Schnelle Idyllen

Der Kurzfilm blüht Das 14. Filmfest Dresden besinnt sich auf eigene Traditionen

Ästhetisch korrekt wird die Filmkunst heute unter dem Oberbegriff "zeitbasierte Medien" abgebucht. Die Formel ist einfach: Organisierte Fläche plus organisierte Zeit gleich bewegtes Bild. Dabei ist Film immer auch schon ganz materiell Ausdruck von Vergänglichkeit. Das Kinoerlebnis vergeht, mal mehr oder weniger reizvoll, mehr oder weniger schnell. Natürlich gibt es dabei auch im Kino neben der messbaren die gefühlte Zeit. Am Flüchtigsten erscheint das Kino im Kurzfilm. Dabei entspricht dessen Schnell(leb-)igkeit ideal einer beschleunigten Zeit. Der Kurzfilm blüht, sowohl das Internet wie die explodierende Zahl von Filmschulen steigern den Output. Und er wird auch gesehen, auch wenn die durchschnittlichen Kinobesucher das kaum bemerken. Denn seine Lebensräume sind weder im Fernsehen noch im Kinoprogramm zu finden, wo er als Feature, Clip oder Vorfilm ein kärgliches Gastdasein fristet. Die Biotope des Kurzfilms sind die entsprechenden Festivals, die gerade in den letzten Jahren auch in deutschen Landen sprießen. Aberdutzende sind es mittlerweile, von Augsburg bis Weiterstadt, und jede Woche, so meint man, kommt ein weiteres dazu.

Mit seinen vierzehn Jahren ist das Filmfest Dresden da schon eine mittelalte, traditionsgesättigte und etablierte Institution. Etabliert, weil das Festival mit städtischen und Landesmitteln eine solide Lebensgrundlage hat, die es erlaubt, auch außereuropäische Filme samt Machern einzuladen. Traditionsreich, weil man sich nach den bundesdeutschen Autorenfilmen gewidmeten Anfängen in den Endachtzigern mittlerweile bewusst auf regionale Traditionen zurückbesonnen hat: Fast dreißig Jahre lang war Dresden Heimstatt der DEFA-Trickfilmproduktion, eine Geschichte, der dieses Jahr unter anderem mit einer neu eröffneten kleinen Dauerausstellung in den Technischen Sammlungen der Stadt ein Denkmal gesetzt wurde.

Trotz aller Tradition: Mit internationalem und nationalem Wettbewerb und vielen meist länderorientierten Sonderprogrammen ist das Programm unter dem jetzigen Festivalleiter Robin Mallick durchgängig aktuell orientiert und zieht an seinem Hauptschauplatz, dem Kino Schauburg im Herzen des Szenebezirks Neustadt das junge Publikum in Trauben an. Auch die Filmemacher sind meist in jugendlichem Alter. Das filmische Spektrum reicht von der Animation über dokumentarische und experimentelle Produktionen bis zum Kurzspielfilm in all seinen Varianten von adretten Salonstückchen bis zum düsteren Kurzdrama.

Trends? Nun ja: Der Gagfilm, der sein ganzes Witzpotential auf die vermeintlich überraschende Schlusspointe setzt, scheint glücklicherweise aus der Mode zu kommen. Viele Filme thematisieren die Lebenserfahrungen von Jugendlichen selbst. Und wie auch im Langfilm lässt sich eine Entwicklung von Unverbindlichkeiten zu engagierten Sujets und Haltungen ausmachen, die von den Jurys auch entsprechend gewürdigt wurde. So ging der Hauptpreis des Deutschen Wettbewerbs an den Dokumentarfilm Howrah Howrah von Till Passow, der in zwanzig Minuten das Leben auf und um den gleichnamigen Hauptbahnhof in Kalkutta porträtiert. Meska Sprawa (Männer-Sache) von Slawomir Fabicki aus Polen, der den Hauptpreis im Internationalen Wettbewerb erhielt, zeigt in dokumentarisch anmutendem Schwarz-weiß drei Tage aus dem Leben eines Dreizehnjährigen, der an der Gewalt seiner Umgebung zu zerbrechen droht. Auch der mit dem Animationspreis ausgezeichnete britische Camouflage (Regie: Jonathan Hodgson) beschäftigt sich mit Kindheitssorgen, bedient sich dabei aber neben einigen eindringlichen Spielszenen allzu eklektizistisch diverser grafischer Stilmittel. Ein erfreuliches Zeichen, dass die siebenköpfige Jugendjury ihren Preis an einen britischen Antikriegsfilm vergab, der auch einen Publikumspreis erhielt. Hero von Paul Whittington erzählt von Mattys großem Bruder Mark, der als Psycho-Wrack aus dem Falklandkrieg zurückkehrt. Whittington beschränkt sich dabei ganz auf das Ausloten der Kleinfamilienkonstellation, der er in bester britischer Tradition mit lakonischem Understatement trotz aller Bitterkeit einige humorvolle Facetten abringt.

Film ist Fläche plus Zeit. Das Kino im Kopf dagegen wuchert in mindestens vier Dimensionen. Die Qualität von Filmen beweist sich auch darin, wie sehr es ihnen gelingt, der von ihnen vorgestellten Welt eigenständige raumweltliche Existenz zu schaffen. Dabei hängt diese Präsenz entgegen aktuellem Hollywood-Gebaren in erstaunlich geringem Maße vom Aufwand an eingesetzter Technik ab. Daniel Nockes Der moderne Zyklop (Preis für den besten deutschen Animationsfilm) etwa ist - als satirische Neuerzählung antiker Mythologie - ein Knet-Figurenfilm, der mit betont schlichten Mitteln erstaunliche Suggestionen erzeugt. Ein dunkler Fleck, ein wie von Kinderhand gemaltes Schiff, ein blaues Meer, das reicht, um eine suggestive Traumlandschaft zu evozieren. Und auch der DEFA-Trickfilm Der Wettlauf (Günter Rätz, 1962) bestrickt mit der minimalistischen Geste, mit der er aus ein paar Drahtverbiegungen Charaktere entstehen lässt.

Film evoziert Vergänglichkeit, doch er bewahrt - etwa im Gegensatz zum Theater - auch ganz materiell Geschichte. Ein Film mag nur drei Minuten lang sein, doch er lässt sich - günstige Umstände vorausgesetzt - auch in hundert Jahren noch ansehen. Vier vom DIAF, dem Deutschen Institut für Animationsfilm e.V. präsentierte Programme mit ost- und einigen westdeutschen Animationsfilmen boten im Rahmenprogramm die Möglichkeit zu Zeitsprüngen in die fünfziger und frühen sechziger Jahre. Von 1955 bis 1992 war Dresden mit dem eigenwirtschaftlich betriebenen Puppen- und Trickfilmstudio der DEFA die Produktionsstätte für den Animationsfilm der DDR. Im Januar 1955 waren die ersten Trickfilmer in die ehemaligen privaten Filmstudios in Dresden-Gorwitz eingezogen. Bald arbeiteten hier achtzig Mitarbeiter, zehn davon in der Regie. Trickfilmerische Pioniere, die filmtechnisch kaum Erfahrung hatten, dafür meist eine künstlerische Ausbildung und viel Enthusiasmus mitbrachten: Katja Georgi etwa und ihr Mann Klaus. Christl und Hans-Ulrich Wiener, Lothar Barke, Otto Sacher. Technisch brillierte man neben dem klassischen Trickfilm bald auch international mit den Spezialitäten Puppen- und Silhouettenanimation. Im Gegensatz zum westdeutschen Trickfilmschaffen, das in jenen Jahren zwischen künstlerischer Avantgarde und Werbefilm oszillierte, bastelten die DEFA-Filmer dabei in offiziellem Auftrag für ein genau definiertes Zielpublikum: Sie sollten "Kinderfilme mit positiver Botschaft" produzieren. Dabei ist das Wort von der positiven Botschaft in den meisten Fällen nur sehr indirekt politisch zu verstehen. Filme wie Lothar Barkes Alarm im Kasperletheater (1960) oder Günter Rätz` Teddy Brumm (1958) erschrecken nicht durch ideologische Vorgaben sondern durch die exzessive Harmlosigkeit, mit der sie eine konfliktfreie Welt suggerieren, eine Betulichkeit, die sich selbst in den kritischeren Filmen für Erwachsene der Endachtziger noch als Grundton wiederfindet. Dass sich die DEFA-Filme damit trotz aller Unterschiede gar nicht so sehr vom Großteil des damaligen westdeutschen Trick-Filmschaffens unterschieden, steht auf einem anderen Blatt: 1992 wurde das Dresdener Studio für Trickfilme abgewickelt. Das Sandmännchen aber hat überlebt und Asyl im Westfernsehen gefunden. Idylle ist eben Überall.

00:00 26.04.2002

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