Schießen und weinen

Selbstkritik Michael Warschawskis Band "An der Grenze" definiert jüdische Identität als Grenzgängerei und Solidarität mit den Unterdrückten

Der jüdische Israeli Michael Warschawski versteht sich als Grenzaktivist, als Grenzüberschreiter ebenso wie als Grenzenbewahrer. Warschawski wurde 1949 in Straßburg als Sohn eines Rabbiners geboren, 1965 ging er nach Jerusalem, um dort Talmud zu studieren - und in der Folgezeit, etwa unter dem Eindruck des 6-Tage-Kriegs im Juni 1967, entwickelte sich seine Kritik und sein Widerstand gegen das, was er im eigenen Land als kolonialistisches Verhalten bezeichnet. Sein Buch An der Grenze ist entlang des eigenen Lebens geschrieben, ohne damit eine Autobiografie zu sein; vielmehr geht es vor allem darum, die Geschichte und Gegenwart Israels aus der Sicht eines leidenschaftlich engagierten und dabei höchst unorthodoxen linken Aktivisten zu beschreiben.

Frieden ist nicht als Trennung, sondern nur als Koexistenz zu denken; diese derzeit kaum mehrheitsfähige grundlegende Überzeugung hatte konkrete Folgen. Warschawski schloss sich in den sechziger Jahren dem linksradikalen, trotzkistisch beeinflussten Mazpen an. Für ihn, den von der Diaspora geprägten Juden, scheint es sehr nahegelegen zu haben, universelle Ideale zu vertreten und sich mit den Unterdrückten wo auch immer zu solidarisieren. Warschawski und seine Freunde verstanden sich als Internationalisten, und so war es ganz natürlich, sich viele Jahre lang mit palästinensischen und arabischen Linken aus diversen Ländern zu treffen, um, so heißt es, ein Gespräch zu führen, das vor einem Jahrhundert begann und das an allen Ecken und Enden des Globus geführt wurde und immer noch wird: Wie befreit man sich aus allerhand Unterdrückungszusammenhängen?

Wie kann man noch in Zeiten eines latent schwelenden, verborgenen Krieges ein Grenzgänger sein und Werte wie Brüderlichkeit von Seite zu Seite schmuggeln? Und wenn schon überhaupt "Grenze", impliziert der Ausdruck nicht auch ein Minimum an Gegenseitigkeit? Muss man den Begriff und die Tatsache "Grenze" nicht deutlich unterscheiden vom Begriff und von der Praxis der "Abriegelung"? Welche Möglichkeiten gibt es demnach dann auch, Grenzen zu schützen? Wie lässt sich den ultrarechten Siedlern, die keine Grenzen kennen, etwas in den Weg legen? Wo sind die Grenzen der Solidarität mit der eigenen Regierung, wenn man sich die Tatsache der besetzten palästinensischen Gebiete vor Augen führt? Man konnte und kann etwa dahin kommen, den Militärdienst, wenn überhaupt, dann nur auf israelischem Gebiet abzuleisten. Es versteht sich, dass Warschawski und seine Mitstreiter sich gelegentlich an der Grenze zum Gesetzlichen bewegten, wobei der Autor in einer Gerichtsversammlung ruhig behauptete: Alles, was nicht strengstens verboten sei, sei koscher.

Der Abriss jüngerer Zeitgeschichte, den Warschawski souverän, oft selbstironisch, immer eigenständig schildert, kann die Leser trotzdem traurig machen, denn man liest hier, und zwar in einem glaubwürdigen, emphatischen Ton, wie viel Kluges seitens der Linken schon gedacht und erprobt wurde - und wie die Hoffnungen auf Verbreiterung, auf Verallgemeinerung enttäuscht wurden. Dabei dreht es sich in seinem Buch ja nicht nur um die auch hierzulande bekannten Prozesse wie Rechtsruck der Mitte, Hinwendung zum Neoliberalismus, Marginalisierung der Linken und ihrer Werte. Für kritische Israelis kommt neben vielem anderem immer noch die Auseinandersetzung mit der Tatsache hinzu, gegen den eigenen Willen in der Position des Besatzers, des Kolonisatoren zu sein. In diesem Punkt richtet sich Warschawskis Kritik vor allem gegen die "Linkszionisten", deren unbestimmte, ungenaue Haltung schließlich einen großen Teil der Bevölkerung in die Arme der Rechten getrieben habe. Die Formel "schießen und weinen" lasse keinen Platz für ein anderes Opfer, der jüdisch-israelische Soldat nehme sich als doppeltes Opfer wahr, als der Angegriffene und als derjenige, dem es aufgezwungen werde, gewaltsam zu handeln. Warschawski kritisiert auch, wie einseitig die Linkszionisten sich an "der" modernen liberalen westlichen Kultur orientieren würden, deren negativen Seiten übersehen würden - im Grunde hätten die Linkszionisten gerne die USA oder die Schweiz als Nachbarn; sie würden sich nicht der Tatsache stellen, dass sie mit und neben Arabern lebten.

Das Buch entfaltet die vielschichtigen Interessen und Widersprüche innerhalb der jüdisch-israelischen Gesellschaft auf äußerst differenzierte Weise. Und es zeigt einmal mehr, wie auch in Israel die emanzipatorischen Bewegungen das Kunststück vollbringen müssen, viereckige Kreise zu ziehen. Und so nimmt auch die Frage nach den eigenen Werten beziehungsweise nach den Wertverschiebungen innerhalb des im weitesten Sinne fortschrittlichen, friedenssuchenden Teils der Bevölkerung einen wichtigen Raum in Warschawskis Buch ein. Wenn einer wie er dem postmodernen Relativismus etwas entgegensetzen will, wird er irgendwann für die Rechte der Orthodoxen demonstrieren, auch und gerade wenn er sich Israel als einen säkularen, demokratischen Staat für sämtliche Bewohner wünscht.

Was das Verhältnis zur Jugend angeht, ist Warschawski weit entfernt von der Arroganz mancher 68er, die nur ihre eigenen Taten loben; er sucht das Gespräch und die Zusammenarbeit. Dabei stellt er fest, dass der "jüdische Staat" und eine damit verbundene nationale Identität vielen Jugendlichen überholt scheint; ihre "Heimat" ist die globalisierte, vernetzte Welt und das Internet. Und ihre Vorbilder sind weltweit operierende Organisationen wie etwa Greenpeace. Dabei muss es einen gestandenen Linken wie Warschawski gelinde gesagt erstaunen, welche Prioritäten "die Jugend" teilweise setzt; Kritik an sozialen, ökologischen, kulturellen Zuständen kommt vor der politischen Analyse. So dass anlässlich einer Demonstration gegen eine weitere neue Umgehungsstraße bei Ramallah Teile der Jugend mit Plakaten aufkreuzte, auf denen es hieß: "Nein zur Straße, ja zum Zug".

Man kann sich während der Lektüre des Buchs fragen, warum Warschawski seiner radikalen Kritik "der" zionistischen Politik nicht eine Kritik "der" palästinensischen nationalen Befreiungsbewegung hinzufügt, ob deren Kampf jedes Mittel rechtfertigt und mithin nicht von außen kritisierbar ist. Warschawski selbst begründet seine Haltung ausführlich mit den auch in Deutschland bekannten Argumenten, die bis zu Frantz Fanon führen. Ob man ihm darin zustimmt oder nicht, nach der Lektüre von An der Grenze empfindet man große Achtung einem Menschen gegenüber, dessen Lebensprojekt der Kampf um die Emanzipation ist und der dafür in vieler Hinsicht "gezahlt" hat; sei es, dass das "kleine", persönliche Glück den "großen" politischen Forderungen gegenüber meist hintangestellt wurde, sei es Verhaftung und Knast, sei es die Erfahrung von Marginalisierung und Ausgrenzung.

Es ist schade, dass dies Buch bisher noch nicht in Israel erschienen ist; Selbstkritik aus dem Innern eines Landes heraus wird oft für noch gefährlicher als Kritik von außen gehalten. Aber auch im Westen gibt es affektgeschüttelte Zeitgenossen wie die "Antideutschen", denen Warschawskis Positionen antiisraelisch oder antijüdisch erscheinen. Da möchte man allerdings zu bedenken geben, wie der Autor selbst seine Haltung begründet: Die jüdische Identität selbst mache ihn zum Grenzgänger, sie bedeute immer auch die Solidarisierung mit den Opfern von Repression.

Michael Warschawski: An der Grenze. Mit einer Einführung von Moshe Zuckermann. Edition Nautilus, Hamburg 2004, 256 S., 19,90 EUR


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00:00 07.01.2005

Ausgabe 39/2020

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