Schiefe Schlachtordnungen

1914 In den meisten aktuellen Büchern zum Ersten Weltkrieg fehlt der militärhistorische Blick auf die Ereignisse. Aber ist das wirklich gut so?
Jürgen Busche | Ausgabe 02/2014 3

Das eindrucksvollste Buch, das je über den Ersten Weltkrieg geschrieben wurde, ist immer noch das Mega-Drama von Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit. Darin wird in kurzen und kürzesten Szenen das Lächerliche, Grauenhafte, Verzweifelte des Geschehens vorgeführt. Und nicht nur das Geschehen an der Front – das sogar am wenigsten. Gezeigt wird der Tiefpunkt der Kultur in allen Teilen des öffentlichen Lebens, Realsatire.

Hundert Jahre nach Ausbruch des „Großen Krieges“ scheinen die meisten Historiker, die der Erinnerung an das bedeutende Ereignis mit umfangreichen Büchern vorauseilen, an Kraus’ Perspektive anschließen zu wollen. Wer Kriegsgeschichte als Geschichte militärischer Leistungen und Fehlleistungen zu studieren wünscht, wird knapp oder gar nicht bedient. Am ehesten mag er noch mit Herfried Münklers stattlichem Werk Der Große Krieg zufrieden sein, das auch in manch anderer Hinsicht vorzüglich genannt zu werden verdient.

Christopher Clarks längst, aber nicht überall (vgl. Michael Jäger in seinem Freitag-Blog) hochgerühmtes Buch Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog endet da, wo die ersten Soldaten die Grenzen zu ihren Nachbarländern überschreiten, um dort Krieg zu führen. Was Clark schildert, ist der Krieg, den die Diplomaten überall verloren hatten, bevor die Generäle ihn zu gewinnen suchten. So detailliert und spannend erzählt hat man die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges noch nicht gelesen.

Karl Kraus

Adam Hochschilds Buch Der Große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg beschäftigt sich mehr als mit irgendwelchen Waffentaten mit der Innenpolitik im Krieg, und zwar der in England. Was schon im Titel an Karl Kraus denken lässt, begegnet dem im Buch auf bedrückend ausführlichen Seiten, ganz ohne satirischen Witz. In England gab es all die Jahre den heftigsten zivilen Widerstand gegen den Krieg, auch das rücksichtsloseste Vorgehen gegen alle als defätistisch empfundenen Tendenzen. Hauschild zählt die von britischen Militärs verfügten Hinrichtungen britischer Soldaten auf: 1914 vier, 1915 fünfundfünfzig, 1916 fünfundneunzig. „Im beträchtlich größeren deutschen Heer, das wir uns im Hinblick auf die Disziplin im Allgemeinen sehr viel drakonischer vorstellen, sind während des gesamten Krieges nur 48 Mann vor ein Erschießungskommando gekommen“, schreibt Hochschild. Die deutsche Militärgerichtsbarkeit holte das ab 1939 nach.

Drei weitere Bücher deutscher Historiker – Hirschfeld/Krumeich: Deutschland im Ersten Weltkrieg (S. Fischer), Oliver Janz 14 – Der große Krieg (Campus), Ernst Piper Nacht über Europa – Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs (Propyläen) – treiben das Desinteresse am Militärischen über das Maß hinaus, das für Geschichtsschreibung akzeptabel scheint. Wichtige Namen, etwa der des Vizeadmirals Hipper aus der Skagerrak-Schlacht – in der internationalen Literatur ausgezeichnet –, fehlen vollständig. Wichtige Ereignisse werden in der Verknappung der Darstellung fast zur Karikatur, freilich ohne satirische Absicht.

Trottel oder Schurken

Herfried Münkler, notabene ein Politikwissenschaftler, ist auch in der Darstellung der militärischen Abläufe der Beste. Den Aufmarsch 1914 im Westen, die Dilemmata des Schlieffenplans, dessen Scheitern und das Ende der Erwartung eines raschen Sieges mit dem Rückzugsbefehl an der Marne – all das stellt er so gut dar, wie man es kaum jemals geboten bekommen hat. So unterscheiden sich auch die Schlüsse, die er dem Leser vorträgt, deutlich von vielen früheren Voten: „Es lässt sich jedenfalls nicht mit Sicherheit entscheiden“, schreibt Münkler, „wie die Marneschlacht bei Fortsetzung der deutschen Offensive ausgegangen wäre. Sie hätte zu einer Katastrophe für die Deutschen, aber auch zur Erschöpfung der französischen Kampfmoral, zu einem ungeordneten Rückzug und zum Zusammenbruch der französischen Armee führen können.“

Eine solche differenzierte Betrachtung auf der Basis detaillierter Darstellung sucht man bei den aktuellen Historikern vergeblich. Woher kommt die Abneigung, den Krieg wenigstens auch militärhistorisch angemessen darzustellen? Eine Ursache dafür mag in der Sorge liegen, beim Präsentieren soldatischer Leistungen – und darum geht es nun einmal auch – heroische Bilder zu produzieren, die einst nachhaltig das Denken mindestens dreier Generationen bestimmten. Wenn Münkler – scheinbar unbefangen – das planmäßige Vorrücken deutscher Armeen durch Belgien und Nordfrankreich im August 1914 als eine der größten Leistungen der Kriegsgeschichte bezeichnet, dann schrecken Historiker zurück, die in ihrer Tradition als Legitimationsbeschaffer jeweiliger zeitgemäßer Politik deutsche Militärs nur als Trottel oder Schurken darzustellen belieben.

Ein anderer, ernster zu nehmender Grund mag das Desinteresse am klassischen Kriegstheater mitbestimmen. Jahrhundertelang war Kriegsgeschichte ein Feld, auf dem das Ansehen der Geschichte als magistra vitae, als Lehrmeisterin für das Leben, ungebrochen war. Die „schiefe Schlachtordnung“ lernte man bei Epaminondas und Friedrich dem Großen, die Bedeutung der Marschbewegungen vor einer Schlacht bei Napoleon und Moltke.

Vom Kriege lernen

Dass alles Gelernte nichts mehr wert ist, wenn einmal das Schießen begonnen hat, lernte man bei allen. Für das, was Politiker und Militärs heute in Kriegen zu erwarten haben, gilt das kaum. Wer heute noch große Panzerarmeen aufbieten kann, um eine andere große Panzerarmee zu bekämpfen, weiß, dass vor der Entscheidung der Gegner wahrscheinlich Atomwaffen einsetzen wird – der letzte Irak-Krieg war da schon ein Anachronismus. Kriege wie bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es heute nicht mehr und wird es nicht mehr geben. Bewaffnete Konflikte werden heute in asymmetrischen Kriegen ausgetragen, wo dem einen die waffentechnische Überlegenheit nichts nützt und der andere aus der Begrenztheit seines Ressourcenbedarfs an Ort und Stelle seine Vorteile zieht. Guerilla-Kriege hat es immer gegeben – und sie können auch von der ortsfremden Macht gewonnen werden. Indes diese Macht muss den Krieg – wie jeden Krieg – auch innenpolitisch durchsetzen und durchhalten. Hauschilds Buch zeigt, wie schwer das sein kann.

Alle neuen Bücher zum Ersten Weltkrieg beschreiben mit unterschiedlicher Intensität und Kompetenz, wie der Krieg die Menschen veränderte, besonders die, die gar nicht kämpften. Hier ist die sichtbarste Annäherung an die Perspektive von Karl Kraus festzustellen. Die Professoren, die Lehrer, die Vereine, die Interessenverbände, die Kirchen, die Schriftsteller, die Jugend, die Presse. Vieles davon befand sich 1914 auf einem Höhepunkt der Entwicklung. Um so krasser fiel die Pervertierung aus. Und die wirkte bei den Verlierern des Krieges besonders lang nach.

Einige Fragen zum Ersten Weltkrieg werden kontrovers diskutiert, seit die ersten Kanonen brüllten. Zuerst die Frage: Wer war schuld? Clark und Münkler sind hier am sorgfältigsten. Beide orientieren sich am Gesamtinteresse der beteiligten Länder. Frankreich wollte Elsass-Lothringen zurückhaben, Russland wollte sich als Schutzmacht der Slawen innenpolitisch festigen. Das deutsche Reich wollte nicht den Zeitpunkt abwarten, wo die viel heftiger rüstenden Nachbarn es in einem Zweifrontenkrieg besiegen konnten. „Großbritannien“, bemerkt Clark, konnte „nicht untätig bleiben und zusehen, wie Frankreich von Deutschland niedergeworfen wurde.“

Keine Kriegsziele

Münkler analysiert minutiös die diplomatischen Schritte der Beteiligten mit dem begrifflichen Instrumentarium der Politikwissenschaft, beachtet aber auch die Konstellation der Mächte, wie sie zuvor schon in der Parallele zum Peloponnesischen Krieg gesehen wurde. Von einer deutschen Hauptschuld oder gar Alleinschuld am Ausbruch des Krieges wird man nicht mehr reden können.

Man hat dies lange Zeit mit Blick auf die Kriegsziele der Deutschen getan. Tatsächlich zeigen Clark und Münkler, dass Berlin als einziger Akteur im Geschehen vor 1914 keine Kriegsziele hatte. Die Diskussion verlief in der Folgezeit wohl deshalb so stürmisch, da im flachen Gewässer bei Sturm die Wogen besonders hochgehen. Immerhin wollten bald schon auch gemäßigte Leute, wie Ernst Piper schreibt, zwar keine „territoriale Expansion“, „sondern durch eine Zoll- und Wirtschaftsunion die Vorherrschaft des Deutschen Reiches in Europa sichern.“ Hundert Jahre später haben die Deutschen das nach Ansicht vieler Europäer geschafft. Wenn das mal gut geht.

Der große Krieg. Die Welt 1914 – 1918 Herfried Münkler Rowohlt Berlin 2013, 928 S., 29,95 € Der große Krieg: Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg Adam Hochschild Klett-Cotta 2013, 525 S., 26,95 €

06:00 22.01.2014

Ausgabe 15/2020

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