Schlagende Verbindungen

SixPack Der Argon Verlag hat ausgelitten. Aber seine Bücher gibt es noch. Dies hier, aufgemacht wie ein Arzneireport oder Handbuch über Nabelanomalien, ist ...

Der Argon Verlag hat ausgelitten. Aber seine Bücher gibt es noch. Dies hier, aufgemacht wie ein Arzneireport oder Handbuch über Nabelanomalien, ist eine der schönsten literarischen Anthologien, die man sich denken kann: Dichter leiden, weiter schreiben. Selbstmitleid oder Leidselbstmitte, lächerlich wehleidig oder tapfer ironisch - sie litten vom Erkältungskopf bis zum Zehenkrebs, an Medikamenten wie an der Liebe, am Jahresende wie am Todesanfang, jederzeit und jedenorts. Natürlich auch Maler und Musiker, sofern sie sich schriftlich zu fassen wissen, Andy Warhol, Eric Satie und Glenn Gould. Von der Wiege bis zur Bahre Leidenswechseljahre: Der junge Werther und Marcel Proust, Thomas Bernhard und Robert Gernhardt, Philip Roth und Eugen Roth, die Größten nicht zu vergessen: Franz Grillparzer, Adalbert Stifter, Ingomar von Kieseritzky und Harald Schmidt. Ohnehin Thomas Mann. Und Frauen? Hypochondrie scheint ein Männerleiden. Einzig Fanny Müller und Vicki Baum halten der weiblichen Selbstempfindung besorgte Nachtwachen. Das muss man lesen! Freilich am Wochenende nur dann, wenn man die Telefonnummer des Notarztes parat hat.

Ulf Geyersbach u. Rainer Wieland: Schöner Leiden. Die schönsten Krankheiten und die URgrößten Hypochonder des Universums, Argon, Berlin 2004, 408 S., 21,90 EUR


Peter Rühmkorf ist natürlich hypochonderst. Die Frage, "was man einem literarischen Helden als erstes mit auf den Weg gibt, einen Beruf oder eine Krankheit", ist für ihn schnell entschieden: die eigenen Erfahrungen. Krankheit als Beruf, ein Dichter also. Wer so leidenschaftlich leidet, hortet auch lustvoll sich selbst. Derart hat sich Peter Rühmkorf ein opulentes Sammelalbum zum 75. Geburtstag beschert, das man genießen kann, auch wenn man den "Wortakrobaten" kaum kennt. Der Säugling fotografiert wie im Lehrbuch, 1929, am Schwarzen Freitag. Da wächst ein Hellwacher heran, der als Pimpf Flugblätter sammelt wie er später die Kollekte des sprachlichen Volksvermögens hält. Mathematik und Sport mangelhaft. Ein deutscher Dichter. Den aber die Reparaturen seines Motorrads gesunden ließen, wie er notiert. Studenten-Kabarett. Mit Benn und mit Brecht. Lyrik-Schlachter. Konkret. Ein Bilderbuch der frühen Bundesrepublik. Das langsam mit ihr voranschreitet. Zum Schluss, nach der Leistungsschau seiner Buchtitel, rührend, Sohn und Mutter. Das Buch kann man haben müssen!

Peter Rühmkorf: Wenn ich mal richtig ICH sag ... ein Lese-Bilderbuch, Steidl, Göttingen 2004, 156 S., Großformat, zahlr. Abb., 29,50 EUR


Michael Angele war einer von den legendären Berliner Seiten der FAZ - mit der urbanen Melancholie seiner Beobachtungen und den umwerfenden Einfällen, die einen anfielen, wie Handtaschenräuber ältere Damen, nur entschieden häufiger. Einige der Texte von damals findet man hier wieder. Und anders als in wiedergefundenen Handtaschen, ist noch immer alles drin. Michael Angele ist ein Schweizer, der, wenn er nicht in Berlin lebt, auf den Spuren von Robert Walser in die Schweiz reist. "End der Welt" heißt ein Gasthof, der Walser zu einem Märchen anregte. "Im End der Welt scheint nicht viel los. Ich trete näher und lese: Heute Ruhetag." Derart sind die Tröstungen von Angeles Texten, die auch ganz woanders hin führen, zum Geburtshaus von Andy Warhol, auf die Spuren der Kinos in Wim Wenders Im Lauf der Zeit, auch nach Minsk oder Irland. Angele ist, wie er schweizerisch schreibt, "Linkshändler". Was er austeilt, ist nicht das Handelsübliche. Es ist sonder- und kostbar, viel besser als ein Roman, nämlich ständig neue Geschichten eines Helden, um den man sich sorgt, einer der auszog, sich und die Welt zu verlieren und beides wieder mitbringt - als Suchbilder.

Michael Angele: Ankunft Weltende, halb zwölf. Melancholische Erkundungen, List, Berlin 2004, 239 S., 16 EUR


Es regnet Handbücher, noch und noch. Und einer der ergiebigsten Regenmacher ist Volker Meid. Zu allem, was irgend mit Literatur zu tun hat, liefert er. Gäbe es in diesem nicht ein Foto, man müsste glauben, er sei ein PC-Programm. Aber gleich, ob aus einem Kopf oder aus einem Algorithmus entsprungen, dies Handbuch ist ebenso wohl durchzublättern wie gut zu konsultieren. Es ist sorgfältig und aufwändig illustriert und der Text kaschiert geschickt, dass er nicht immer auf der Höhe und oft eher schmal daherkommt. Dennoch vertraut man sich ihm bei der Führung durch die Jahrhunderte gern an, weil es einfach angenehmer ist, sich durch gewichtigen Hochglanz zu Vergessenem, Wiedererinnertem oder längst Vorgenommenem voran zu blättern als durchzuklicken. "Robert Walser wurde erst spät, das heißt seit den sechziger Jahren wiederentdeckt" - und so entdeckt man ein Foto des promeneur solitaire auch erst am Rande eines Kapitels über die Schweiz in den Sechzigerjahren. Die Vergangenheit kommt entschieden besser weg. Damit lässt sich´s lesen - Kost- und Warenpröbchen, Rezepturen und Ferndiagnosen. Indes alles sehr ansprechend gemacht. So passt das Buch nicht nur aufs Abiturientenbord, sondern auch ins Geschenkkörbchen.

Volker Meid: Das Reclam Buch der deutschen Literatur, Reclam, Stuttgart 2004,
526 S., 39 EUR


Mark Twain. So viele Backwoods hätten Bush gar nicht wählen können, dass es einem auch noch den verleiden könnte. Hinfahren muss man ja nicht mehr. Aber lesen wie Mark Twain hier war, kann nun noch weniger schaden. Ein bisschen Buschvolk, sozusagen Eichenbuschvolk, sind wir für Mark Twain schon. Die schlagenden Verbindungen und die anschließend verbundenen Schlagenden, die er lustvoll in Heidelberg porträtiert, sind nicht gerade ein kultureller Vorsprung vor Herrn Rumsfeld. A Tramp Abroad, aus dem Buch seiner Europa-Reise, haben wir hier seine Deutschland-Visite 1878 ausgesingelt. Mit Illustrationen von Hans Traxler, die daraus ein Hausbuch machen, wie die Illustrationen von Otto Ubbelohde es mit den Grimmschen Märchen getan haben. Allein das lohnt schon Kauf, Besitz und Blättern. Na ja, und lesen kann man Mark Twain ja immer. Natürlich lässt er keine Gelegenheit aus, sich über die deutsche Sprache spöttisch herzumachen. "Im Krankenhaus wurde gestern einem Patienten ... ein dreizehnsilbiges Wort herausgenommen". Diese Sprachkritik bekommt noch der Übersetzung gut. Natürlich nehmen Heidelberg und der Süden den großen Batzen ein. (Wer von uns würde schon gern nach Ohio fahren?) In der Oper kennen wir uns besser aus als er. Dafür hat er wiederum schöne Sagen gesammelt. 1: 1 für Twain und seine Leser.

Mark Twain: Bummel durch Deutschland. Mit Bildern von Hans Traxler, Frankfurt a.M.: Edition Büchergilde 2004, 267 Seiten, 24,90 EUR


Apropos Bibel-Amerika. Wenn einem die Weltwinkel zu unübersichtlich oder die Gefahren vor der Tür zu groß werden, dann greift man gern zu Bibel oder Atlas. Schlägt ein Bibel-Atlas zwei Fliegen mit einer Klappe? In dieser Kreuzfahrer-Welt, mit dem Fundamentalismus schon im Hausflur, daher vielleicht in der Verlegenheit, ein bisschen mehr als das, was vom Kindergottesdienst haften geblieben ist, oder endlich mehr als bisher nichts über die Bibel wissen zu wollen, mag man zum Bibel-Atlas greifen. Waren fürs Kind die Bilder an der Bibel das Beste, so wird der Erwachsene deren dunklen Zauber freilich in den Schautafeln, Piktogrammen und Zeitrouten nicht wiederentdecken. Glücklicherweise auch nichts von jenen grafischen Dummteufeleien, mit denen die dtv-Atlanten zur Literatur und zur Philosophie einem seinerzeit den Beelzebub des Wissens austrieben. Am ehesten bekommt hier der lachende Atheist Mühlenwasser, der beobachten will, was die anderen ankarren, um noch Land zu sehen. Recht bekommt er deshalb noch nicht. Außer darin: Zu apart banal sind allzu oft die Illustrationen, zu esoterisch die Geschichten, die sie verdeutlichen sollen.

Annemarie Ohler: dtv-Atlas Bibel" target="_blank">dtv-Atlas Bibel, dtv, München 2004, 263 S., 19,50 EUR


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01:00 19.11.2004

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