Schön und gut

Design Objekte sollen mehr sein als Fassade: Junge Designer wollen auch soziale Verantwortung übernehmen. Aber wie geht das?

Wer Design hört, denkt an Bauhaus oder gestylte Kaffeekannen. Aber der Begriff hat sich verändert. „Just 48 hours to change the world“ - Nur 48 Stunden, um die Welt zu verändern; so hieß ein Design Workshop, der vor Kurzem in Berlin und gleichzeitig etwa 40 Ländern stattfand. Sonntagnachmittag, man ist nervös in der Medienagentur Fjord. Gleich werden die Entwürfe öffentlich präsentiert, an denen die Teilnehmer gearbeitet haben.

Es sind Designer aller Sparten gekommen, Grafiker, Kommunikationsdesigner, Markenexperten sowie Akteure aus Kulturpolitik und Medienwissenschaft. Überall stehen Laptops gerum, laufende Kameras übertragen das Geschehen im Internet, für 2000 Teilnehmer in 85 Städten. Von Tokio bis São Paolo sind sie alle über Livestreams miteinander verbunden. An den Wänden kleben bunte Post-Its, es wird laut diskutiert, manche basteln an einer Lego-Landschaft, die zum Prototyp werden soll.

Während Designer früher vor allem am Aussehen, an der Oberfläche und an der Funktionalität von Objekten gearbeitet haben, suchen sie mittlerweile vermehrt nach Lösungen für gesellschaftliche Probleme. Unter dem Namen Design Thinking etabliert sich eine neue Methode, die sich solchen „sinnvollen“ Erfindungen widmet und sie selbst kreiert. Diese Methode ist nicht mehr nur elitären Designerkreisen vorbehalten, sondern offen für alle Bereiche: Politik, Medien oder Wirtschaft.

Thermoschlafsack in Nepal

Die Ersten, die das neue Potenzial verstanden haben und die Design-Vordenker für viel Geld einkauften, waren Unternehmen. Design Thinking hat es inzwischen auch als d.school an die Universitäten geschafft. Von Stanford kam der Studiengang nach Potsdam. Dort entwickeln kleine, interdisziplinäre Teams ihre Innovationen. Zwar wurde das Konzept des Design Thinking im New-Economy-Mekka Silicon Valley geboren, mittlerweile hat es aber auch im sozialen Umfeld seinen Platz. Nicht-Regierungsorganisationen und Non-Profit-Unternehmer wollen damit die Welt retten. Oder wenigstens ein bisschen besser machen.

Eine von ihnen ist Jane Chen. Früher war sie eine von vielen BWL-Studentinnen, heute ist sie Chefin von Embrace, einer Vorzeigefirma des Design Thinking. Sie hatte an einem Kurs an der Universität Stanford zur Entwicklungshilfe teilgenommen.

Zusammen mit Ingenieuren und anderen Wirtschaftswissenschaftlern reiste sie nach Nepal, um für ihren Projektpartner einen günstigeren Brutkasten für frühgeborene Babys zu entwickeln – die Modelle sind mit um die 20.000 Dollar für viele einheimische Krankenhäuser Luxus. Als die Gruppe mit den Menschen vor Ort redete, fand sie heraus, dass die meisten Familien auf dem Land leben und ihnen die finanziellen Mittel für eine Reise in die Krankenhäuser der Städte fehlen.

Also entwickelte das Team einen Thermoschlafsack, in den ein kleiner Wärmeakku aus Wachs integriert ist, der mit heißem Wasser beheizt werden kann. Er kostet 25 Dollar, man kann ihn inzwischen kaufen.

Warum eignet sich Design Thinking für soziale Projekte? Statt auf ein Produkt ist der Erfindungsprozess auf den Menschen ausgerichtet: Es geht weniger darum, was ein Produkt kann oder wie es aussieht, sondern ob es die individuellen Bedürfnisse erfüllt. Indem Designer eng mit Nutzern und Konsumenten zusammenarbeiten, können sie deren Wünsche ergründen und Lösungen entwickeln, die näher am Menschen sind. Denn gute Werbung reicht auf dem ausdifferenzierten globalen Markt längst nicht mehr aus, um ein Produkt zu verkaufen. Die Idee selbst muss überzeugen.

Gute Ideen suchten auch die Teilnehmer des Workshops. Absolventen der Potsdamer d.school hatten das Wochenende ausgerichtet. In einem Video wurde die Design­herausforderung bekanntgegeben: Hidden Treasures – Versteckte Schätze. Die Teams verstanden die Aufgabe vor allem als persönliche und wertvolle Momente einzelner Personen, die sie entdecken und fördern wollen. Ein Team wünscht sich mehr Spaß im Alltag: Mit einem Getränk, das man am Kiosk kaufen kann. Wenn man es leertrinkt, enthüllt das Etikett eine Mission: „Bringe eine Person zum Lächeln“. Auf der dazu gehörigen Online-Plattform, welche die Studenten switchcom.Drink.do.share genannt haben, könnten die Konsumenten dann ihre Erlebnisse austauschen.

In der Marktlücke

Als es im vergangenen Jahr um das Thema „Superheroes“ ging, wurden soziale Ideen entwickelt, wie beispielsweise neue Formen von Nachbarschaftshilfe. Diesmal hat nur ein Team ein ähnliches Projekt konzipiert: eine Online-Plattform, über die ein Arbeitsaustausch stattfinden kann. Routinierte und gelangweilte Mitarbeiter sollen soziale Projekte finden, mit denen sie sich identifizieren können. Ein arbeitsmüder Architekt könnte so durch eine dreiwöchige Mitarbeit beim Bau eines Kinderheims neu motiviert werden.

Martin Jordan, einer der Organisatoren, arbeitet bei Nokia und möchte gegen die alltägliche „Servicewüste Deutschland“ kämpfen. Die öffentlichen Dienstleistungen, als Beispiel nennt er den Wahlgang, seien eine „Katastrophe“. Es ist eine neue Marktlücke für Designer.

Esther Masemann aus diesem Team will, dass ein Designprojekt mehr Einfluss hat als nur dem Einzelnen zu helfen. Für sie ist die Design-Thinking-Methode ein Werkzeug, mit dem man nachhaltige Projekte fördern kann. Bei einer Design Konferenz in San Francisco habe sich aber kaum einer dafür interessiert. Den meisten sei es nur um Profit gegangen.

An der Feedbackwand des Workshops in Berlin klebt hinterher ein Post-it. Es will der Ökonomisierung der Ideen entgegen wirken: „More real world problems!“ – Mehr Probleme aus der echten Welt! steht darauf.

Juliane Löffler hat am Hasso-Plattner-Institut Design Thinking studiert. Danach hat sie ein Staubsauger-ohne-Beutel-Projekt geleitet

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16:10 12.03.2012

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