Schickt sich das?

In aller Stille Die Demoskopie vermeldet immer mehr Feinde der Demokratie. Durch gutes Zureden werden es kaum weniger

Die Gedanken sind bekanntlich frei. Das waren sie schon, bevor Walther von der Vogelweide im 13. Jahrhundert sich dieses Gedankens freute und ihn ins Gedicht füllte. Die Gedankenfreiheit ist nicht etwa eines der sagenhaften "Freiheitsgüter". Sondern frei sind die Gedanken, weil sie (angeblich) niemand erraten kann und weil sie in ihrer flüchtigen Gestalt ("sie fliehen dahin") nicht justiziabel sein können, nicht einmal in der finstersten Diktatur. Nur Verrückte - und also auch Verliebte und Alleinherrscher - wollen wissen: Woran denkst du gerade?

Natürlich kann man sie dennoch manchmal erraten, denn wer denkt, gibt Zeichen. Um beim Erraten keine Flüchtigkeitsfehler zu machen und dem Auftraggeber vertrauenswürdig zu erscheinen, wurde das Instrumentarium der Meinungsforschung erfunden. Meinungen erforschen ist etwas anderes als Gedanken erraten. Meinen ist Sagen. Und Sagen ist Tun. Und bei aller Meinungsfreiheit - wer tut, ist justiziabel. Beim NPD-Parteitag am Wochenende in Berlin wurde ein "Kamerad", der eine Lobrede auf Hitler hielt, vom Versammlungsleiter (oder Führer?) gerügt: Denken dürfe er das zwar, nicht aber sagen. "In der Still´, wie es sich schickt", heißt es darob im Liedlein! Deshalb sichert die Meinungsforschung beim Meinen Anonymität zu.

Eigentlich aber weiß sie längst, dass Meinungen wohlfeil sind. Meinungsforscher werden belogen von Hacke bis Nacke. Die Probanten spielen virtuos auf der dargebotenen Klaviatur - protestieren, drohen, simulieren, wichtig zu sein - flotter als die Meinungsforscher selbst. Deshalb rechnet die Demoskopie fixe Faktoren ein - Zahlenwerte für den Umfang, in dem sie erwartungsgemäß über die Gedanken, die bekanntlich frei sind, getäuscht wird. Doch auch das hilft nichts. Um nicht aufgeben zu müssen, fragen die Demoskopen neuerdings lieber nach "Einstellungen". Damit gehen sie zu den Gedanken auf Tuchfühlung. Über die "Einstellungen" glauben sie, sich des Intimen bemächtigen, den Code knacken, das Koordinatensystem des Menschen freilegen zu können, rauszukriegen, wie einer tickt: Was er auch meint, also sagt, also tut - wir kriegen ihn!

Eine Serie von aktuellen Erhebungen - "Erhebung" ist der Begriff für den schmutzigen Versuch, den Gedanken die Freiheit zu rauben - haben jüngst "Ungeheuerliches" ergeben ("ungeheuerlich" ist gut fürs Geschäft): Die Deutschen fallen sukzessive von der Demokratie ab. Verdammt, die Demokratie! Ist das nicht das feine Ding, das wir den Chinesen, Kongolesen und Afghanen empfehlen? Und zweitens: Rechtsextrem, antisemitisch, ausländerfeindlich sind sie auch. Nicht alle natürlich, aber immer zu viele.

Warum Staat und Gesellschaft das wissen müssen? Um die Bevölkerung künftig intensiver mit den Mitteln der politischen Bildung vor falschen Gedanken bewahren zu können, und zwar die gesamte, und zwar alle. Arbeit, Lohn, Beteiligung und ein angstfreies Leben können Staat und Gesellschaft nicht allen geben, darauf weisen sie vorsorglich hin. Aber dass richtig gedacht und richtiger gemeint wird, dafür wollen sie nicht untätig sein. Dafür haben sie spezielle steuerfinanzierte Organe. Und es ist hohe Zeit! Denn 15 Prozent der Westdeutschen und neun Prozent der Ostdeutschen sind antisemitisch eingestellt, behauptet die Studie. Auf die rassistische Fangfrage: "Glauben Sie, dass Juden üble Tricks anwenden, um ihre Ziele zu erreichen?" ist es signifikant zu rassistischem Meinen gekommen. In Bayern besonders! Und der Nazizeit trauern auch noch welche nach; wie viele die DDR wiederhaben wollen, wurde diesmal nicht gefragt. Da wir nicht wissen, wer die Idioten waren, die so meinten und vielleicht auch denken - angeblich stammen sie "aus der Mitte der Gesellschaft" und sind tendenziell über 60 - bleibt uns nichts anderes übrig, als uns gemeinsam zu schämen.

Warum die Frage nach den "üblen Tricks der Juden" rassistisch und eine Fangfrage ist? Weil die Frage "Glauben Sie, dass Tankstellenpächter beziehungsweise Politiker beziehungsweise einarmige Jungfrauen üble Tricks anwenden, um ihre Ziele zu erreichen?" ebenso bejaht würde. Hier und nicht "in der Still´, wie es sich schickt" darf man einmal aussprechen, dass Juden auch nicht besser als Tankstellenpächter, Politiker und einarmige Jungfrauen sind. So kommt man zum antisemitischen Meinen - also Tun - und wird gnadenlos mitgezählt.

Natürlich, allein die Ahnung, dass zahlreiche Zeitgenossen viel braunen Sud im Hirn tragen, ist unerquicklich. Ob mehr im Osten oder mehr im Westen, ist dabei egal. Sie werden vermutlich durch gutes Zureden nicht weniger. Wenn ein gewiefter Verführer käme, hätte er mit ihnen leichtes Spiel. Aber Kurt Beck ist das nicht. Ihre Gedanken sind frei. Und ihr Tun? Zumeist, sagt die bereits genannte Erhebung, wählen die inkriminierten Prozentsätze SPD oder CDU. Das allerdings sollte man ihnen nicht durchgehen lassen.

Aber "die Abkehr der Deutschen von der Demokratie" - da muss man doch was tun, oder? Das wäre zu spät. Die Parteien-Demokratie, das geschmeidige Gruppenhandeln zur Sicherung der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse vor der lohnabhängigen oder arbeitslosen Mehrheit, ist natürlich noch längst nicht am Ende. Aber sie ist durchschaut. In Eberswalde, nordöstlich von Berlin, wurde - weil der letzte wegen Korruption abhanden kam - kürzlich ein neuer Bürgermeister gewählt. Zwei Drittel der Bürger gingen nicht hin. Vermutlich waren da auch ein paar Leute dabei, die sich einen Führer wünschen. - Was aber denkt der große Rest? Keine Ahnung, denn die Gedanken sind bekanntlich frei! Vermutlich aber sind die Leute schlauer als bisher angenommen.


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00:00 17.11.2006

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