Schnitzeljagd

Verschärfte Wahrnehmung Mit "Ghost-Machine" verwandelt die Video-Künstlerin Janet Cardiff das Hau 1 in einen interaktiven Spielraum

"Gehen Sie links durch die Tür", sagt die Stimme noch. Dann wird der Bildschirm der Video-Kamera schwarz. Plötzlich bist du verlassen. Mitten im Nichts. Du hast deinen Kopfhörer und deinen Camcorder, der dich bislang durch alle Räume geführt hat, aber jetzt ist Schluss. Und nun?

Die kanadische, mittlerweile international bekannte und ausgezeichnete Visual Artistin Janet Cardiff hat zusammen mit George Bures Miller einen Video-Rundgang durch das HAU 1, das Berliner Hebbel Theater, entworfen. Ghost Machine heißt das Projekt, das die Besucher mit Camcorder und Kopfhörer ausgestattet auf eine virtuelle Schnitzeljagd durch das Gebäude schickt. Der Camcorder mit seinem ausgeklappten Mini-Bildschirm dient als visuelles Leitsystem, per Kopfhörer kommen Anweisungen von der verführerischen Stimme Sophie Rois´- oder auf Englisch von der Künstlerin Janet Cardiff selber. Sie hat ihre Produktion "Videowalk" genannt, und es ist eine Art mobiler Grundriss durch das Theater mit eindeutigen Thriller-Elementen.

Auf dem Bildschirm erscheint eine Frau, die durch das Theater geht. Die Anweisungen aus dem mitgelieferten Soundtrack weisen den Besucher an bekannten Orten des Theaters vorbei in Räume, die sonst verschlossen sind. Oft ist es nur eine kleine Differenz zwischen der realen Umgebung und dem, was man auf dem Bildschirm sieht. Ein Unterschied zwischen Ähnlich und Gleich mit hypnotischer Wirkung. Durch eine verwirrende Zahl von Türen geht es, durch die Garderoben, über die Galerie. Auch wenn alle den gleichen Weg nehmen, das Erlebnis ist individuell. Die Stimme vom Soundtrack erzählt in zusammenhanglosen Fetzen von einem Mann, den sie dort sucht, wo sie auch den Besucher hinleitet. Ist er die Beute am Ende unserer Jagd?

Unwillkürlich synchronisiert man die eigenen Bewegungen mit der Kameraführung im Video. Wie ein Spürhund auf der Fährte, folgt man der Stimme. Es ist unheimlich, wie schnell das geht. Man weiß ja nicht, wohin man da allein mit sich, der Kamera und der magischen Stimme gerät.

Mitunter verschwindet die Frau auf dem Bildschirm, verwandelt sich oder wird zum Schatten. Es geht auf eine Treppe zu. Nebenbei erzählt Big Sister vom Band von sich selbst. Treppen waren, sagt die Erzählerin, für sie immer eine Herausforderung. Auf dem nächsten Absatz dreht sich die Schönheit im Video, Laurie Young, zum Betrachter um, schaut ihm direkt in die Augen und beginnt, sich ein kleines bisschen zu entblättern. "Vorsicht, Stufe", sagt die Stimme vom Band, als ob sie einem direkt ins Hirn schauen könnte.

Cardiff kehrt die Rollen um. Das Video spielt mit dem Zuschauer. Sie stülpt die Logik des interaktiven Computerspiels um, verschränkt die abstrakte, meist nur visuelle Erfahrung mit der körperlichen Erfahrung des Durch-den-Raum-Gehens. Und sie macht den Betrachter zum Raum des Geschehens, er interagiert letztlich mit sich selbst.

Ghost machine ist keine Ortsführung, sondern eine faszinierende Reise in eine andere Welt. Sie steht unter dem Einfluss des Videos und des mit Kunstkopfmikrofon aufgenommenen Soundtracks, das den originalen Klang eines Raumes wiedergeben kann und es dem menschlichen Ohr unmöglich macht, Tonband und Wirklichkeit zu unterscheiden. Umso überraschender ist es, dass der auf den Bildschirm verengte Blick die Wahrnehmung des Ortes verschärft. So löst der Videowalk zugleich Selbstvergessenheit und besonders gesteigerte Wahrnehmung aus.

Der Bildschirm der Kamera ist schwarz. Du stehst im Nichts. Die Stimme sagt: "Mach die Tür auf." Du gehst eine Wendeltreppe hinab, hinter dir hörst du Schritte. Die Stimme beginnt wieder zu reden, du sollst eine weitere Tür öffnen. Du stehst auf der Bühne. Jede Geisterfahrt endet im Mittelpunkt des Theaters.

Ghost machine läuft noch bis zum 20. 2. von 12 bzw. 16 bis 23 Uhr im Berliner Hebbel Theater.


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00:00 18.02.2005

Ausgabe 39/2020

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