Schönheit, du Lump

Literatur Marion Poschmann wurde für den Man Booker Prize nominiert. Obacht jedoch: Ihre diskursive Einbettung ist mangelhaft

Buchpreise sollen schöne und auch gute Bücher prämieren. Dabei ist oft unklar, ob „gut“ auch „ethisch gut“ mit einschließt. Diese Frage stellt sich jetzt auch in Bezug auf Marion Poschmanns Die Kieferninseln. Poschmann ist die erste deutsche Autorin, die auf der Shortlist des diesjährigen Man Booker International Prize stand.

Die Jury hat größtenteils Werke gewürdigt, die sich mit Nationalgeschichten des 20. Jahrhunderts befassen. Annie Ernaux kreiert in Die Jahre eine hochreflektierte, kollektive Autobiografie für Frankreich. Jokha Alharthi vollzieht die Modernisierung des Oman im späten 20. Jahrhundert nach. Südamerika ist mit zwei AutorInnen vertreten: Juan Gabriel Vásquez nimmt sich Verschwörungstheorien der kolumbianischen Politik vor, und Alia Trabucco Zerán zeigt die Erinnerbarkeit an Chiles Pinochet-Regime durch die ihm folgende Generation. Die Gewinnerin aus dem letzten Jahr, Olga Tokarczuk, greift in ihrem Krimi Der Gesang der Fledermäuse aus weiblicher Sicht die neokonservative Wende Polens der letzten Jahre an.

Poschmanns Roman hingegen wirkt neben diesen Büchern merkwürdig fehl am Platz. Ihr Protagonist verlässt gleich zu Beginn der Geschichte Deutschland und fliegt nach Japan. Im Kontext der historischen und zeitgeistigen Erkundungen der anderen Kandidaten kommt unwillkürlich die Frage auf: Sagt uns Poschmanns Roman trotzdem etwas über Deutschland und seine Geschichte?

Tatsächlich verraten Die Kieferninseln einiges über das deutsche Verhältnis zur „Fremde“. Denn obwohl Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Mächten selbst während seiner kolonialen Hochphase kaum im ostasiatischen Raum involviert war, hatte es doch ein ähnliches Verhältnis dazu wie England oder Frankreich.

Der Orient als Idee, das ist die große These des Literaturwissenschaftlers Edward Said, war nie ein neutrales, mit Fakten beschreibbares Objekt, sondern ein Konstrukt des Westens. Die Art und Weise, wie er beschrieben wurde, sollte bestimmte westliche Verhaltensweisen legitimieren. Zuerst Handel, später Ausbeutung, Kolonisierung. Immer jedoch unter dem Deckmantel einer humanistischen Entwicklungshilfe.

Poschmanns Roman enthält einige orientalistische Züge. Ihr Protagonist, der deutsche Kulturwissenschaftler Gilbert Silvester, fährt in ein von ihm so bezeichnetes „Teeland“, dessen Kultur er im Vergleich mit der europäischer „Kaffeeländer“ (Italien usw.) furchtbar findet. In seiner ersten zwischenmenschlichen Begegnung zeigt sich auch ein Interesse, in diesem Land etwas Gutes zu tun. Er nimmt sich eines jungen Mannes mit Namen Tamagotchi an, der in akuter Selbstmordgefahr schwebt. Er macht ihn zu seinem Protegé.

Ätsch, mein Haiku ist besser!

Bei genauerer Betrachtung wirkt die ethische Dimension dieser Rettung etwas komisch. Das Verhältnis zwischen Silvester und Tamagotchi ist im besten Fall das zwischen Meister und Schüler. Die Hierarchien sind klar: Gilbert schläft auf dem Bett, Tamagotchi auf dem Boden. Wenn Gilbert über ihn spricht, dann wie über einen Wilden oder ein Tier. Dass er nicht bedrohlich wirke, weil sein Bart so mickrig sei. Dass der Japaner seinen „Einfluss akzeptiert“ habe, ihn bereits nachahme und sogar die „Möbel zu benutzen wusste“.

Hinzu kommt ein kurioser Umgang mit der japanischen Dichtung, die Silvester sich mimetisch anzueignen versucht. Er kopiert die Pilgerreise des Dichters Bashō, verfasst Haikus in seinem Stil. Er bringt Tamagotchi dazu, dasselbe zu tun, findet seine eigenen Werke aber besser. Silvester behält die Deutungshoheit. Seine Suche nach Selbsterkenntnis in der fremden Kultur geht klar zulasten ihres Verständnisses.

Diese Beschreibungen, oft in Form von Briefen, geben der Geschichte die Form eines englischen Reiseberichts aus dem Indien des 18. oder 19. Jahrhunderts. Durch die poetische Prosa zieht ein Hauch kultureller Dominanz, die kolonialen Modellen erschreckend ähnlich ist. Auch wenn Japan nie deutsche oder überhaupt Kolonie war.

Man kann Poschmann schwerlich die Regression in eine alte Kolonialfantasie vorwerfen. Aber mutmaßen, dass sie Elemente älterer Reiseberichte übernommen hat, um mit ihnen eine ganz andere Geschichte zu erzählen. Die eines unsicheren und nach Schönheit und Erkenntnis gierenden weißen Mannes, die beim Publikum so gut angekommen ist, dass es die antiquierten Versatzstücke gar nicht wahrgenommen hat.

Es ist möglich, dass sie intendiert hatte, mithilfe des kolonialen Diskurses einen Antihelden zu kreieren. Allerdings sind die Marker dafür nicht klar gesetzt. Kein Wunder, dass die Kritik hierzulande keinen einzigen Kommentar dazu formulierte. War es nicht intendiert, so zeigt sich daran die Tradiertheit imperialistischer Sprechmuster. Vielleicht kann man auch heute noch nicht über den ostasiatischen Raum sprechen, ohne ihn bewundernd herabzuwürdigen.

Wie ist es heute um die historische Verantwortung unserer Schriftsteller bestellt? Kann man über alles schreiben, sich jeder Kultur bedienen, ohne sich selbst in Frage zu stellen, den eigenen Drang zur „schönen“ Geschichte zu problematisieren?

Darf man das?

Diese Frage stellte jüngst Clemens J. Setz bei seiner Antrittsvorlesung als Heiner-Müller-Gastprofessor an der FU Berlin. Das ist die Professur, die 2018 Marion Poschmann innehatte. Setz erzählte von einer Entdeckung in einem Wiener Fitnessstudio. Im Foyer hing das Brookes-Diagramm, das den Querschnitt eines Schiffes zeigt, das bis zum Bersten mit Sklaven gefüllt ist. Das 1787 entstandene Bild, Kerndokument der Abolitionismus-Kampagne im 19. Jahrhundert, hing in diesem Fitnessstudio, gedruckt auf eine Weltkarte. Zur Deko. Setz erzählt dies mit gebührender Komik, zeigt sich aber auch ergriffen davon, wie ein Zeugnis des Schreckens so banal und gedankenlos daherkommen kann. „Darf man das“, fragt er das Publikum, „einfach so?“ Damit meinte er: Böses schön machen.

Fragen der Moral sind in der Kunst heikel. Man wittert sofort Zensur. Aber darum geht es ja gar nicht. Sondern darum, dass Literatur immer auch in einem historisch-politischen Zusammenhang steht. Die anderen Romane, die dieses Jahr für den Man Booker International Prize nominiert waren, haben diese diskursive Einbettung voll gewürdigt. Die Kieferninseln hat das nicht recht geschafft. Ein eben sehr schönes, aber nicht unbedingt „gutes“ Buch.

Seine internationale Anerkennung ist sicher genau dieser Schönheit geschuldet. Dass der orientalistische Einschlag die britische Jury nicht gestört hat, obwohl postkoloniale Kritik im angloamerikanischen Raum viel präsenter ist als bei uns, liegt vielleicht auch daran, dass Deutschland in dieser Arena nie sehr bedeutsam war. Doch auch Deutschland hat eine orientalistische Vergangenheit. Der unhinterfragte Bucherfolg hierzulande zeigt zumindest, dass dieser Fakt nicht weitverbreitet ist. Man müsste aber mal damit anfangen, sich zu informieren.

Agatha Frischmuth ist Doktorandin am Peter Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin

06:00 17.07.2019
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