gemälde nie, doch sie waren Zeugnisse der Zeit, kommentierten subtil. Das einzige Selbstporträt, das sie in einer Rolle darstellt, zeigt sie als Polly Peachum in Bertolt Brechts Dreigroschenoper. 1932 malte sie dieses Bild, genau in dem Moment, in dem die an die Macht strebenden Nationalsozialisten mit einer groß angelegten Kampagne gegen Werk und Autor ins Feld zogen. In der Mitte der Schau steht Lasersteins monumentalste Arbeit: Abend über Potsdam, entstanden 1930, im Jahr nach dem die Weltwirtschaftskrise auslösenden Zusammenbruch der New Yorker Börse. Fünf Freunde darauf, die an einer langen Tafel auf einem Balkon zusammengekommen sind, im Hintergrund zeigt sich unter Wolken ein weites Stadtpanorama. Keiner guckt den anderen an, die Blicke sind abwesend, niemand spricht, die Körper sind gebeugt. Der Himmel scheint die Menschen geradezu zu erdrücken, alles ist Starre auf diesem Bild, Unsicherheit. Man liest es heute wie eine Vorahnung der kommenden düsteren Jahre.

Es ist ein großes Glück, dass diese Ausstellung, nach einer ersten Präsentation, die 2003 im Verborgenen Museum in Berlin zu sehen war, die Künstlerin Lotte Laserstein endlich wieder ins Licht rückt. Und auch auf dem Kunstmarkt ist ein Laserstein-Boom zu spüren. Wohl gut 10.000 Werke hat Laserstein bis zu ihrem Tod im Jahr 1993 noch erschaffen, schätzen die Kuratoren der Frankfurter Schau, vieles davon ist bis heute unbekannt. Es dürften noch einige Schätze darunter sein.

Lotte Laserstein Städel Museum, Frankfurt am Main, bis 17. März 2019

06:00 18.10.2018
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